Genese des „Solidaritätsstreiks“ in der Danziger Werft

Jakub Kufel

Die Bildung des Überbetrieblichen Streikkomitees sowie die Formulierung der 21 Forderungen führten dazu, dass der Protest, der am 14. August 1980 in der Danziger Werft begonnen hatte, einen anderen Charakter annahm. „Solidaritätsstreik“ bedeutete eine neue Qualität in den Verhandlungen mit den Machthabern. Denn die Proteste beschränkten sich nicht mehr nur auf einen Betrieb; vielmehr wurde jetzt versucht, eine gemeinsame Plattform von Forderungen zu schaffen und damit eine Bewegung von unten für eine Reform des Systems des realen Sozialismus anzustoßen.

Zu den Auslösern der Streiks im Sommer 1980 gehörte die Erhöhung der „Marktpreise“ einiger Fleisch- und Wurstwaren, die am 1. Juli eingeführt worden war.[1] Die Preiserhöhung war die Folge der sich verschärfenden wirtschaftlichen Krise, die durch die irrationale Investitionspolitik Edward Giereks ausgelöst worden war. Die Proteste dagegen brachen in den Betrieben von Ursus, Sanok und Tarnów aus und weiteten sich mit der Zeit auf das ganze Land aus. Gesonderte Streiks in Betrieben wurden eingedämmt durch die Eingeständnisse der Lokalmachthaber, die wirtschaftlichen Forderungen zu erfüllen. Unter den Arbeitern setzte sich die Überzeugung durch, dass dies bei dem Kampf um die Verbesserung ihrer materiellen Lage das richtige Vorgehen sei.

In der „Dreistadt“ Danzig, Sopot, Gdingen hatte es schon im Dezember organisierte Proteste gegen Preiserhöhungen für Lebensmittel gegeben. Dass die Arbeiter damals aus den Betrieben auf die Straßen gingen, führte zu einer Tragödie. Die Armee schoss auf Arbeiter der Gdingener Werft.[2] Die oppositionellen Milieus in Danzig, die sich nach 1976 in öffentlich wirkenden Organisationen zusammenschlossen – KOR: Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, ROPCiO: Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte, WZZ: Freie Gewerkschaften, RMP: Die Bewegung Junges Polen – pflegten das Andenken an die in den Dezemberprotesten Ermordeten und begingen auch eine Reihe von patriotischen Jahrestagen. Die Staatsmacht ergriff Gegenmaßnahmen. Bei einer Kundgebung am 3. Mai vor dem Denkmal für König Jan III Sobieski wurden Dariusz Kobzdej von der RMP und Tadeusz Szczudłowski von ROPCiO verhaftet und zu 3 Monaten Freiheitsentzug verurteilt, wegen ihrer radikalen Ansprachen und Unabhängigkeitsforderungen. Zur Verteidigung der Verhafteten wurde in Dreistadt eine riesige Flugblattaktion organisiert. Laut Schätzungen wurden ca. 100-150 Tausend Flugblätter verbreitet, wodurch eine Atmosphäre der Spannung entstand und der Eindruck vermittelt wurde, dass in der Stadt etwas passiert[3].

Der Beschluss, in der Lenin-Werft den Streik auszurufen, wurde am 10. August 1980 bei einem Treffen in der Wohnung von Piotr Dyka in der Sienkiewiczstr. 10/6 gefasst; Anlass des Treffens war die Freilassung von Kobzdej und Szczudłowski. Während des Treffens, an dem die meisten Vertreter der Oppositionellen in der Dreistadt teilnahmen, traf die Nachricht ein, dass Anna Walentynowicz von der Danziger Werft, eine Aktivistin der Freien Gewerkschaft, am 7. August 1980 entlassen worden war, obwohl ihr nur noch 5 Monate bis zum Erreichen des Rentenalters fehlten.[4]

Bogdan Borusewicz wusste, dass seine Wohnung abgehört wurde. Deshalb bat er die Mitglieder der Freien Gewerkschaft Lech Wałęsa, Bogdan Felski und Jerzy Borowczak nach draußen. Dort wurde der Beschluss gefasst, den Streik auszurufen.[5] Borusewicz war sich bewusst, dass die Entlassung weiterer Aktivisten der Freien Gewerkschaften (Felski, Borowczak, Prądzyński) nur eine Frage der Zeit war. Die Entscheidung Prądzyński in das Entscheidungsgremium aufzunehmen fiel bei einem nächsten Treffen in der Wohnung von Bogdan Felski in der Ojcowskastr. 73[6]. Dabei wurde auch das Szenario des Streiks entworfen und der Text eines Flugblatts zur Verteidigung von Anna Walentynowicz formuliert. Das Flugblatt u.d.T. An die Arbeiter der Danziger Werft wurde von Bogdan Borusewicz, Joanna Duda-Gwiazda, Andrzej Gwiazda, Jan Karandziej, Maryla Płońska, Alina Pieńkowska und Lech Wałęsa unterzeichnet und beim Verlag „Alternatywy“ (betrieben von Zbigniew Nowak, Piotr und Maciej Kaczyńscy)[7] gedruckt. Bei dem Treffen bei Felski fielen auch die Beschlüsse über den Streikbeginn am 14. August 1980 sowie über den geplanten Ablauf.

Borusewicz, Wałęsa, Felski, Borowczak und Prądyński verabredeten sich für 5.00 Uhr morgens am Werfttor in der Dokstr., bei der Endstation der Straßenbahn. Bis 5.30 Uhr erschienen dort nur die beiden letzteren, die die Flugblätter bei sich trugen sowie eine Liste von Forderungen: Anna Walentynowicz wieder einzustellen, die Löhne um ca. 1000 Zloty zu erhöhen sowie eine Teuerungszulage einzuführen. Diese Materialien wurden zusammen mit der Zeitschrift „Robotnik“ [Arbeiter] bei den städtischen Verkehrsbetrieben in Umlauf gebracht.[8] Da Felski, Wałęsa und Borusewicz abwesend waren, entschlossen sich Borowczak und Prądzyński mit dem Streik zu beginnen. Sie gingen durch das Tor Nr. 2 auf das Gelände der Werft. Wie geplant ging Jerzy Borowczak zur Abteilung K-5, die sich auf einer Insel befand, um die dortige Belegschaft von der Notwendigkeit zu überzeugen, den Protest zu starten; danach gingen sie gemeinsam zur Abteilung K-3, wo Prądzyński gearbeitet hatte. Felski schloss sich den bereits Streikenden mit Verspätung an. Nachdem sie am Tor Nr. 2 die polnische Nationalhymne gesungen hatten, ehrten sie mit einer Schweigeminute die Toten des Dezember 1970. Als Rednertribüne diente ein zufällig dort abgestellter Bagger, an dem man dann die Liste der Forderungen aufhängte (Wiedereinstellung Walentynowiczs, Lohnerhöhungen, Teuerungszulage) und es wurde Streikkomitee gewählt, dessen Zusammensetzung Borowczak auf einem Blatt Papier notierte. Als schon 20 Namen auf der Liste standen, wandte sich der Werftdirektor Klemens Gniech, der sich großer Popularität bei den Arbeitern erfreute, mit einer Ansprache an die Belegschaft. Er forderte die Arbeiter auf, an die Arbeit zurückzukehren; ihre Forderungen wollte er mit dem gerade gewählten Streikkomitee diskutierten.[9]

Dieser kritische Moment des Streiks wurde überwunden, als Lech Wałęsa[10] erschien, auf den Bagger kletterte Direktor Gniech zurief: „Ich habe hier gearbeitet, habe Vertrauen der Belegschaft gehabt und Sie haben mich entlassen. Erinnern Sie sich?“[11]. Nachdem er von der versammelten Menge als Mitglied des Streikkomitees bestätigt worden war, wurde beschlossen, Anna Walentynowicz mit dem Auto des Direktors in die Danziger Werft bringen zu lassen, woran sie sich folgendermaßen erinnert: „Wir kommen bei Tor Nr.2 an – Öffnet das Tor! Schreien die Werftarbeiter, und ich sehe mit Erstaunen, wie die Wachen den jungen Arbeitern gehorchen. Das Tor öffnet sich. Wir fahren in die Werft ein. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Ich sehe unermessliche Menschenmassen. Da steht auch ein Bagger. Die Leute wollen mich sehen. Ich klettere also auf das Dach des Baggers. Jemand schenkt mir ein Strauß roter Rosen. Ich stehe mit den Rosen auf dem Bagger und sehe das Meer der Köpfe. Auf einem Transparent auf einer Hartfaserplatte steht mit Kreide geschrieben: ‚Anna Walentynowicz wieder anstellen, Tausend Zloty Teuerungszuschlag‘. Ich will etwas sagen, doch ich kann nicht. Mir dreht sich alles im Kopf.“[12]

Die Ankunft von Anna Walentynowicz und die weitere Entwicklung der Lage wurden von Funktionären der Staatssicherheit beobachtet. Die Abteilung „B“ der Wojewodschaftskommandantur der Miliz (KW MO) führte eine Operation mit dem Decknamen „Tor“ (Brama) durch, bei der es die Überwachung der Werfttore (besonders von Tor Nr.2) ging. Registriert wurden Zeitpunkt und Umstände des Eintreffens von Oppositionellen auf dem Gelände der Werft, ebenso alle eintreffenden Fahrzeuge. Die Entwicklung der Streikaktion wurde seit den frühen Morgenstunden des 14. August beobachtet. Die Funktionäre der Staatssicherheit hielten die Umstände fest, unter denen es zum Streikausbruch in der Danziger Werft gekommen war: „Um 8.00 Uhr wurde das Einfahrtstor zur Werft geschlossen und in seiner Nähe erschienen ungefähr 15 Werftarbeiter in Overall und Schutzhelmen. Diese Gruppe ließ ankommende Personen herein und blockierte zugleich den Ausgang. Über die Lautsprecher, die auf dem Platz installiert waren, auf dem sich die Werftarbeiter versammelt hatten, kamen Aufrufe zur Niederlegung der Arbeit und zur Aufnahme eines Besetzungsstreiks. Unter den Rednern wurde die Zielperson „Ochse“ [Lech Wałęsa – J.K.] erkannt, die die Verantwortung des Streikführers auf sich genommen hatte“.[13] Das Politbüro des Zentralkomitees der PVAP, das am 14. August 1980 tagte, äußerte seine Besorgnis über die Situation im Lande. Man war sich bewusst, dass sich das Szenario vom Dezember 1970 wiederholen könnte. J. Łukaszewicz warnte: „Es besteht die Gefahr, dass Menschen auf die Straßen gehen. Es wächst eine Stimmung der Streitsucht. Das Parteiaktiv kritisiert unsere Abwesenheit in einer Situation wachsender Spannung und kritisiert den totalen Mangel an Information“.[14]

Bogdan Borusewicz erfuhr von der Entwicklung der Streiklage durch Jacek Kuroń. Der Anführer der Freien Gewerkschaften und spiritus movens des Streiks erinnerte sich: „Am Nachmittag [14. August] um 15.00 Uhr wachte ich auf und rief Jacek Kuroń an. Jacek war sehr aufgeregt. Er sagte, dass in Danzig, in der Danziger Werft ein Streik ausgebrochen sei, er gratulierte… Von dem Streik hatte er durch Alina Pieńkowska erfahren, die ihn gleich morgens angerufen hatte… Nach diesem Telefonat, ab 15.00 Uhr, stürzte ich mich in die weitere Arbeit“.[15] Obgleich die Initiatoren des Streiks anfangs wenig reflektiert vorgingen, erlangte der Protest die richtige Dynamik. Die jungen Werftarbeiter, die den Streik angefangen haben, sorgten dafür, dass die Arbeiter nicht auf die Straßen gingen. Der Protest nahm die Form des Besetzungsstreiks an. Das Streikkomitee, das die Verhandlungen mit dem Direktor Klemens Gniech führen sollte, übernahm den Betriebsrundfunk, über den Verlauf der Verhandlungen übertragen wurde.[16] Die Liste der Forderungen wurde ergänzt, u.a. durch folgende: Sicherheitsgarantien für alle Mitglieder des Streikkomitees und die Streikenden, Wiedereinstellung von Anna Walentynowicz und Lech Wałęsa, Errichtung eines Denkmals für die Opfer vom Dezember 1970, Legalisierung der Freien Gewerkschaften, Teuerungszuschlag von 2000 Zloty, Angleichung der Familienzulagen an die entsprechenden Zulagen im Innenministerium und in der Polnischen Armee, Beendigung der Willkür von Miliz und Staatssicherheit, Lohnfortzahlung während des Streiks, Information der Gesellschaft über den Streik in der Danziger Werft, Freilassung der politischen Gefangenen.[17]

Die ersten Forderungen, die in Danziger Werft formuliert wurden, waren überwiegend wirtschaftlicher Natur und beschränkten sich auf einen Betrieb. Ähnliche Forderungen stellten auch andere Betriebe in der Dreistadt, die sich, inspiriert durch die Vorgänge in der Danziger Werft, dem Protest anschlossen, so die Werft „Pariser Kommune“ in Gdingen, die Städtischen Verkehrsbetriebe in Danzig, die Nordwerft „Die Helden der Westerplatte“ in Danzig, das Werk für elektrische Schiffausrüstung und Automatik „Elmor“ in Danzig.[18] Ihre Unterstützung für den Streik erklärten auch Vertreter der Danziger oppositionellen Gruppen. In einer Erklärung der Bewegung des Jungen Polen 15. August lesen wir: „Am gestrigen Tag hat ein Streik in der Danziger Werft begonnen. Neben ökonomischen Verbesserungen wurde auch folgendes gefordert: die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung an die Opfer der Werftarbeiter, die im Dezember `70 getötet wurden, die Wiedereinstellung aller aus politischen Gründen Verfolgten. Wir solidarisieren uns uneingeschränkt mit diesen Forderungen der Danziger Werftarbeiter.“[19] Angehörige der Opposition berieten die Streikenden, unterstützten sie mit Versorgungsgütern, leisteten moralischen Beistand (u.a. durch die von Bożena Rybnicka und Magdalena Modzelewska angeleiteten Gebete) und halfen beim Druck von Streikmaterialien.[20]

Entscheidend für die Entwicklung der Streiklage in der Danziger Werft war Samstag, der 16. August. Seit den Morgenstunden lief eine Debatte, die über den Betriebsrundfunk übertragen wurde. Die Vertreter des Streikkomitees schränkten die Summe der geforderten Lohnerhöhung auf 1500 Zloty für jeden Beschäftigten ein. Die Masse der Streikenden reagierte mit Pfiffen auf alle Vorschläge von Direktor Klemens Gniech, die auf eine Minderung der Lohnerhöhung zielten. Die Belegschaft verpflichtete sich, dem Direktor einen Vorschlag schriftlich zu unterbreiten.[21] Der Direktor bestätigte die dann vorgeschlagene Lohnerhöhung. Die Streikenden erhielten auch eine Sicherheitsgarantie, die vom Ersten Sekretär der PVAP in Danzig Tadeusz Fiszbach bestätigt wurde, sowie die Verpflichtung Anna Walentynowicz und Lech Wałęsa wieder einzustellen, ferner das Versprechen, ein Denkmal für die Opfer des Dezember `70 zu errichten. Hinsichtlich der übrigen Forderungen – Überprüfung der Tätigkeit der Freien Gewerkschaft auf dem Gebiet der Werft, Verbesserung der Lebensmittelversorgung, Abschaffung der „Marktpreise“, Angleichung der Familienzulagen an die von Mitarbeitern der Staatssicherheit und der Polizei sowie Lohnfortzahlung für die Streikzeit (entsprechend den Urlaubsbezügen) – verpflichtete sich Direktor Gniech, sie an die jeweils zuständigen Stellen weiterzuleiten.

Nach Abschluss der Gespräche wandte sich Lech Wałęsa an die streikende Belegschaft und informierte sie über die Abmachungen. Nach Ansicht Jerzy Borowczaks hatte der Vorsitzende des Streikkomitees bemerkt, dass die Situation gefährlich wurde. Also wandte er sich an die Menge und sagte: „Ich bin Demokrat. Stimmen wir ab: Wer ist für die Beendigung und wer für die Fortsetzung?“ Da die Mehrheit für die Beendigung des Streiks stimmte, verkündete Wałęsa offiziell diesen Beschluss.[22] Damit waren die Vertreter der Belegschaften anderer streikender Betriebe der Dreistadt aber nicht einverstanden. Es gab Vorwürfe an die Adresse des Streikführers. Führend waren dabei Henryka Krzywonos und Ewa Ossowska, die darauf hinwiesen, dass ohne die Unterstützung der Danziger Werft die Streiks in den kleineren Betrieben unterdrückt werden würden. Nachdem der Vorwurf des Verrats gegen Lech Wałęsa laut geworden war, beriet sich dieser mit Bogdan Borusewicz und erklärte dann: „Wenn ihr streiken wollt, dann streiken wir. Ich verkünde hiermit den Solidaritätsstreik.“[23]

Ähnlich beschreibt einer der Augenzeugen diese Situation (seinen Bericht gibt Lech Wałęsa in seiner Autobiografie wieder): „Wałęsa steht vom Tisch auf, verkündet durch Mikrofon die Beendigung des Streiks, geht zur Tür, reckt die geballte Faust und sagt zu den Kollegen aus der Freien Gewerkschaft: Wir haben gesiegt! Die aber sehen das ganz anders. Ich stand mit Zdzich Złotowski an der Hauptdurchgangstür vom Raum für Arbeitsschutz und Arbeitshygiene zur großen Vorhalle, wo sich die Garderoben befanden. Als die Vereinbarungen am Tisch in der Mitte unterschrieben wurden, war der Saal halb leer. Als Lech den Kollegen Zdzich und mich sieht, hebt er die Arme und sagt: ‚Ich habe gesiegt‘. Und ich sage: Einen Sch…hast du gesiegt. Du hast verloren. Schau, was auf der Werft los ist, die Kabel sind durchgeschnitten, die Lautsprecher mit Äxten zertrümmert; sie schreiben über dich „Verräter, Spitzel“ an die Mauern und sie spucken auf dich. Und wenn du dich vor das Tor wagst, werden sie dich steinigen. Lech hat die Sprache verschlagen und er fragt: ‚Jesus, was habe ich da gemacht?‘ Und Zdzich sagte zu ihm: ‚Was du gemacht hast? Du hast uns alle verkauft. Du hast nur dich selbst verteidigt und deine Lohnerhöhung um 1,500 Zloty.‘ Daraufhin sagt er: ‚Und was soll ich jetzt tun?‘ – ‚Ein richtiger Streik zur Verteidigung der kleinen Betriebe, die dich unterstützt, die dich verteidigt haben‘. Daraufhin sagt Lech: ‚Dann helft mir!‘ Die Leute, die außerhalb der Werft vor dem zweiten Tor stehen, sehen durch die Gitter einen vorfahrenden Elektrokarren; darauf steht Wałęsa, der ein Mikrofon in die Hand nimmt. Er kommt ans Tor, er erinnert daran, dass er, so wie er gesagt hat, die Werft als Letzter verlassen wird, und wenn die Versammelten nicht wollen, dass der Streik beendet wird, dann geht er weiter. – ‚Wer will streiken?‘ , wird gefragt. – ‚Wir!‘ – ‚Wer ist dagegen?‘ Stille.- ‚Also streiken wir. Ich verlasse die Werft als letzter. Die Tore bleiben geschlossen‘.“[24]

Die Werftarbeiter, die mit dem positiven Ausgang der Verhandlungen zufrieden waren, bewegten sich zu dieser Zeit schon in Richtung der Ausgangstore. Direktor Klemens Gniech ließ über Lautsprecher verkünden, dass diejenigen Belegschaftsmitglieder, welche bis 18.00 Uhr den Betrieb nicht verließen, nicht in den Genuss der versprochenen Lohnerhöhungen von 1,500 Zloty kommen würden.[25] Daraufhin beeilten sich die Arbeiter, den Betrieb zu verlassen. Der Streik wurde von Frauen gerettet: von Alina Pieńkowska, Anna Walentynowicz, Ewa Ossowska und Henryka Krzywonos, die herbeieilten, um die Arbeiter noch vor den Toren aufzuhalten. Alina Pieńkowska erinnert sich so an die Ereignisse: „Ich kam in all dem Durcheinander zu dem Schluss, dass wenn der Streik fortgesetzt wird, er woanders endet, dann muss man in die eine oder andere Richtung entscheiden…ich lief zu Tor Nr. 3. Ich erinnere mich an diesen Moment, als ich auf einen Fass kletterte, ich zog meinen Werksausweis raus – denn am Anfang wollte mir absolut niemand zuhören – und sagte, dass ich Mitarbeiterin der Danziger Werft sei und ihnen nur Informationen darüber weitergeben wollte, was am Tor Nr. 2 vorging. Die Menschen hielten für ein Augenblick an, wir verschlossen die Tore.“[26] Die Danziger Werft war aber zu groß und das Versprechen der Lohnerhöhung so verlockend, dass die Mehrheit der Arbeiter den Betrieb schon verlassen hatte. Das Schicksal des „Solidaritätsstreiks“ sollte sich in den drauffolgenden Tagen entscheiden.

Formalisiert wurde die Entscheidung, dem Streik einen anderen Charakter zu geben, in der Nacht vom 16. auf 17. August, als das Überbetriebliche Streikkomitee gegründet wurde, mit Lech Wałęsa an der Spitze. In dem Kommuniqué vom 16. August 1980 heißt es: „Aufgrund der Vereinbarung zwischen den Belegschaften der streikenden Betriebe und Unternehmen der Küste wurde ein Überbetriebliches Streikkomitee [MKS] mit Sitz in der Danziger Werft gegründet. Das Ziel des Komitees ist es, die Forderungen und Streikaktionen der Betriebe und Unternehmen zu koordinieren. Es wurde ein Text der Forderungen erarbeitet, die auf einem gemeinsamen Beschluss aller Streikkomitees beruhen. Es wurde beschlossen, den Streik solange fortzusetzen, bis alle Forderungen erfüllt sind. Das Komitee ist bevollmächtigt, alle Gespräche mit den Zentralorganen zu führen. Die Ankündigung der Beendigung des Streiks obliegt dem Komitee. Nach Beendigung des Streiks wird das Komitee nicht aufgelöst, es wird die Realisierung der Forderungen kontrollieren sowie Freie Gewerkschaften organisieren.“[27]

In der Nacht vom 16. auf 17. August wurden 21 Forderungen formuliert. Anfänglich waren es viele mehr. Einige weniger wichtige wurden verworfen und man diskutierte über ihre Hierarchie. Aleksander Hall, der an der Diskussion über die Forderungen teilnahm, warnte vor übermäßigem Radikalismus.[28] Er befürchtete Anschuldigungen wegen konterrevolutionärer Aktivitäten und meinte, dass politisch motivierte Forderungen, z. B. nach den freien Wahlen, zum Ausdruck brächten, dass in der Werft etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Die Forderung nach freien Gewerkschaften war nach seiner Meinung das Maximum dessen, was man sich erlauben könne, ohne in eine offene Konfrontation mit der Staatsmacht zu geraten.[29] Entscheidenden Einfluss auf die Gestalt der Forderungen hatte Bogdan Borusewicz, der sie gruppierte und hierarchisierte. An die Spitze stellte er die Forderung nach Bildung unabhängiger Gewerkschaften, die Abschaffung der Zensur, Sicherheitsgarantien für die Streikenden, Sicherheit sowie die Freilassung der politischen Gefangenen. Er strich Tadeusz Szczudłowskis Forderung nach freien Wahlen von der Liste, milderte den Punkt über die Abschaffung der Zensur ab, indem er den Verzicht auf Repressionen gegen unabhängige Verlage forderte, und fügte einen neuen Punkt über Rundfunkübertragungen von kirchlichen Messen hinzu.[30]

Die Forderungen schufen eine gemeinsame Plattform für den Kampf, den bis dahin die einzelnen Betriebe allein ausgefochten hatten. Arkadiusz Rybicki und Maciej Grzywaczewski hielten die Forderungen auf einer großen gemalten Tafel fest, die sie an Tor Nr. 2 der Danziger Werft aufhängten. Die Tafeln mit den Forderungen dienten dazu, der Desinformationspolitik der Machthaber vorzubeugen und den Einwohnern Danzigs deutlich zu signalisieren, wofür die Arbeiter der Danziger Werft kämpften – dass es nicht nur um wirtschaftliche Forderungen ging, sondern auch um gesamtgesellschaftliche.[31]

[1] „Marktpreise“ galten für Waren, bei denen die Nachfrage höher war als das Angebot (u.a. Fleisch und Fleischprodukte). Nach Antoni Dudek waren die für den 1. Juli 1980 verfügten landesweiten Preiserhöhungen für Fleischprodukte in den Werkskantinen zwar an sich wenig bedeutend, stellten aber einen Präzedenzfall dar, der angesichts der gespannten Lage Unmutsausbrüchen im ganzen Land auslöste. A. Dudek, Dzieje dziesięciomilionowej Solidarności [Die Geschichte der Millionengewerkschaft „Solidarität“ (1980-1981). Warszawa 2005, S. 19.

[2] Ausführlich dazu J. Eisler, Grudzień 1970. Geneza, przebieg, konsekwencje [Dezember 1970. Genese, Verlauf, Folgen]. Warszawa 2000, S. 209.

[3] Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność. Co zostało? [Solidarität. Was ist geblieben? Bożena Rybicka; Maciej Grzywaczewski].

[4] In dem Protokoll über die Entlassung von Anna Walentynowicz aus disziplinarischen Gründen heißt es: „Ich löse den Arbeitsvertrag mit Ihnen zum 7.8.1980 fristlos auf wegen Verletzung grundlegender betrieblicher Pflichten, insbesondere wegen Missachtung der Anweisungen Ihrer Vorgesetzten – Verweigerung die Arbeit in Abteilung Gs vom 29.7. bis 1.8.1980 sowie ungerechtfertigtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz vom 4. bis 5.8.1980.“ Der Inhalt des Flugblatts abgedruckt bei S. Cenkiewicz, Anna Solidarność. Zycie i działalność Anny Walentynowicz na tle Epoki [Anna Solidarität. Leben und Werk von Anna Walentynowicz vor dem Hintergrund der Epoche (1929-2010). Poznań 2010.

[5] Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność, Solidarność. Solidarność po XX latach. [Solidarność 20 Jahre später Jahre später. Bogdan Borusewicz].

[5] Ebenda, Jerzy Borowczak.

[6] Ebenda, Jerzy Borowczak.

[7] Ausführlicher dazu W. Polak, Wydawnictwo „Alternatywy“. Z dziejów gdańskiej poligrafii podziemnej, Gdańsk Toruń-Bydgoszcz [Der Verlag ‚Alternative‘ Zur Geschichte der Danziger Untergrundpublikationen]. Gdańsk, Toruń, Bydgoszcz 2009, S. 19. In einem Flugblatt u.d.T. „An die Beschäftigten der Danziger Werft“ heißt es: „Wir wenden uns an Euch als Kollegen von Anna Walentynowicz. Sie arbeitet seit 1950 auf der Werft. 16 Jahre als Schweißerin, dann als Kranführerin in der Abteilung W-2, ausgezeichnet mit dem bronzenen, dem silbernen und 1979 dem goldenen Verdienstkreuz. Sie war immer eine untadelige Mitarbeiterin, außerdem eine Person, die keine Kränkung oder Ungerechtigkeit duldete. Das war der Grund, warum sie beschloss aktiv zu werden, um an der Gründung unabhängiger Gewerkschaften mitzuwirken. Seit dieser Zeit erfährt sie am Arbeitsplatz unterschiedliche Schikanen: z. B. mehrmonatige Delegierung in eine andere Abteilung, zwei Tadel wegen Verbreitung des „Robotnik“ [Arbeiter], Versetzung in die Abteilung GS. Obgleich unangenehm und belastend hatte das bisher keinen extremen Charakter. Seit Neuestem aber bemüht sich die Direktion nicht einmal mehr um den Anschein von Rechtmäßigkeit.“ Flugblatt der Freien Gewerkschaften, Do pracowników Stoczni Gdańskiej, w Zapis wydarzeń. Gdańsk-sierpień 1980. Dokumenty, oprac. A. Drzycimski, T Szkutnik, Warszawa 1999, S.3

[8] Die Verteilung auf der Strecke von Sopot her übernahmen Bogdan Borusewicz, Jan Karandziej, Mieczysław Klamrowski, Mirosław Walukiewicz, Tomasz Wojakowski, Leszek Zborowski; auf der Strecke von Tczew und Danzig u.a. Kazimierz Zabczyński, Sylwester Niezgoda. S. A. Kazański, Sierpień 80 w Gdańsku „Biuletyn Instytutu Pamięci Narodowej, 2010 Nr. 9-10 S. 22 [Der August `80 in Danzig], Karandziej, Musiałem przeskakiwać przez płot, [Ich musste durch den Zaun springen], Biuletyn IPN Nr. 8-9, S. 127

[9] J. Borowczak, B. Felski, Jak rozpoczął się strajk?, „Wolność i Solidarność” [Wie der Streik begann?], 2010, Nr. 1, S. 61; Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność; J. Durlik, Poszliśmy pod dyrekcję [Wir zogen zur Direktion]. In: Sierpień 80 we wspomnieniach [Der August `80 in Erinnerungen. Hrsg. v. Marek Latoszek. Gdansk 1991, S. 42.

[10] Die Umstände seines verspäteten Erscheinens „zum Streiken“ hat Bohdan Borusewicz verständlich zu machen versucht: „Ich glaube, er hat gezögert. Er wusste, dass er beschattet wurde, und er hat wohl überlegt, ob man ihn verhaften würde.“ Der Anführer der Freien Gewerkschaften verwies darauf, dass Walesa anfangs nicht begeistert von der Aktion war, da er ein kleines Kind hatte, das bald getauft werden sollte, und so war Prądzyński beauftragt worden, ihn zu überzeugen: „Ich beauftragte ihn, dass er Walesa mindestens zweimal vor dem Streik aufsuchen sollte, um ihn zu überzeugen…“. Während des Streiks jedoch, so Borusewicz, traten Wałęsas herausragende Führungsqualitäten zutage – eine der Voraussetzungen für seinen Erfolg“. B. Borusewicz, Jak runął mur, [Wie die Mauer fiel]. Warszawa 2005, S. 121.

[11] Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność, Solidarność, co zostało? Jerzy Borowczak

[12] Zitiert nach S. Cenkiewicz, S. 113.

[13] Siehe IPN Gd 0046/364, Bd. 1, Bericht über die durchgeführte Observation, Deckname „Tor“, vom 14.8.1980, 7.00 Uhr, bis 15.8.1980, 6.00 Uhr, verfasst durch den Stellvertretenden Leiter der Abteilung B des KW MO in Danzig, Major Jan Nyk, Danzig am 21.8.1980, Bl. 92.

[14] Tajne Dokumenty Biura Politycznego. PZPR a Solidarność. [Geheime Dokumente des Politbüros. Die PZPR und die „Solidarnosc“]. Bearb. v. Zbigniew Włodek. London 1992, S. 25.

[15] Cicha legenda. Rozmowa z Bogdanem Borusewiczem [Die stille Legende. Ein Gespräch mit Bogdan Borusewicz]. In: J. Jankowska, Portrety niedokończone [Unvollendete Porträts]. Warszawa 2004, S. 64. Ausführlicher dazu A. Friszke, Telefon Jacka Kuronia [Jacek Kurońs Anruf. Das KSS „KOR“ und die Streiks im Sommer 1980]. „Wolność i Solidarność“ 2010, Nr. 1, S. 22.

[16] „Eine der ersten Entscheidungen des Streikkomitees war es, Zugang zur Station des Betriebsrundfunks der Werft zu verlangen. Wir wussten, dass die Öffentlichkeit aller Gespräche und Verhandlungen unsere Stärke war… Das Lautsprechersystem der Werft schloss sämtliche Abteilungen und Produktionshallen ein… Sobald wie die Schlüssel zur Rundfunkstation in der Hand hatten, fiel die Entscheidung, alle Gespräche über die installierten Mikrofone aufzunehmen. Dank dessen gibt es eine fast vollständige Tondokumentation des Streiks.“ L. Wałęsa, Droga nadziei [Weg der Hoffnung] Kraków 2006, S. 150. Die Aufzeichnungen der Gespräche: Gdańsk. Sierpień 80 [Danzig August `80. Die Gespräche]. Bearb. v. A, Drzycimski u. T. Skutnik. Gdansk 1990.

[17] Archiv des Europäischen Zentrums Solidarność, Flugblätter des Streiks im August 1980; Sign. ECSD/T/AS/1038, Flugblatt „Hauptforderungen des Streikkomitees der Danziger Werft. Ausführlicher Gdańsk, Sierpień , S. 16.

[18] Ausführlicher dazu L. Biernacki, A. Kazański, NSZZ Solidarność, Region Gdański in NSZZ „Solidarność“ 1980-1989, B. 3, red. Łukasz Kamiński, Grzegorz Waligóra, Warszawa 2010, S. 16

[19] Erklärung des RMP vom 15.8.1980. Das Dokument ist im Besitz von Miroslaw Rybicki.

[20] Schon am 15. August wurden auf dem Gelände der Werft im Siebdruckverfahren in großer Zahl Flugblätter im A4-Format hergestellt. Sie wurden innerhalb der Werft verteilt, außerhalb des Werftgeländes verbreitet sowie anderen Streikzentren zugestellt. IPN Gd 0046/364/1, dienstlicher Vermerk von Hauptmann T. Kaczmarek vom 15.8.1980; ebenda: dienstlicher Vermerk von Nicer, Grabowski, Wisniewski vom 16.8.1980.

[21] Gdańsk. Sierpień 80, bearb. A. Drzycimski, T. Skutnik, Gdańsk, 1990, S. 86

[22] Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność…

[23] Ebenda, Dokumentarfilm, Nie byliśmy bohaterami [Wir waren keine Helden].

[24] Lech Wałęsa, Droga nadziei [Weg der Hoffnung] Kraków 2006, S. 165.

[25] Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność, Solidarność po XX latach, Jerzy Borowczak

[26] Ebenda, Solidarność po XX latach, Alina Pieńkowska

[27] Flugblatt. Kommuniqué des Überbetrieblichen Streikkomitees, Danzig 16.8.1980. In: Zapis Wydarzeń Gdańsk-Sierpień 1980. Dokumenty. Bearb. A. Drzycimski, T. Skutnik, Warszawa 1999, S. 30

[28] Im Gespräch mit Mirosław Rybicki erklärte er, dass der RMP zwar das Programm, das hinter den Forderungen der Arbeiter stehe, zwar uneingeschränkt unterstütze; das bedeute aber nicht, dass er allen von den Arbeitern erhobenen Forderungen zustimme. Er sagte, „die Forderungen können radikalisiert werden und manche davon könnten einen demagogischen oder sogar unverantwortlichen Charakter haben“. IPN Gd 0046/364/1. Dienstvermerk von Direktor H. Walczyński vom 17.8.1980, Bl. 23.

[29] Informationen von Aleksander Hall.

[30] P. Adamowicz, Solidarność na sklejce. Gdzie są dokumenty z sierpnia 80? [Solidarität auf der Hartfaserplatte. Wo sind die Dokumente vom August `80?] „Rzeczpospolita“ Zugabeheft Plus-Minus 30. 08. 2003; Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność, Solidarność. Solidarność po XX latach. Bogdan Borusewicz

[31] Ausführlicher über die Tafeln Sammlung von Filmdokumenten des Europäischen Zentrums Solidarność, Solidarność. Co zostało? [Solidarität. Was ist geblieben?] Maciej Grzywaczewski; ebenda, Arkadiusz Rybicki, P. Adamowicz, Solidarność na sklejce. Gdzie są dokumenty z Sierpnia 80?[ Solidarität auf der Hartfaserplatte, Wo sind die Dokumente vom August 80?] , „Rzeczpospolita“ Zugabeheft Plus-Minus, 30. 08. 2003

Aus dem Polnischen von Monika Wrzosek-Müller