Auszüge aus den Tagebüchern von Mieczysław F. Rakowski

24 April 1989

Langsam, unerbittlich, rückt der Wahltermin näher. Die Opposition wird immer aktiver. Bei unseren Stäben halten die Vorbereitungen auf den Wahlkampf an. Es gibt heute keine Antwort auf die Frage, mit welchen Ergebnissen wir die neue Etappe in der Entwicklung der Volksrepublik Polen eröffnen. Können wir die Mehrheit im Senat erlangen? Können wir von den 35 Prozent, die für die Parteilosen vorgesehen sind, etwas für uns „abzweigen“? Falls nicht, dann befinden wir uns in einer sehr schwierigen Situation. Die Opposition wird viele unserer Unternehmungen und Absichten blockieren können. Und selbst wenn wir erreichen, was wir uns wünschen, wird die Regierung unter ständigem Beschuss der Opposition stehen. Wojciech [Jaruzelski] ist immer bekümmerter. Ich verstehe ihn. Umso mehr, als unsere wirtschaftliche Situation geradezu katastrophal ist. Wir haben keine Devisenreserven mehr und die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal ist niedriger als die zur selben Zeit vor einem Jahr erbrachte. Bushs Acht-Punkte-Hilfsprogramm für Polen ist eher politisch von Bedeutung als wirtschaftlich.

Wałęsa hat eine triumphale Reise nach Italien absolviert. Er wurde empfangen vom Präsidenten, dem Premier, dem Chef der KP [Kommunistischen Partei] Italiens, den Anführern der Gewerkschaftszentralen und dem Papst. Er ist als ein Mensch aufgetreten, der sich um Polen sorgt und zur Hilfe für das Land aufruft.

Bei den Wahlen will sich Wałęsa nicht um ein Abgeordneten- oder Senatorenmandat bewerben. Er meint, er müsse seine Autorität für schlechtere Zeiten bewahren. […]

16 Mai 1989

Beratung unter Teilnahme der Woiwoden. Hauptthema: Wahlen. Es ist schlecht. In vielen Ortschaften hat sich die Kirche eindeutig auf die Seite der Opposition gestellt, diese ist jedoch nicht wählerisch, was die Mittel betrifft. Sie attackiert die ganzen vier Jahrzehnte sowie alles, was wir gegenwärtig tun. Es ist recht verbreitet, dass die Opposition zum Durchstreichen der Landesliste aufruft. Ganz zu schweigen, dass darauf Namen stehen, die auch in der Partei keine Begeisterung auslösen: Barcikowski, Czyrek, Miodowicz. Ich bin gespannt, wie ich aus dieser Klemme herauskomme. Wenn etwa zehn Millionen Menschen den Aufforderungen der Opposition Folge leisten, werden wir alle stürzen.

Heute in Krakau große antisowjetische Randale auf der Straße. Eine Gruppe dreister Jugendlicher belagerte das Konsulat der UdSSR. Auf das Wappen hatten sie „Arsch“ geschrieben. Die Hauptparole: „Sowjets nach Hause“. Womit wird das enden? Ich habe den Eindruck, dass wir gefährlich in die Kurve legen.

26. Mai 1989

Im Fernsehen wurde die Sendung „Drei Runden“ aufgezeichnet. Das Wahlfieber steigt immer höher. Die „Solidarność“ ist außergewöhnlich aktiv. Ihre Chefs haben im Wahlkampf dazu aufgerufen, die gesamte Landesliste durchzustreichen. Es stehen 35 Namen darauf. Auch meiner. Schon jetzt ist zu sehen, dass die Aufstellung der Landesliste ein Fehler war. Überhaupt, die ganze Art, den Wahlkampf zu führen, beweist unsere große Schwäche, die Partei ist nicht kampffähig, man muss sie so schnell wie möglich auflösen und eine neue gründen. Der Parteiapparat kann nicht aus seiner Haut, genau wie die Instanzen. Wenn wir heil aus den Wahlen hervorgehen, grenzt das an ein Wunder. WJ [Wojciech Jaruzelski] ist sich dessen auch bewusst.

2. Juni 2989

Der Wahlkampf ist vorbei. Zumindest meiner. Heute Abend ist Wojciech [Jaruzelski] im Fernsehen aufgetreten. Er hat zwölf Minuten gesprochen. Das, was er gesagt hat, kann man als korrekt ansehen. Er hat an die Vernunft appelliert, er hat sich über den Wahlkampf gestellt. Beiläufig hat er erwähnt, dass er sich noch nicht entschieden hat (es geht um seine Präsidentschaftskandidatur). Damit verändert er nicht viel, aber wir werden sehen.

Wir haben beschlossen, dass ich morgen noch im Fernsehen auftrete im Rahmen meiner „Gutenachtgeschichte“. Die Atmosphäre der Beunruhigung im Partei- und Regierungsestablishment wächst. Nicht ohne Grund, denn es besteht die Gefahr, dass die Landesliste (das heißt 35 führende Aktivisten, mich eingeschlossen) verloren sind.

4. Juni 1989

Wahlen. Agitationsgruppen halten Protestkundgebungen an den Wahllokalen ab. An meinem sind das Fernsehen, die Presse, Fotoreporter usw. Am Nachmittag trafen erste beunruhigende Nachrichten aus unseren Botschaften, Konsulaten usw. ein. Die vernichtende Mehrheit der Stimmen jenes ausgewählten Kreises wurde für die Opposition abgegeben.

5. Juni 1989

Sitzung des erweiterten ZK-Sekretariats. Die Mienen der Genossen sind betrübt. Seit dem Morgen ist bekannt, dass die Wahlen mit unserer Niederlage geendet haben. Keiner unserer Kandidaten für einen Senatorenposten ist durchgekommen.

WJ: Die Ergebnisse sind sehr schlecht; es muss schnell eine Formel für die Bewertung der Wahlergebnisse geprägt werden (eine Frage der Interpretation); es muss ein Tag für die Sitzung des PBs [Politbüros] festgelegt werden (schlägt er morgen vor); morgen ist auch das Treffen mit den Sekretären der WK [Woiwodschaftskomitees]. Es muss unbedingt rasch ein Treffen des Verständigungsausschusses stattfinden[1]. Es muss festgelegt werden, für wann das ZK-Plenum einberufen wird. Er ordnet noch heute eine Telefonkonferenz an. Er stellt Kontakt zur Kirche her, um auf dramatische Weise die Situation darzulegen. Die Kirche ist Hauptverursacher dessen, was passiert ist. Dort ist man jedoch am längeren Hebel. Unerlässlich ist eine Information für die Botschafter. Er möchte wissen, ob er den Besuch in Belgien und England abstatten soll (geplant ab dem 9. Juni).

Czarzasty: Das war ein Plebiszit, was niemand angenommen hatte. Die Sekretäre sind schockiert; sie dachten, dass es sich um Wahlen handelt, aber das war ein Plebiszit.

Czyrek: Es ist nicht gelungen, das Wahlziel zu erreichen; die Ergebnisse liegen vor; nach Onyszkiewicz [Pressesprecher der „Solidarność“] ist der Sieg der „S“ offenkundig, an einem zweiten Wahlgang sind sie nicht interessiert; die Wahlbeteiligung ist überraschend, wir haben eine größere erwartet; wir haben das Agitationsfeld der „Solidarność“ überlassen, Ciosek ist der Meinung, man müsse schon heute eine Erklärung zur Kommentierung der Wahlergebnisse abgeben.

Kiszczak: Der Gegner hat vom Anpfiff bis zum Abpfiff sehr hart gekämpft; er hat die raffiniertesten Mittel eingesetzt, was man von uns nicht behaupten kann. Die Ergebnisse der Senatswahl sind eine komplette Katastrophe. 65 Prozent werden wir auch nicht erlangen. Mindestens einige Mitglieder der PZPR [Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnische Vereinigte Arbeiterpartei] sind als Handlanger der „S“ angetreten (ein klassisches Beispiel ist Fiszbach). Noch schlimmer ist die Situation in der SD [Stronnictwo Demokratyczne, Demokratische Partei], in geringerem Maße in der ZSL [Zjednoczone Stronnictwo Ludowe, Vereinigte Volkspartei; genau wie die SD eine Satellitenpartei der PZPR]. Reykowski informiert, dass er am Samstag die Opposition kontaktiert und den Eindruck gewonnen hat, dass sie nicht an einer Destabilisierung interessiert ist.

Baka: Die Ergebnisse haben alle Erwartungen übertroffen; das Volk will uns einfach nicht. Man muss der Gesellschaft sagen, dass wir uns des Risikos bewusst waren. Was geschieht nun mit der Partei? Er meint, dass man das ZK-Plenum nicht vor dem 18. Juni [zweiter Wahlgang] einberufen sollte.

Kubasiewicz: Es ist schwierig, das Plenum vor dem 18. Juni einzuberufen, aber es müssen Beratungen mit den ZK-Mitgliedern stattfinden.

Diskussion über die Landesliste, die nach allen Vorzeichen am Himmel und auf Erden verloren ist. Es ist der Tag der großen Niederlage. Die Zeit ist reif für den Rückzug aus dem aktiven politischen Leben. Stępień meint, es braucht den Kontakt zwischen der Parteiführung und der Parteibasis.

Zusammenfassung WJ (kurz, weil morgen die gemeinsame Sitzung des PBs und der Ersten Sekretäre der WKs ist): Treffen des Premiers mit Wałęsa; erinnern an unsere Einstellung (Mäßigung), wir haben die Absprachen nicht gebrochen. Es sollte eine Absichtserklärung geben – das ist nicht gelungen. Innere und äußere Gründe. Die Landesliste wurde mehrere Wochen lang angegriffen. Es scheint, als müsse der Faktor Zeit genutzt werden. Treffen in den Kirchen. Angelegenheit von großer Bedeutung – Presse, Radio, Fernsehen. Was kann man unternehmen, damit die Journalisten nicht zu dem Schluss gelangen, dass sie der falschen Sache gedient haben?

Quelle: Mieczysław F. Rakowski, Dzienniki polityczne 1987-1990 [Politische Tagebücher 1987-1990], ISKRY-Verlag, Warszawa 2005.

Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel

[1] Komisja Porozumiewawcza została powołana do życia 18 kwietnia 1989 r. po spotkaniu Lecha Wałęsy z generałem Czesławem Kiszczakiem. Miała ona za zadanie nadzór nad realizacją postanowień Okrągłego Stołu. Wspomniane przez Rakowskiego posiedzenie Komisji odbyło się 8 czerwca. Miało ono bardzo nerwowy przebieg, a w jego trakcie przedstawiciele władz oskarżali stronę solidarnościową o rzekome prowadzenie agresywnej kampanii wyborczej. W rezultacie tego posiedzenia zdecydowano o zmianie ordynacji wyborczej przed drugą turą wyborów. Umożliwiło to obsadzenie przez stronę rządową brakujących 33 mandatów w Sejmie. Posłowie ci mieli jednak słabą legitymizację społeczną. Należy też pamiętać, iż spośród wybranych w drugiej turze kandydatów znalazły się też osoby reprezentujące władze, ale będące sympatykami, a nawet otwarcie popierane przez Solidarność, co dodatkowo osłabiło PZPR.