Die Liste der 21 Forderungen/Postulate als politischer Kommunikationsakt und Aussagegattung

Janina Fras

Einführung

In der politischen Kommunikation, wie auch in der Politik, unterscheiden wir zwei wesentliche Gemeinschaften von Teilnehmern – die Herrschenden und die Beherrschten, die grundsätzlich in einer asymmetrischen Beziehung zueinander stehen, was bedeutet, dass die Akteursrolle und die Initiative in der Kommunikation meist bei den Herrschenden liegen. Besonders autoritäre Systeme (so wie das der späten VRP) fördern die öffentliche kommunikative Aktivität der Beherrschten nicht; die Bürger haben auch keinen Zugang zu den Massenmedien als Gestalter öffentlicher Meinung. Außerdem: Keine Revolution (auch nicht der polnische August ´80) schafft günstige Bedingungen für die Bewahrung und Erhaltung von Texten (Kommunikationsakten), deren Urheber die Beherrschten sind.

So gibt es denn auch nur wenige erhaltene und aufgezeichnete Texte von den Anfängen der Solidarność[1]-Bewegung. Die Liste der 21 Forderungen (L21P) – diesen minimalistisch identifizierenden Titel erachten wir heute als grundlegend; er wird im Bewusstsein der Polen wohl auch als der Schlüsseltext des August´80 in Erinnerung bleiben. L21P war die erste derart konstruktive und wirkungsvolle Repräsentation des Protestes und des Willens der Beherrschten in der VRP. Sie stellte einen persuasiven Kommunikationsakt dar, welcher den Wunsch und die Absicht ausdrückte, die Haltung und den Willen der Herrschenden zu beeinflussen.

Die Liste wird nach dem erweiterten Modell von Harold Laswell aus dem Jahr 1948[2] analysiert. Wer? Mit welcher kommunikativer Kompetenz? Was? Durch welch Kanäle? Über welche Medien? Aufgrund welchen kommunikativen Codes? In welcher Gattung? An wen? Mit welcher Wirkung? In welchem Kontext? Die Verwendung dieses Modells erlaubt es, die wichtigsten diskursiven Aspekte der L21P als Kommunikationsakt und politische Gattung aufzuzeigen – unter Bezug auf die kulturelle Bedingtheit von Aussagen, durch und für bestimmte Personen (Kommunikatoren) in einer bestimmten Kommunikationssituation.

Wer kommuniziert? Mit welcher Kommunikationskompetenz?

Wenn wir annehmen, dass Herrschende und Beherrschte in vier folgenden Kommunikationsbeziehungen eintreten:

– hegemoniale (von Herrschenden an Beherrschte)
– petitive (von Beherrschten an Herrschende)
– elitäre (unter den Herrschenden)
– assoziierende (unter den Beherrschten),

dann ist die L21P in der petitiven Dimension entstanden. Die Beherrschten (die streikenden Arbeiter) übermittelten den Herrschenden eine Liste von Forderungen, die sich auf die Erwartung konkreter Handlungen sowie auf die Änderungen von bestehenden Handlungspraktiken richteten. Auf die einfache Frage „Wer kommuniziert?“ lässt sich selten eine einfache Antwort geben, was typisch für die gegenwärtige öffentliche, auch die politische Kommunikation ist. Selten kann man den Urheber einer konkreten politischen Aussage benennen; dabei agieren die Beherrschten sicher eher kollektiv und anonym als die Herrschenden. In der Regel muss man die Inspiratoren und Berater in Betracht ziehen, die Verfasser (Haupt- und Nebenautoren), diejenigen, die den Text schrieben und vortrugen, diejenigen, die ihn unterzeichneten, und diejenigen, die ihn schriftlich in den Medien übermittelten und damit letztlich publik machten – ohne den sprichwörtlichen Grundsatz zu vergessen, dass „der Erfolg viele Väter hat“.

Heute werden als Autoren der L21P oft diejenigen genannt, die den Text auf zwei großen Sperrholzplatten aufgeschrieben haben[3]. In letzter Zeit erinnerte man sich, nach seinem tragischen Tod bei der Flugzeugkatastrophe von Smoleńsk, an Arkadiusz Rybicki und seinen Anteil an der Formulierung der Forderungen[4]. Dabei ist zu bedenken, dass die erste Danziger Liste von Forderungen (zunächst sieben) am 14. August in Vorbereitung auf die Gespräche des Streikkomitees mit der Direktion der Werft entstand[5]. Wer also war der Verfasser, wer hat die Inhalte formuliert? Um diese Frage zu beantworten, sollte man auf das Konzept vom primären und sekundären Kommunikator zurückgreifen und dabei annehmen, dass keiner von ihnen einzeln auftritt.

Als primärer Kommunikator kann die Gruppe von Personen gelten, die die Liste in der Nacht vom 16. auf den 17. August verfasst haben. Über die Entstehung der Liste der 21 Forderungen, die am 18. August auf den bewussten Spanplatten festgehalten wurde, wissen wir Folgendes: „In der Nacht [vom 16. zum 17. August – J.F.) formuliert das Überbetriebliche Streikkomitee MKS die Liste der 21 Forderungen, gemeinsam für alle streikenden Betriebe“[6]. Auf die Ausformulierung der Liste aufgrund aller der bei dem MKS eingehenden Forderungen hatten Andrzej und Joanna Gwiazda sowie Bogdan Lis den größten Einfluss; die Endredaktion des Textes besorgte Bogdan Borusewicz[7]. In Zeiten der Revolution kümmert man sich wenig Autorenrechte. Die Liste wurde gemeinschaftlich mit dem Akronym MKS unterzeichnet.

Der sekundäre Kommunikator war in noch erheblich höherem Maße ein kollektiver. Schließlich brachte die L21P nicht nur die Forderungen der 21 Streikkomitees zum Ausdruck, sondern auch die Forderungen eines Großteils der polnischen Gesellschaft, die mit der Regierung der VRP unzufrieden war.

Es ist auch auf die Kommunikationskompetenz der primären Kommunikatoren einzugehen. Für die Kommunikationskompetenz sind folgende Faktoren wichtig: Motivation, Wissen und Fähigkeiten. Die Liste der Forderungen war ein Kommunikationsakt, der vor allem eine hohe Motivation voraussetzte (die Absicht des Protests gegen die Handlungen und Unterlassungen der Machthaber gegenüber der Werft und dem ganzen Land, die Revolte und die absolute Entschlossenheit, eine Änderung der existierenden Lage anzustreben); zugleich freilich bedurfte es für die Formulierungen der Forderungen auch speziellen Wissens (über die Probleme und Defizite des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systems). Der Kommunikationsakt erforderte kein großes Können in strikt kommunikativer Hinsicht – der Text wurde auf Polnisch verfasst, in einer eng an die damals verbreitete und am stärksten normbildende Behördensprache angelehnten Sprache; er ist auch verhältnismäßig einfach und formelhaft formuliert (bestimmte Sequenzen wiederholen sich).

Was kommuniziert die L21P?

Bei der Beantwortung dieser Frage[8], werde ich mich konzentrieren auf die Forderungen, die die Kommunikation betreffen, auf die im Text zum Ausdruck kommenden Emotionen sowie auf das Wesen der Schlüsselbegriffe des Texts: Forderung und Postulat.

Von den sechs ersten, den essentiellen Forderungen auf der Liste betrafen immerhin drei die Kommunikation. Wenn man die Einführung zu dem Text mit berücksichtigt, dann war die ultimative Bedingung für die Aufnahme von Gesprächen – nämlich die Wiederherstellung der am 15. August unterbrochenen Telefonverbindungen – eine weitere, die vierte Forderung in Sachen Kommunikation.

Man kann also sagen, dass die Streikenden, die am Anfang neben drei im strikten Sinn politischen Forderungen auch vier Forderungen in Sachen Kommunikation stellten, die Begründung einer liberalen Demokratie antizipierten (indem sie die Freiheit des Worts forderten, Forderung 3, und eine pluralistische Demokratie mit gleichberechtigtem Zugang zur öffentlichen Debatte, ferner die Gewährleistung eines gesellschaftlichen Dialogs, Forderung 6). Im Hinblick auf das Bewusstsein der Gesellschaft der damaligen Zeit ist anzunehmen, dass die Streikenden eher an eine Art direkte Demokratie dachten[9]. Darüber hinaus forderten sie im fünften Punkt das Öffentlich-Machen ihrer Forderungen. Heute würden wir sagen, dass das eine Auto-Promotion-Forderung ist (unverzichtbar in der pluralen Demokratie), aber auch eine pro-gesellschaftliche (die Absicht, möglichst die ganze Gesellschaft zu informieren).

Die Liste ist vor allem persuasiver politischer Kommunikationsakt, also ein solcher, bei dem die Hauptintention des Absenders ist, auf den Willen, das Verhalten und die Emotionen der Herrschenden einzuwirken. Die Botschaft ist emotional, doch werden die Affekte konnotiert und nicht direkt, expressis verbis ausgedrückt. Es handelt sich um negative, ambivalente und auch positive Emotionen.

Es dominieren die negativen Emotionen, da die emotionale Basis des Streiks schließlich Gefühle aus der Gruppe Wut (Zorn, Irritation; Aufbegehren) waren; außerdem werden ambivalente Emotionen aus der Gruppe Rührung (Rührung , bewegt sein) angesprochen, schließlich positive Emotionen aus der Gruppe Hoffnung (die Streikenden hegen die Hoffnung, dass ihre Forderungen erfüllt werden und die Situation im Lande sich zum Besseren verändert). Zu betonen ist, dass der Kommunikationsakt mit der Forderungsliste die Möglichkeit blockiert, Gefühle der Angst auszudrücken, die, wie zahlreiche Erinnerungen bezeugen, den Streikenden keineswegs fremd waren[10].

Die Liste besteht aus 21 Forderungen, später häufiger als Postulate bezeichnet. Anzumerken ist, dass im Text der Liste selbst das Wort „Postulat“ nicht gebraucht wurde, obwohl es den Streikenden geläufig war[11]. Der Begriff taucht in einem zweiten wichtigen Dokument dieser Zeit auf, nämlich im Protokoll der Übereinkunft vom 31. August 1980, und zwar in dem Teil, der die fünfte Forderung (Veröffentlichung der Forderungen) betrifft. Man könnte annehmen, dass das Wort P o s t u l a t hier aus stilistischen Gründen gebraucht worden ist, um das Wort F o r d e r u n g nicht zu wiederholen.

Es ist jedoch zu betonen, dass im Protokoll der Verständigung vom 31. August 1980 das Wort Forderung konsequent eliminiert oder abschwächend umschrieben wurde; es erscheint nur ein einziges mal. Nur im ersten Satz erscheint die Formulierung „nach Erwägung der 21 Forderungen der Streikenden“, also als Zitat aus L21P. Im weiteren Text des Protokolls haben wir schon eine konsequente Abschwächung, anstatt des Begriffs Forderung erscheint 21-mal das neutrale Wort Punkt; so wir lesen immer wieder: „In der Angelegenheit des Punktes…“ und nicht „…der Forderung“.

Quelle: Eigene Ausarbeitung

„Fordern“ bringt also den Willen des Absenders viel stärker zum Ausdruck als „postulieren“; auch kommt in „eine Forderung stellen“ ein stärkerer Wille zum Ausdruck als in „ein Postulat stellen“. Forderung bedeutet einen kategorischen, ernsthaften Ausdruck des Willens mit der Konnotation einer Drohung bestimmter negativer Sanktionen gegenüber demjenigen, dem die Forderung gestellt wurde[12].

Wenn wir einen Streik als einen Akt persuasiver Kommunikation verstehen, dann ist die Drohung mit Streik – die Konnotation, die die Streikforderung begleitet – ein zulässiges (und wirksames) Mittel persuasiven Handelns, wenngleich ein für die Herrschenden offenkundig sehr schmerzhaftes und feindseliges[13].

In der Liste werden die Forderungen in einer wohl überdachten Abfolge genannt– je nach ihrem Rang (ihrer Bedeutung für die Absender). Wie sich Bogdan Borusewicz erinnert: „Die Postulate wurden so zusammengestellt, dass sie die Taktik der Verhandlungen vorausbestimmten. Vom schwierigsten Punkt [freie Gewerkschaften] bis zum unproblematischsten [arbeitsfreie Samstage] – und so sollten sie diskutiert werden. Auch wenn man aus taktischen Gründen den ersten Punkt ausklammern und ihn für später aufheben sollte, dann würde man doch zu ihm als dem Hauptpunkt zurückkehren müssen. Die freien Gewerkschaften waren das Maximum dessen, was wir erreichen konnten. Als Tadeusz Szczudłowski von ROPCiO in der Nacht das Postulat freier Wahlen dazu schrieb, musste ich es, als ich morgens aufwachte, nach kurzer Diskussion wieder streichen“[14] – „als absolut unerreichbar, weil es bedeutete, die Diktatur zum freiwilligen Machtverzicht zu nötigen“[15].

Über welchen Kanal?

Der Kommunikationskanal ist der Weg, auf welchem die Botschaft zum Empfänger gelangt. Zwei Hauptkanäle der Kommunikation, nämlich das Gehör und das Sehen, benutzen wir oft zusammen; die übrigen Kanäle – die Gestik, der Geruchs- und der Tastsinn – werden besonders bei der direkten Kommunikation face to face aktiviert. Wenn es um Kommunikationskanäle geht, dann sollte man unbedingt zwei Versionen des analysierten Kommunikats unterscheiden:

– den maschinengeschriebenen Text (L21P/m) – das ad hoc, im Zuge der Diskussion formulierte Kommunikat; zuerst gesprochen (verlesen?) und dann zu Papier gebracht. Ursprünglich war es wahrscheinlich ein handschriftliches Dokument, später mindestens zwei Schreibmaschinenskripte: eines für das MKS und eines für die Regierungskommission – beide gelten als verloren[16].

– Auf Sperrholzplatten (L21P/s) – ein Kommuniqué wurde auf zwei Kiefernsperrholzplatten aufgeschrieben und am 18. August 1980 an einem Gebäude bei Tor Nr. 2 der Danziger Werft angebracht. Heute sprechen wir aufwertend, um den mythischen Wert des Kommunikationsakts zu unterstreichen, von Holztafeln (Sperrholz ist aus Holz, aber nicht Holz).

Da das Kommunikat zuerst gesprochen wurde – war der Hörkanal primär (die L21P hörten als Erste die in der Nacht vom 16. auf den 17. August im Saal für Sicherheit und Arbeitshygiene (BHP) Versammelten; die letzten Korrekturen wurden gegen 6.00 Uhr morgens eingetragen). Der sekundäre Kanal waren die Augen, das Sehen, nachdem das Kommunikat niedergeschrieben worden war. Die L21P als Typoskript wurde auf Flugblättern vervielfältigt, die durch die Initiatoren der Gewerkschaftsbewegung verbreitet wurden[17]; als Schautafel dagegen – auf zwei Sperrholzplatten – wurde sie gesehen und gelesen von denen, die sich vor dem Tor zur Werft versammelten.

Die L21P wurde nach ihrer Entstehung nicht in den offiziellen Medien veröffentlicht; die medialen Übermittlungskanäle (akustische und visuelle) wurden also nicht benutzt. Die Veröffentlichung der L21P in den Massenmedien war die (fünfte) Forderung der Streikenden. Erst im Protokoll der Vereinbarung zwischen der Regierungskommission und dem Überbetrieblichen Streikkomitee vom 30. August 1980 erklärten die Herrschenden: „Die Ausführung dieses Postulats bedeutet, dass der Text dieses Protokolls der Öffentlichkeit in den Massenmedien mit landesweiter Verbreitung zur Kenntnis gebracht wird“. Das Protokoll wurde am 1. September 1980 in der Presse veröffentlicht.

Die ursprüngliche Reichweite des Kommunikats war unbedeutend. Doch die Liste gelangte sehr schnell bei denjenigen an, an die sie adressiert war, also an die Machtvertreter (zuerst in der Werft, dann in der Wojewodschaft, schließlich bei der Zentralmacht). Sie ging wahrscheinlich in einer visuellen Fassung ein – als gedruckter Text.

Welches Medium (welche Kommunikationsmittel)?

Die L21P gehört vor allem in die Kategorie der verbalen (sprachlichen) Kommunikation. Den Kommunikationsakt sollte man also als Durchbrechung des Monopols der Herrschenden im Gebrauch dieses Medium im öffentlichen Raum betrachten. Bis zu den Streiks von 1980 überwogen in Polen politisch hegemoniale Kommunikationsakte, also von den Herrschenden formulierte und von monopolisierten Massenmedien verbreitete. In der L21P sprachen zum ersten Mal in VRP die Beherrschten öffentlich, erbittert, mit eigener Stimme – die Streikenden selbst verbalisieren ihre Ansprüche.

Die technischen und massenhaften Kommunikationsmittel, die den Bürgern zu jener Zeit zugänglich wären, waren im Vergleich zu heute sehr bescheiden. Das verbreitetste Massenmedium war, ähnlich wie heute, das Fernsehen, freilich vollständig von den Herrschenden monopolisiert. Es ist also nicht verwunderlich, dass das staatliche Fernsehen weder die über die Entstehung der L21P informierte noch natürlich die Liste selbst veröffentlichte.

In den offiziellen Massenmedien tauchten Informationen über die Existenz des MKS und die L21P erstmals in der Lokalpresse auf („Das Abendblatt der Küste“ publiziert sie am 25. August).

Den Streikenden selbst standen als Masseninformationsmitteln nur Flugblätter[18] zur Verfügung sowie Bulletins mit geringer Auflage im Samizdat (z.B. Bekanntmachungen und Kommuniqués des MKS, Streikinformationsbulletins).

Das Anbringen der Tafeln mit den Forderungen an Tor Nr. 2 der Danziger Werft, auf den Sperrholzplatten aufgeschrieben, war für die Streikenden also der einzige Weg, um nach außen in den städtischen öffentlichen Raum zu gelangen, der bis dahin ausschließlich von den Kommunikaten der Machthaber beherrscht war. Die Tafeln wurden am oberen Teil der Front eines kleinen Pförtnerhäuschens befestigt. Es gab hier eine Verkleidung aus Wellblech in grauer Metallfarbe; vor diesem Hintergrund stachen die Tafeln farblich hervor und waren gut sichtbar, wenngleich sie aus einer Entfernung von mehr als einigen Metern wohl kaum lesbar waren.

Sperrholz ist kein Material, das sich für die Wiedergabe politischer Kommunikate besonders eignet. In keinem Handbuch für visuelle Kommunikation wird die Beschriftung mit einem Zimmermannsbleistift (wenig intensive Grafitfarbe) auf Sperrholz (uneinheitliche hellbraune Farbe, mit einer Maserung, die die Lesbarkeit verwischt) als Mittel für eine attraktive und wirkungsvolle Visualisierung eines politischen Kommunikationsakts erwähnt.[19] Als besonders ausdrucksstark gilt: einfache schwarze Buchstaben (am besten Druckbuchstaben) auf gelbem Hintergrund; im Falle des polnischen politischen Kommunikats allerdings sollte man zwar auch solche Buchstaben benutzen, jedoch als Hintergrund die Nationalfarben (rot und weiß) wählen.

Heutige Spezialisten für Kommunikation im städtischen öffentlichen Raum würden vor allem ein Publikation in Gestalt eines Billboards[20] oder Cityboards empfehlen. Gut wäre auch eine Publikation auf Plakaten, die auf sog. Fässern in Augenhöhe aufgehängt werden. Bestimmt würden sie aber von Transparenten abraten[21], denn der Text L21P ist zu lang für eine Outdoor-Übermittlung (ca.290 lexikale Einheiten, 25 Sätze). Insofern eignete sich die L21P am besten für eine Publikation als Flugblatt.

Die Liste wurde auf eine Kiefersperrholzplatte kopiert; nur ein so behelfsmäßiges, wenngleich relativ robustes Mittel der öffentlichen visuellen Massenkommunikation war den Beherrschten im August 1980 verfügbar. Da das Typoskript der L21P verloren ging, sind die Tafeln mit den auf die Schnelle niedergeschriebenen Forderungen heute besonders wertvoll. Es ist das einzige, berührend authentische Dokument jener Zeit, ein sichtbares Zeichen der Solidarność-Revolution.

Die L21P/s wurde auf zwei große Speerholzplatten geschrieben (Teil 1: 210×125 cm, Teil 2: 213×125 cm), die heute als Holztafeln bezeichnet werden. In der Zeit der Zurschaustellung an Tor Nr.2 zogen die beiden Sperrholztafeln die Aufmerksamkeit sicher auch aufgrund ihrer Andersartigkeit gegenüber den üblichen Kommunikaten der Machthaber auf sich (die ordentlich auf Schautafeln, Transparenten, Plakaten oder in Vitrinen präsentiert wurden)[22]. Es gibt nicht allzu viele Fotos von Tor Nr. 2 der Werft und dem Pförtnerhäuschen mit den Tafeln[23]. Das Tor Nr. 2, heute Ikone der Solidarność-Bewegung, war nicht gleich im Bewusstsein der Polen präsent; Aufnahmen davon wurden zuerst im westlichen Fernsehen gezeigt, z.B. im italienischen[24].

Mit welchem Kommunikationscode?

Der Hauptcode, also die polnische Sprache (die Sprache bildet gleichzeitig Kommunikationsmedium und Kommunikationscode), ermöglichte den Inhalt des Kommunikats auszudrücken, der immer wichtiger ist als seine Form oder Stil. Es existiert weder ein Manuskript noch ein Typoskript des Textes, z.B. mit den Streichungen, von denen B. Borusewicz sprach[25]. Die Liste wurde in einer Variante der polnischen Amtssprache verfasst.

Da die Liste ein Arbeitstext ist, eine auf spezifische Weise ausgebaute Notiz für die Verhandlungen mit den Herrschenden (s. die Überlegungen zur Textgattung unten), spielt die ästhetische Dimension keine Rolle. Ein Arbeitstext kann – und ist – grammatikalisch ungeschliffen (so der dritte Satz der Einführung, so die Forderungen 1, 4, 6b, 8 oder14) und stilistisch inkohärent. So beginnen z.B. die Forderungen 1 und 2 mit Substantiven: Anerkennung von der Partei unabhängigen freier Gewerkschaften, Garantie des Rechts auf Streik. Weitere Forderungen wurden mit dem Gebrauch von Infinitiv-Formen formuliert: die Freiheit des Wortes einhalten, vorherige Rechte wiedereinsetzen, in den Massenmedien informieren, konkrete Maßnahmen ergreifen, allen Beschäftigten auszahlen, den Grundlohn anheben, eine automatische Erhöhung der Löhne garantieren, für vollständige Versorgung des Binnenmarktes sorgen, die Kommerziellen Preise abschaffen, Kriterien für die Auswahl von Führungskräften festlegen, Lebensmittelkarten einführen, das Rentenalter senken, Renten und Pensionen angleichen, die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verbessern, eine ausreichende Zahl von Plätzen in Krippen und Kindergärten sicherstellen, einen Mutterurlaub einführen, die Wartezeit auf Wohnungen verkürzen, Tage- und Trennungsgelder erhöhen[26].

Obgleich die sprachliche Gestaltung des Textes kein primäres Anliegen der Verfasser der Liste war, ist es doch schade, auch wegen der historischen Bedeutung des Texts, dass er in keine sprachlich vollkommenere Form gefasst wurde.

Wohlgemerkt überwiegt heute die Einordnung des untersuchten Kommunikats als „Postulate“, nicht als „Forderungen“ (also mit abgeschwächter Modalität, was in der semantischen Analyse beider Worte gezeigt wurde) sowie aufgrund der Zahl der Bestandteile (21). Die Gattungsbezeichnung „Liste“ erscheint in präzisen wissenschaftlichen oder journalistischen Formulierungen. Die minimale Identifikation als 21 Postulate ist heute hinreichend informativ (ausreichend z.B. für eine Google-Recherche).

Zu welcher Gattung gehört der Kommunikationsakt?

In der zwischenmenschlichen Kommunikation benutzen wir immer bestimmte vielmals gebrauchte, mehr oder weniger konventionelle Typen von Aussagen, also Gattungen (Gattungsmuster). Die Gattung beinhaltet einen bestimmten Hinweis für alle Teilnehmer an der Kommunikation: der Absender einer bestimmten Aussage weiß, nach welchen Regeln ein Kommunikat gestaltet werden sollte, damit dieses vom Empfänger bewusst erkannt, rezipiert und benutzt werden kann.

Jeder Gattung kann man bestimmte, modelhafte Merkmale (Eigenschaften) zuschreiben; diese werden den Gattungen vor allem von den Forschern der Literatur, der Kultur, der Kommunikation, der Medien, der Aussagen, des Diskurses zugeschrieben[27]. Diese Gattungsmerkmale kann man als eine Art Grammatik verstehen, die verpflichtende Gebote und Verbote für die Komposition eines Textes beinhaltet (sie betreffen: den Inhalt, die Form, den Umfang, den Stil, die Struktur), um den erhofften Effekt zu erzielen und die vorgesehene Funktion zu erfüllen. Der abstrakte Begriff der Gattung ist nicht nur für die Urheber des Kommunikationsakts wichtig, sondern auch für dessen Adressaten: das Wissen über die Gattung ist in den Erwartungen der Öffentlichkeit und ihr bekannten Konventionen enthalten. Die Gattungen kann man bestimmten Feldern zuordnen, die mit dem Typus der Kommunikation (z.B. der politischen Kommunikation) oder ihren besonderen Merkmalen (z.B. dem Gebrauch) verbunden sind.

Das Gattungsmuster des hier analysierten Kommunikats ist eine Liste, also ein Text, der durch die Aneinanderreihung bestimmter einzelner Bestandteile (mit einer repetitiven Struktur der Form und des Inhalts) auf geordnete Weise, eins nach dem anderen, entsteht[28]. Eine Liste als Gattung kann alphabetisch angelegt werden oder nach dem Kriterium der Wichtigkeit ihrer Bestandteile. Die Bestandteile sind Nominalphrasen (z.B. eine Liste von Namen, Anhängen, Gegenstandsbezeichnungen etc.) und Sätze (ein Satz oder mehrere, z.B. eine Liste der Ziele, der Aufgaben, Forderungen, Ansprüche usw.).

Die L21P ist eine nach dem Wichtigkeitsprinzip geordnete Satzliste, also eine Aufzählung der Forderungen (beginnend mit der wichtigsten) in Form von Sätzen mit einer sich wiederholenden Struktur des Inhalts und der Satzbaukonstruktion. Eine Liste, die aus 21 Satzeinheiten besteht, ist eine lange Liste. Kulturell überliefert sind Listen mit 5 (Fünf Gebote), 7 (7 Hauptsünden), 10 (10 Gebote), vielleicht auch 12 (ein Dutzend) Bestandteilen, die eine polnische Satzliste bilden können. Bei der L21P sind die positiven Konnotationen der Zahl 21 am wichtigsten, was den Verfassern offenbar nicht bewusst war.

Die Liste als Gattung war beiden Seiten in dem Kommunikationsakt im August 1980, den Herrschenden und den Beherrschten, wohl bekannt; wenngleich:

– die streikende Seite eher Listen beim Schlangestehen oder Anwesenheitslisten kannten als Listen von Forderungen an die Machthaber;

– die Seite der Herrschenden durch diese Art der Kommunikation eher überrascht wurde und sich darüber empörte[29]; sie war an die Kommunikation in einer Richtung gewöhnt, allenfalls noch an Bittgesuche, Appelle oder Denunziationen.

Die Liste der Streikforderungen kann man als politisch-petitive Gattung bezeichnen – aufgrund des Inhalts und der Entstehungsumstände (Beginn von Streik und Revolution).

Die L21P gehört auch in die Gattung der Gebrauchstexte. Man kann sagen, dass es sich um eine relativ ausführliche Arbeitsnotiz handelte, die als Gedächtnisstütze während der Verhandlungen dienen sollte.

Wie es sich für eine solche Notiz gehört, ist der Text kurz und bündig und elliptisch (deswegen gibt es z.B. im Vorwort keine Wendung „wir fordern“).

Das Strukturmodel dieser politischen Gattung ist einfach: Initialrahmen (4 Einführungssätze) + Korpus (21 Forderungen) + Finalrahmen (kollektive Selbstidentifikation des Absenders – Unterzeichners).

Der auf den Tafeln aufgeschriebene Text wurde in zwei Teile geteilt (wahrscheinlich ohne durchdachten Plan): das Vorwort und die Forderungen 1 bis 7 (die wichtigsten, politischen) standen auf Tafel I, die Forderungen 8 bis 21 (wirtschaftliche und soziale) sowie eine minimale Autoidentifikation auf Tafel II.

Ist die Forderungsliste eine feststehende politisch-petitive Gattung, wie sie immer bei Streiks benutzt wird? Ja – in der Theorie über das Verhandeln wird darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, die eigene Argumentation zu verbalisieren und schriftlich zu fixieren, um die Verhandlungen voranzubringen; die Streikenden verhielten sich also gemäß diesem Grundsatz. Andere Ausdrucksformen während der Streiks der 1980er Jahre in Polen waren: Ansprachen bei Kundgebungen, Streiklosungen (geschrien, skandiert, auf Tafeln, Transparenten aufgeschrieben), Erklärungen, Appelle und Protokolle über Vereinbarungen.

Die Liste der Streikforderungen (die in der L21P niedergelegt wurden) zählt zu den letztlich wenigen politisch-petitiven Gattungen, von denen es in der politischen Kommunikation immer weniger gibt als hegemoniale[30]. Im Polen des Jahres 1980 gab es sie fast gar nicht. In der VRP konnten sich die Beherrschten mit Briefen, offenen Briefen, Appellen, Beschwerden, Eingaben oder Denunziation an die Machthaber wenden[31].

Nach der politischen Wende erleichterte besonders das Internet (in Polen seit 1991 vorhanden, der Bevölkerung allgemein allerdings erst seit rund 10 Jahren verfügbar) den Bürgern die aktive Kommunikation; heute ist die Formulierung und Unterzeichnung etwa einer Petition, eines offenen Briefes oder einer Eingabe sehr einfach.

An wen?

Ähnlich wie in Bezug auf die Absender bedient man sich am besten der Kategorien der primären und sekundären Empfänger. Primär waren die Forderungen an die Herrschenden gerichtet. Diese erwarteten keinesfalls ein solches Kommunikat und waren unvorbereitet, es zu empfangen. Man könnte sagen, dass durch dieses Kommunikat eine symmetrische (partnerschaftliche) Interaktion zwischen Herrschenden und Beherrschten erzwungen wurde. Die Forderungsliste eignet sich dafür ausgezeichnet.

Sekundär war die L21P an die Belegschaften der streikenden Betriebe adressiert, an die Initiatoren der Gewerkschaftsbewegung im Land (auf Flugblättern, in Bulletins) und schließlich an die vor den Toren der Werft Versammelten und an die ganze Bevölkerung.

Der vergleichsweise lange (und undeutlich geschriebene) Text als ein auf Tafeln (die Plakate ersetzten) öffentlich gemachtes Kommunikat verlangte von den Lesern hohe Aufmerksamkeit, wenn sie ihn mit Verständnis lesen, also den Inhalt über den zentralen Rezeptionskanal analysieren wollten. Gewiss war für die Empfänger, die an das Werfttor Nr.2 kamen, die Tatsache selbst wichtiger, dass ein solches staatsbürgerliches Kommunikat im öffentlichen Raum überhaupt zustande gekommen war – wichtiger als dessen Zugänglichkeit und Verständlichkeit (es reichte es zu sehen, lesen musste man es nicht unbedingt).

Mit welcher Wirkung?

Die Frage nach dem Erfolg in das Modell des Kommunikationsaktes eingeführt zu haben, betrachten wir als besondere Qualität des Modells von H. D. Laswell. In der Forschungspraxis bereitet die Analyse der Wirkungen von Kommunikationsakten Schwierigkeiten. Gewöhnlich unterscheiden wir vier Gruppen von Wirkungen: diejenigen, welche der Absender intendiert hat, und die realen Wirkungen (letztere müssen sich nicht mit den beabsichtigten decken) sowie sofortige und zeitlich verzögerte Wirkungen (wobei man auch hier zwischen intendierten und tatsächlichen unterscheiden kann).

Hatten die Streikenden bei der Formulierung ihrer Forderungen erwartet, dass die Machthaber sich beugen und die Forderungen erfüllen würden; war die Unterzeichnung der späteren Vereinbarungen schon das erklärte Ziel derjenigen, die in der Nacht vom 16. auf den 17. August die L21P verfassten? Vieles spricht dafür. In der Einleitung zur L21P ist von einem solchen Ziel die Rede; die Erfüllung der Erwartungen (ein Euphemismus der Selbstbeschränkung? – J. F.) der Streikenden. Gewiss zeugt auch ihre Entschlossenheit (ihr Streiken) von ihrem Glauben an den Erfolg. Insofern war die Unterzeichnung des Protokolls der späteren Vereinbarungen eine intendierte und zugleich reale Wirkung. Auch eine sofortige Wirkung, gewiss auch ein spektakulärer Erfolg der Streikenden.

Schwieriger sind die zeitverschobenen Wirkungen zu beurteilen. Die Unterzeichnung des Vereinbarungsprotokolls bedeutet noch nicht die Erfüllung der Forderungen; aus der Rückschau nach 30 Jahren sehen wir, dass ein Teil der Forderungen noch immer nicht erfüllt ist (z.B. 16, 17 und 18). Eine längerfristige, bei der Abfassung der L21P nicht beabsichtigte Folge ist vor allem der Systemwechsel in Polen von 1989. Eine dauerhafte Folge ist auch die Lebendigkeit dieser Gattung von Kommunikat, wie sie vom Überbetrieblichen Streikkomitee entwickelt wurde; die L21P wurde zum Vorbild für Gewerkschaftsorganisationen bei der Formulierung ihrer Forderungen[32].

Die wichtigste zeitverschobene Wirkung ist die Tatsache, dass die L21P zu einem festen Bestandteil der polnischen politischen Mythologie (des Mythos der Solidarność-Gründung) wurde. Besonders die Aufbewahrung der Liste in Form der Tafeln, die in den Jahren 1981 bis 1996 – so wie die Gutenberg-Bibel im Museum in Pelplin im Zweiten Weltkrieg – geschützt und versteckt wurden, baute den Mythos grandios aus. Die Geschichte hat auch Filmschaffenden inspiriert (eine der 13 Sequenzen des Films „Solidarność, Solidarność“ von 2005 trägt den Titel „die Tafeln“; sie entstand in der Konvention eines erzählten Dokuments mit den Protagonisten Arkadiusz Rybicki und Maciej Grzywaczewski).

In welchem Kontext?

Kontext ist ebenfalls eine sehr vielschichtige Kategorie der Kommunikation; meistens sprechen wir von einem engen und einem weiten Kontext unter zwei Aspekten: einem zeitnahen (Moment der Entstehung und Publikation) und einem langfristigen (schon 30 Jahre). Die Frage nach dem Kontext ist auch deshalb schwer zu beantworten, weil sie in Bezug auf beide Versionen der Aufzeichnung, nämlich L21P/m und L21P/s, gestellt werden muss. Der enge Kontext der L21P/m sind Zeit und Ort der Entstehung des Hauptkommunikats (die Nacht von Samstag auf Sonntag, also vom 16. auf den 17. August; der Ort: der Saal für Sicherheit und Arbeitshygiene[33]). An den engen Kontext der L21P/s vom 18. August erinnerten sich immer gern die beiden Autoren. Maciej Grzywaczewski erinnert sich an den Ort und die Details der Arbeit: „die Werftarbeiter führten uns in einen von den großen Hallen (im Film „18 Streiktage“: Trassierhalle – J. F.). Sie schleppten zwei riesige Platten heran und gaben uns eine Dose rote Farbe. Es klappte nicht. Es stellte sich heraus, dass wir die Aufteilung des Textes falsch geplant hatten, die Buchstaben sind zu groß und es gibt nicht genug der Platz. Also drehten wir die Platten um“[34]. Arkadiusz Rybicki erinnert an den paradoxen politischen Kontext: „Als wir mühselig das Postulat der Bildung freier Gewerkschaften aufmalten, kam aus dem Lautsprecher die energische Stimme des Ersten Sekretärs der PVAP Edward Gierek, der versicherte, dass die Arbeiterklasse sich mit den Herrschenden verständigen werde, doch von freien Gewerkschaften keine Rede sein könne!“[35]. Auch Arkadiusz Rybicki spricht von den Mühen, die Forderungen auf den Tafeln schriftlich zu fixieren: „Das war ein mühseliger Schaffensprozess, die rote Farbe zerlief immer wieder, schließlich tauschten Maciej Grzywaczewski (heute Direktor des I. Programms im polnischen Fernsehen TVP) und ich die Pinsel gegen Trassierstifte aus“[36].

Der weite Kontext wiederum betrifft die Verortung des Textes (in beiden Versionen) im Bewusstsein der Gesellschaft, in der Kultur, der Geschichte der Entstehungszeit und danach, was heute eigentlich schon ein Thema für zwei solide wissenschaftliche Abhandlungen wäre. Über die L21P im Bewusstsein der heutigen polnischen Gesellschaft kann man aufgrund von demoskopischen Untersuchungen schließen. Die letzten Umfragen in Rahmen des Projekts „Erfahrung und Erinnerung“ (gemeinsames Forschungsprojekt des Europäischen Solidarność-Zentrums und des CBOS – Centrum Badania Opinii Społecznej [Zentrum für Meinungsforschung] vom 12. März 2010) zeigen, dass das gesellschaftliche Bewertung der ersten Etappe der Solidarność-Revolution sehr positiv war. Die Befragten glauben, dass die Entstehung von Solidarność für Polen (70%), für den ehemaligen Ostblock (43%), für die einfachen Leute (39%), für die Welt (27%) bahnbrechend war. Entsprechend haben die Befragten die erste Solidarnosc von 1980 in guter Erinnerung (84%) und dieser Glanz strahlt gewiss auch auf die L21P ab. Bezeichnend und beunruhigend ist freilich, dass laut der Umfrage sich die nach 1964 geborenen Polen für die Geschichte der Solidarność kaum interessieren.

Dabei muss man beachten, dass politische Texte für die heutige Öffentlichkeit grundsätzlich unattraktiv sind, besonders längere Texte. Zugunsten der Liste spricht, dass sie, obgleich lang und in eher schlechter amtlicher Sprache gehalten, also kaum interessant als ein mythischer politischer Text, immerhin ansprechender ist als der Protokoll der Vereinbarungen vom 31. August 1980, der zweite Schlüsseltext der Zeit; die L21P ist eine Liste von Forderungen, das Protokoll der Vereinbarungen dagegen Ausdruck eines Kompromisses, an dem, wie jeder weiß, immer etwas faul ist. Außerdem wird die bis heute erhaltene L21P/s dadurch aufgewertet, dass man als die Tafeln mit den Postulaten oder das Manifest bezeichnet. Die auf den Tafeln verewigte L21P ist daher heute wichtiger als die Papierversion, die wahrscheinlich verloren gegangen ist.

Schluss

Die L21P stellt einen politischen Kommunikationsakt von besonderer Bedeutung für die polnische Geschichte dar. Von den hier erörterten zehn wichtigsten Faktoren, welche diese Bedeutung ausmachten, ist die Relevanz hervorzuheben – Relevanz der Kommunikationskompetenz der Absender, des Inhalts des Kommunikats, des primären Kommunikationsmittels (der Sprache), der Wirkungen und des Kontexts. Die Liste der 21 Postulate ist aus folgenden Gründen wichtig:

– Wegen der starken Motivation der Urheber (wie wir sie auch verstehen mögen: sensu stricto oder largo). Es ist das erste erfolgreiche politisch-petitive Kommunikat (Grundlage für den Erfolg in den Verhandlungen und bei der Unterzeichnung des Protokolls der Vereinbarungen), ein Text, der eine Interaktion der Herrschenden mit den Beherrschten erzwang. Eine derartige Wirkungsmacht hatte kein früherer petitiver Kommunikationsakt entfaltet und nur wenige spätere.

– Wegen des Inhalts. Einen beispiellosen Rang nimmt die Forderung 1 (Keim für die folgenden Aktivitäten der unabhängigen Gewerkschaften und der Opposition – mit der Konsequenz eines Systemwechsels) ein; wichtig sind auch die Forderungen in Bezug auf Kommunikation.

– Deswegen, weil das Monopol der Herrschenden im Bereich der Verwendung des Medium Sprache im öffentlichen Raum gebrochen wurde. Nicht wegen der Form oder der Gattung: es handelt sich um einfache politische Gebrauchsgattung, die in sprachlich schlichter Weise umgesetzt wurde (als ausführliche Verhandlungsnotiz). Die Bezeichnung Liste der 21 Postulate ist bis heute im Gebrauch als kurz und bündig, aber ausreichend identifizierend; schade aber, dass der Begriff Liste 21 Forderungen nicht mehr gebraucht wird – der präziser identifiziert und kategorischer wirkt (und auch von den Autoren der Liste benutzt wurde).

– Wegen des revolutionären Kontextes, der den Rang der L21P stärkte. Der August `80 war das wichtigste Ereignis in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg[37]; auch wenn wir annehmen, dass erst der Niedergang von UdSSR die realen Systemänderungen erlaubt hat, dann war das doch ein ungewöhnlicher Präzedens in unserem Teil Europas.

– Wegen ihrer Bedeutung für den Gründungsmythos der Solidarność. Die L21P/s ist ein Hauptbestandteil dieses Mythos (mythologisiert werden: die Niederschrift auf den Tafeln und deren Bewahrung, der Kontext ihrer Befestigung und Zurschaustellung an Tor Nr. 2; die Spuren der Authentizität der erhaltenen Tafeln, die Beschlagnahmen der Kopien durch den Geheimdienst, das Überdauern der L21P/s). Der Mythos der Aufbewahrung der L21P/s ist ein typisch städtischer und politischer Mythos.

– Wegen der Nobilitierung durch die UNESCO; die der Liste 2003 zuteilwurde (Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes). Die Tafeln mit den 21 Postulaten sind das wertvollste Denkmal im Bestand des Europäischen Zentrums Solidarność.

Moderner Entwurf eines Billboards mit der Liste 21 der Postulate

Aus dem Polnischen von Monika Wrzosek-Müller

[1] Während der Streiks vom August 1980 entstanden viele vergängliche, nicht fixierte Texte (Versammlungsreden, skandierte Parolen, Gespräche – z.B. unter den Streikenden sowie zwischen den Streikenden und Betriebsdirektoren oder Repräsentanten der Partei auf lokaler, regionaler oder zentraler Ebene, ferner Messen, Lieder, Aufrufe, Streiklieder, Gedichte, Slogans und Losungen). Wichtigste Kommunikationsmedien der Beherrschten waren Bulletins und Communiqués des Überbetrieblichen Streikkomitees.

[2] H. Laswell, The Structure and Function of Communication in Society. In: L. Bryson (Hrsg.), The Communication of Ideas. New York 1948, S. 173. Hier werden die fünf für das Modell wichtigsten Fragen hervorgehoben; das Modell stellt ein bis heute nützliches Forschungsinstrument dar; es wird meist erweitert (auf bis zu 160 Fragen).

[3] Vgl. z. B. Die 21 Forderungen der Solidarność auf Holztafeln, www.pmedia.pl (eingesehen am 14.5.2010)

[4] Z.B. in einem Kommentar zu seiner Trauerfeier in der Sendung “Teleexpress” von TVP1 (eingesehen am 26.4.2010).

[5] Ebenda; Gdy niemożliwe stało się możliwe. Kalendarium Solidarności 1980-1989 [Als das Unmögliche möglich wurde. Zeittafel der Solidarność 1980-1989]. Warszawa 2005, S. 15.

[6] Ebenda, S. 19.

[7] So eine Information auf der Seite des Zentralen Seemuseums (CMM). Dass auch andere Personen beteiligt waren, ist nicht auszuschließen. So erinnert sich E. Możejewski: „Bis in die frühen Morgenstunden ordneten wir unsere Forderungen und brachten sie zu Papier; K. Madon-Mitzner (Hrsg.), Dni Solidarności [Die Tage der Solidarnosc], S. 22. In einer Publikation zum 25. Jahrestag der Vereinbarungen heißt es, dass die Liste der 21 Forderungen von 18 Personen gemeinsam verfasst wurde, http://wiadomosci.wp.pl/kat, 1342, title, 21-postulatow-solidarnosci, wid, 7790140, wiadomosci.html?ticad=1a423 (1.6.2010). Wie kompliziert die Autorschaft eines politischen Kommunikationsakts sein kann, zeigt die Erinnerung von T.G. Ash: „Während des Streiks auf der Danziger Werft im Mai 1988 schrieb ich auf Lech Wałęsas Wunsch auf irgendeiner alten Schreibmaschine in gebrochenem Englisch einen wie ich meine schönen und anrührenden Appell an Frau Thatcher, wobei ich vorgab, Lech Wałęsa zu sein.“ R. Januszewski, J. Strękowski, Polska w oczach obcych [Polen mit fremden Augen gesehen]. TPO, Wrocław 2003, S. 21.

[8] Über den Entstehungsprozess der Liste wissen wir, dass sie aus über 300 anfänglich formulierten Forderungen zusammengestellt wurde. Man kann über die Voraussetzungen der Forderungen 7, 8 und 9 sprechen (als Echo auf vorausgegangene Streiks, die vor allem wirtschaftlichen Charakter gehabt hatten). Die Forderungen entsprachen dem damaligen gesellschaftlichen Bewusstsein, und die Begrenztheit ihrer Reichweite war auch auf die Überzeugung zurückzuführen, dass die Herrschenden sie nicht erfüllen konnten.

[9] Siehe z.B. den Kommentar von L. Bądkowski „die 21 Forderungen“, Polityka v. 8.8.2005.

[10] Vgl. z.B. die Erinnerungen der Streikenden in dem Film „18 Tage Streik“, http://www.tvp.pl/filmoteka/film-dokumentalny/historie-strajkowe-18-strajkowych-dni/wideo/odc9-postulaty/81914?startrec8 (eingesehen 1.6.2010).

[11] Im Streikinformationsbulletin Solidarnośc Nr. 10 v. 29.8.1980 fand sich auf S. 4 neben Liedern der Freien Gewerkschaften, Witzen und einem Wettbewerb für die originellste Auflösung des Kürzels SBiMO auch die Losung des Tages: „Postulaty nie na straty!“ [„Die Postulate nicht verloren geben!“].

[12] Siehe die Stichworte „postulat“ und „zadanie“ in J. Bralczyk, 100 tysięcy potrzebnych słów [100 000 notwendige Begriffe]. Warszawa 2005; Inny słownik języka polskiego [Ein anderes Wörterbuch der polnischen Sprache]. Hrsg. v. M. Bańko. Warszawa.

[13] M. Tokarz, Argumentacja, manipulacja, perswazja. [Argumentation, Manipulation, Überredung]. Gdańsk 2006, S. 195. Diese Feindseligkeit ist gespiegelt in dem denkwürdigen Satz von W. Jaruzelski: „Die Regierung kann, vor der „Pistole“ des Streiks stehend, ihre Funktionen nicht wirkungsvoll wahrnehmen.“ (Rede im Sejm der VRP am 12.2.1981).

[14] Madon-Mitzner (Hrsg.), Dni Solidarności, S. 22; ebenda, die Danziger 21 Forderungen von 1980, http://www.archiwa.gov.pl/memory/sub_listakrajowa/index.php?fileid=022&va_langpl, (14.5.2010). In Erinnerungen erfährt man in Bezug auf die Festlegung der Reihenfolge der Forderungen, dass die Forderung nach freien Gewerkschaften anfänglich nicht ganz oben auf der Liste stand (vgl. z. B. M. Grzywaczewski in Sequenz 9 des Films „18 Tage Streik“, „Die Postulate“).

[15] P. Adamowicz, Solidarność na sklejce. Gdzie są dokumenty z Sierpnia ´80? [Die Solidarność auf Spanplatten. Wo sind die Dokumente vom August ´80?]. Rzeczpospolita, Beilage „Plus-Minus“ v. 30.8.2003.

[16] Ebenda.

[17] „Ich erfuhr es von Jurek, der die Information von Kornel Morawiecki hatte, es war Ende August. Kornel brachte Flugblätter ins Institut mit, in denen die 21 Forderungen der streikenden Werftarbeiter abgedruckt waren“, www.solidarni.org/wolni_i_solidarni/opracowania/wywiady/andrzej_nyc (29.4.2010).

[18] Angaben zu den Auflagen der Flugblätter – von 12 000 bis 30 000 – bei S. Kotkin, Rok 1989. Koniec społeczeństwa nieobywatelskiego [Das Jahr 1989. Ende der nicht-staatsbürgerlichen Gesellschaft]. Warszawa 2009, S. 117.

[19] Siehe jüngst z.B. B. Bergstrom, Komunikacja wizualna [Visuelle Kommunikation]. Warszawa 2010.

[20] Siehe z. B. den Vorschlag von A. Trepanowski – Abb. 1.

[21] Man sollte daran erinnern, wie solche Transparente der Bürgerbewegung entstanden: ein gigantisches Transparent konnte aus 12 Betttüchern zusammengenäht sein (ein solches bereitete Jarosław Kurski für eine Demonstration vor; siehe M. Sterlingow, M. Wąs, Walcie na czerwonym. Kurski show [Schlagt auf dem Roten. Die Kurski-Show]. Gazeta Wyborcza 2005, Nr. 236.

[22] Natürlich kann man sich heute fragen, ob man die Forderungsliste auch in anderer Form hätte festhalten können (z.B. indem man die Forderungen – nicht alle, aber die wichtigsten – in eine Steinplatte gemeißelt hätte). Doch ist zu bedenken, dass das, was grundsätzlich möglich ist, nicht unbedingt identisch ist mit dem in der konkreten Situation Möglichen. Dies sollte auch in Erinnerung bleiben, wenn man darüber nachdenkt, ob nicht auch andere Forderungen in die Liste der 21 Postulate hätten eingehen können (z.B. ob die Streikenden nicht schon hier freie Wahlen hätten fordern können – so die Meinung von J. Staniszkis, in: P. Adamowicz, op. cit.).

[23] Z.B. die Aufnahme im Archiv von K. und A. Dymnicki, in: Zyliśmy w PRL. Od wyboru Jana Pawla II do odzyskania niepodległości [Wir lebten in der Volksrepublik Polen. Von der Wahl Johannes Pauls II. bis zu Erlangung der Unabhängigkeit]. Hrsg. v. P. Dylik. Kraków 2005, S. 50 f.

[24] Siehe die Erinnerungen von J. Tiszner, in: J. Tiszner, A. Michnik, J. Zakowski, Między panem a plebanem [Zwischen Herr und Priester]. Warszawa 1995, S. 289.

[25] P. Adamowicz, op. cit.

[26] Vgl. das bekannteste öffentliche Kommunikat in der VR Polen in diesem Stil: „Rasen nicht betreten“.

[27] Siehe J. Fras, Komunikacja polityczna. Wybrane zagadnienia gatunków i języka wypowiedzi [Politische Kommunikation. Ausgewählte Probleme der Aussagegattung und – sprache]. Wrocław 2005.

[28] In diesem Sinne ist die Liste eine komplexe Gattung, und die einzelnen Forderungen der 21 Postulate bilden ihrerseits eine (Mikro-)Gattung. So wurde es auch von den Streikenden wahrgenommen (an die Mauern der Werft wurden einzelne Forderungen gemalt).

[29] Siehe den Brief des Sekretariats der PZPR vom 19.8.1980, in: F. Skórzyński, M. Pernal, op. cit., S. 214.

[30] J. Fras, op. cit.

[31] Siehe M. Kula, Supliki do najwyższej władzy [Bittschriften an die höchste Macht]. Im August 1980 wurde den Machthabern nicht nur die Liste der Forderungen übermittelt, sondern auch Appelle und Briefe; siehe den Appell an die Behörden, den Verkauf von Alkohol in der Dreistadt zu verbieten, und den Brief an den Premierminister mit einer Abschrift der Forderungen (J. Skórzyński, M. Pernal, op. cit., S. 21).

[32] Z.B. 21 Forderungen der Gewerkschaft August`80 vom 4.5.2010; 21 Forderungen der Fernseh-Solidarność vom 23.5.2010 (auf der Seite www.SDP).

[33] Siehe die Fotografie in: K. Madon-Mittner, Dni Solidarności, S. 17.

[34] P. Adamowicz, op. cit.

[35] www.pmedia, op. cit.

[36] Ebenda. Trassierstifte sind spezielle Stifte für technische Zeichnungen (nicht auf Papier). Rybickis und Grzywaczewskis Stifte waren nicht so spektakulär wie der überdimensionale Kugelschreiber, mit dem Lech Wałęsa das Protokoll der Vereinbarungen unterschrieb.

[37] Siehe z.B. T. Garton-Ash, The Polish Revolution: Solidarity 1980-1982. New York 1984.