Zur Tradition der Union von Horodło in der Teilungszeit. Die politischen Kontexte

Habent sua fata … nationes

(Konstancja Skirmuntt)

Wenn man untersucht, wie sich die Erinnerung an die polnisch-litauische Union gewandelt hat, so ist das 19. Jahrhundert sicherlich am interessantesten, da es die größte Zahl verschiedener Interpretationskontexte bietet. Die Tradition wird oft zu aktuellen politischen Zwecken benutzt, die mit Umbruchmomenten in der Geschichte Polens zusammenhängen. Es handelt sich um eine Tradition, die Teil der großen wie der kleinen Politik ist, vor allem aber den polnischen Diskurs über Polens Platz in Europa mitgestaltet, über das Recht auf die Restitution des Staats, über seine territoriale Gestalt. Die Vitalität dieser Tradition im 19. Jahrhundert war nicht so sehr und ausschließlich eine Folge der Teilungen, der von einem Teil der Bevölkerung artikulierten Bestrebungen zur Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit sowie der Konfrontation mit der imperialen Politik der Teilungsmächte. Auf grundlegende Weise hatten die komplexen Prozesse der sog. nationalen Modernisierung sowie die Ambitionen der „jungen“ Nationen, die anstelle der multiethnischen Gesellschaft der alten Rzeczpospolita, des polnisch-litauischen Reichs, entstanden waren, Einfluss auf die Vitalität und die historische Form sui generis des Diskurses über die Union Polens und Litauens. Typisch für sie war der „Gründungsseparatismus“, der auch die in der Vergangenheit wurzelnden, sich aber auf die Zukunft beziehenden politischen Visionen mit einbezog, insbesondere das Projekt, die alte Rzeczpospolita wiederentstehen zu lassen: Dies war für lange Zeit ein Axiom fast aller politischen Strömungen.

In der Regel wurden die Unionen in ihrem vollen Umfang betrachtet, selbst wenn der Anlass dafür nur eines von vielen Gliedern in der Geschichte der staatsrechtlichen Beziehungen war, welche in der Vergangenheit Kronpolen und das Großfürstentum Litauen miteinander verbanden. Die Erinnerung an die Unionen manifestierte sich an Orten und in Formen, die für das seinerzeitige nationale Leben charakteristisch waren. Dazu gehörten das Begehen von Jahrestagen, die dazu entstandenen Druckwerke, die Historiografie, die Literatur und die Kunst.

Die im 19. Jahrhundert existierende Legende der Union hinterließ dauerhafte Zeichen – „Erinnerungsorte“ – in der Gestalt von Hügeln und Denkmälern. Der Hügel bei Horodło wurde zwar erst 1924 aufgeschüttet, doch seine Anfänge reichen bis ins Jahr 1861 zurück. Der Hügel der Union von Lublin in Lemberg entstand seit 1869, also in Zusammenhang mit der 300-Jahr-Feier der Union von Lublin. Das Denkmal Jadwigas (1373/1374-1399) und Jagiełłos (1352/1362-1434) in Krakau wurde 1886 errichtet, zum 500. Jahrestag der Union von Krewo, und an die polnisch-litauische Union erinnerte auch das Krakauer Grunwalddenkmal mit Jagiełło und Witold (1354/1355-1439), den Mitgründern der Union von Horodło. Es sei außerdem an Jan Matejkos (1838-1893) Gemälde Die Union von Lublin erinnert, an die umfangreiche Historiografie mit Karol Szajnochas (1818-1868) großem, vor dem Erscheinen von Sienkiewiczs (1846-1916) Romanen meistgelesenen Buch Jadwiga i Jagiełło 1374‒1413. Opowiadanie historyczne [Jadwiga und Jagiełło 1374-1413. Eine historische Erzählung], das 1855/1856 erstmals veröffentlicht wurde, sowie an viele literarische Werke und an zahlreiche Abbildungen. Die Vielzahl der Formen und das unterschiedliche künstlerische Niveau hingen natürlich mit dem unterschiedlichen Niveau der Adressaten zusammen, an die man sich wendete. Daraus erklärt sich auch die Wahl der Narrative und die Vielzahl von Inhalten – angefangen bei Slogans und lapidaren Botschaften, bei Aufrufen und Ansprachen bis hin zu sachlichen und bisweilen subtilen Analysen in historiografischen und politischen Veröffentlichungen.

Die Tradition der Unionen, auch jener von Horodło, wurde in der gesamten Teilungszeit von verschiedenen Akteuren mitgestaltet, unter sich dynamisch wandelnden Umständen. Infolgedessen ist das Bild von dieser Tradition zwar kohärent, besitzt aber viele Färbungen, deren Beschreibung – vor allem bei der am schwächsten beschriebenen Union von Horodło – manchmal die Verwendung einer Lupe, ja sogar eines Mikroskops erfordert.

Die Tradition der Union von Horodło ist Teil einer breiter angelegten Erinnerung an die polnisch-litauischen Unionen und des in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Jagiellonenmythos, der sich an eine breitere Öffentlichkeit richtet und für die polnische Staatsräson des 19. Jahrhunderts größte Bedeutung hat. Auch wenn man die Rolle von Horodło als Zwischenetappe auf dem Weg von Krewo nach Lublin hinterfragen kann, so legt es die Poetik der Gelegenheitstexte doch nahe, dieses Ereignis, auf das sich der jeweilige Text gerade bezieht, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu stellen. Zweimal in der Teilungszeit trat die Union von Horodło in der Hauptrolle auf – 1861 bei einer patriotisch-religiösen Demonstration kurz vor dem Januaraufstand, dessen Stimmung sie mitprägte, sowie zum 500. Jahrestag der Union im Jahr 1913. Beide Ereignisse markieren symbolische Grenzen, weshalb sie gut zur Beobachtung und zum Vergleich geeignet sind. 1861 war die Tradition der polnisch-litauischen Union, die damals von Lublin und Horodło verkörpert wurde, lebendig – jedenfalls war es leicht, sich auf sie zu beziehen. Die Erinnerung an die Einheit und Unversehrtheit des alten Reichs war trotz der existierenden Grenzen aktuell geblieben. Es ließen sich jedoch schon die ersten Risse erkennen, etwa in Gestalt der ersten Anzeichen für einen ruthenisch-ukrainischen Separatismus. Ein halbes Jahrhundert später, 1931, haben wir es bereits mit der Agonie des angesichts der Gegenwart immer idealistischeren Projekts zur Rekonstruktion der multinationalen Adelsrepublik zu tun, die von den modernen ethnopolitischen Nationen und den sie verkörpernden Nationalbewegungen der Ukrainer und Litauer abgelehnt wurde, aber auch von einem Teil der polnischen Politik. Diese Agonie wurde jedoch nicht überall wahrgenommen. Ein Teil derjenigen, die sich an dieser Diskussion beteiligten, hielt diesen Zustand nur für den Ausdruck einer vorübergehenden Krankheit. Wenn man von den damaligen Diagnosen abstrahiert, so führten die geschilderten Prozesse dazu, dass sich die Adressaten und Funktionen der Tradition von Horodło veränderten.

Das Jahr 1861 – die Union der drei Nationen

Über das Horodło-Treffen ist relativ viel bekannt.[1] Am 10. Oktober 1861, am 448. Jahrestag der Union von Horodło, fand unter Beteiligung der russischen Armee auf den Feldern bei Horodło eine für damalige Verhältnisse große patriotisch-religiöse Kundgebung statt. Die russischen Behörden hatten es den Teilnehmern untersagt, in das Städtchen selbst Einzug zu halten. Einige Tausend, vielleicht sogar mehr als zehntausend Menschen aus den entferntesten Gegenden der geteilten Rzeczpospolita waren zusammengekommen. Rund 2.000 Personen, die sich aus Wolhynien und Podolien auf den Weg gemacht hatten, waren von der Armee daran gehindert worden, den Bug zu überqueren, weshalb sie in der Ortschaft Uściług symbolisch an der Demonstration teilnahmen.

Die Jubiläumsfeiern von 1861 waren ein wichtiger politischer Akzent in der Geschichte der sich vor dem Aufstand entwickelnden Nationalbewegung, und sie waren von einigen Aktivisten mit Unterstützung vieler junger Konspiratoren aus Lublin, Warschau und Kiew bewusst angeregt worden. Es ist bezeichnend, wie verschieden die Herkunft sowohl der Teilnehmer als auch der Initiatoren selbst war. Ein Teil hatte ruthenische Wurzeln – der Ideengeber der Feierlichkeiten von Horodło, der unierte Priester Stefan Laurysiewicz und der Lubliner Anwalt Kazimierz Gregorowicz (1833-1899) – oder stammte aus den ruthenischen Woiwodschaften, wie Stefan Bobrowski (1840-1863) und Apollo Korzeniowski (1820-1869), der den Gedanken ins Spiel brachte, zum Jahrestag der Lubliner Union eine Kundgebung zu organisieren. Die Absichten und politischen Erwartungen der Organisatoren, aber auch die wichtigste propagandistische Aussage der Kundgebung drückt am besten die zu dieser Gelegenheit geprägte Medaille aus. Auf der Kopfseite mit dem Datum 10. Oktober 1861 prangt folgende umlaufende Schrift: „Zur Erinnerung an die erste Union von Brüderlichkeit, gleichen Rechten und Freiheiten Litauens und Rutheniens mit Polen“. Die Manifestation von Horodło fand einen Monat nach den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Union von Lublin statt (12. August). Sie setzte die Wiederbelebung der Tradition einer Union Polens mit Litauen fort und sollte insbesondere deren Aktualität hervorheben. Das Jubiläum vom August war vor allem an die Einwohner Litauens gerichtet gewesen. Durch eine symbolische Vereinigung der Umzüge aus Kaunas und dem Königreich Polen erinnerte sie an die Unionsakte Kronpolens mit dem Großfürstentum Litauen. Das an der Grenze zu Wolhynien (nach den Teilungen Teil des Kaiserreichs Russland) gelegene Horodło eignete sich hervorragend, um diese Kundgebung der Einheit zu wiederholen, wobei diesmal die Gegenwart von „Pilgern“ aus Ruthenien hervorgehoben wurde. Doch es ging zugleich um viel mehr. Das Treffen von Horodło war vor allem als Angebot zur Zusammenarbeit an die politischen Kreise Rutheniens gedacht, weshalb die Union von Horodło nicht als Union von zwei, sondern von drei Nationen dargestellt wurde – von Polen, Litauern und Ruthenen. Mit Sicherheit war dies nicht nur Ergebnis einer kalkulierten Bilanz des Nutzens – die Rolle der weggenommenen Gebiete (die von Russland direkt einverleibt worden waren) in einem künftigen Aufstand –, sondern es drückte den festen Glauben an den Wert eines Programms aus, das die Wiederherstellung der Rzeczpospolita in ihren Grenzen vor den Teilungen auf Wunsch aller hier lebenden Bevölkerungsteile vorsah.

Bei den Feierlichkeiten wurde ein Akt zur Erneuerung der Union verlesen, wobei ausdrücklich hervorgehoben wurde, dass es sich um die Union dreier Nationen handeln werde. Dieser „Akt der Union dreier Nationen“ war am Vorabend der Kundgebung entstanden – am 9. Oktober in Stepankowice; als Verfasser gaben sich später mehrere Personen zu erkennen (Kazimierz Gregorowicz, Stanisław Szachowski (1843-1906), Roman Rogiński (1840-1915)). In einer der bekannten Versionen (das Original ist nicht erhalten geblieben) findet sich folgende Erklärung:

Wir unten Genannten aus allen Gebieten und Woiwodschaften Polens vor den Teilungen, die sich am heutigen Tag in Horodło versammelt haben, am vierhundertachtundvierzigsten Jahrestag der Union Litauens und Polens, bekunden durch den vorliegenden Akt und bestätigen durch unsere eigenhändigen Unterschriften, dass wir die Union, die alle Länder Polens, Litauens und Rutheniens vereint, auf den Grundsätzen völliger Gleichberechtigung der drei vereinten Nationalitäten und aller Konfessionen erneuern und uns zu einem engstmöglichen Bund vereinen, um daran zu arbeiten, unser gemeinsames Vaterland aus seinem heutigen Ruin herauszuheben, bis zur Erlangung der vollständigen Unabhängigkeit. Mit göttlichem Beistand verlassen wir uns hauptsächlich auf unsere eigenen Kräfte; wir wollen aber keinen geeigneten Quell vernachlässigen, der die Erfüllung des von uns beabsichtigten Werks erleichtern mag, und so unterstellen wir unsere nicht verjährbaren Rechte auf Unabhängigkeit dem Ermessen der Regierungen und dem Gewissen von Völkern mit ausgereiftem Gerechtigkeitsgefühl.[2]

Während sich das Jubiläum der Union von Lublin am 12. August in seiner verbalen und visuellen (polnischer Adler und litauisches Pogoń-Wappen) Botschaft auf die beiden Nationen/Völker bezog und von Litauen sowie Polen sprach, so waren die Feierlichkeiten von Horodło auf die gleichberechtigte Anwesenheit der Ruthenen ausgerichtet. Wenn man fortan von den Unionen sprach, so immer von Unionen dreier Nationen oder dreier Provinzen. Trotz der Tatsache, dass 1413 kein Ruthene aufgrund seiner orthodoxen Glaubensrichtung Nutznießer der dort vereinbarten Verpflichtungen wurde, begann man in Horodło die Union als Zeugnis der Einheit und Brüderlichkeit dreier Nationen darzustellen, wovon der Aufruf, die Medaille und die Textversionen der Erklärung zeugen. Damit wurden im öffentlichen Diskurs über die polnisch-litauischen Unionen Ruthenien und die Ruthenen zu Akteuren und zu gleichen Rechten in die Pläne der Aufständischen für ein künftiges Polen integriert.

Eine andere Frage ist, wie die erneuerte Union der drei Nationen im Aufstand selbst funktionierte, wurde sie doch wiederholt im Manifest der Aufständischen erwähnt und im Wappen des aufständischen Staates symbolisch dargestellt, welches sich auf dem Siegel der Nationalen Regierung wiederfindet. Die Botschaft, dass die Nationalbewegung die Wiederherstellung des polnischen Staats in den Grenzen von 1772 anstrebe, was als Programm im Grunde von allen politischen Lagern (mit Ausnahme von Aleksander Wielopolski, 1803-1877) geteilt wurde, konnte von keiner politischen Strömung Russlands akzeptiert werden, egal, welche politische Einstellung sie vertraten. Belege hierfür sind sowohl die scharfen Reaktionen auf die Kundgebung von Horodło in der slawophilen Zeitschrift „Den’“ als auch die Schwierigkeiten, auf die Polen stießen, als sie versuchten, einen gemeinsamen Standpunkt mit dem Umfeld von Herzen und Bakunin festzulegen. Zweifellos klärten die Jubiläen der Unionen von Lublin und Horodło die Einstellung der Nationalbewegung gegenüber dem Projekt von Aleksander Wielopolski und Großfürst Konstantin (1779-1831), die Reformen innerhalb der Grenzen von 1815 vorschlugen, gegenüber Russland, das die Gebiete des Großfürstentums Litauen als sein unveräußerliches Eigentum ansah, sowie gegenüber den separatistischen bzw. zumindest auf Eigenentwicklung drängenden Kreisen in den einst polnischen russischen Westprovinzen, für die etwa Wiktor Starzeński (1826-1882) mit seiner Idee eines litauisch-russischen Ausgleichs sowie die Anhänger einer ukrainischen Nationalbewegung standen. Während des Januaraufstands berief man sich auf die Kundgebung von Horodło und die dort getätigten Versprechungen. Legitimiert wurden diese durch angeblich 8.000 Unterschriften der Anwesenden. Sie waren dem weithin kolportierten Aufruf An die Brüder Polen, Ruthenen und Litauer gefolgt und vertraten alle Fürstentümer, Woiwodschaften und Gebiete der alten Rzeczpospolita, zugleich aber auch die unterschiedlichen Konfessionen und Berufe, um dem Ereignis besondere Bedeutung zu verleihen. Ihre Gegenwart wurde durch Fotografien und Lithografien belegt, die weite Verbreitung fanden: Man sah hier die Feierlichkeiten mit Bannern aus den Gebieten der alten Rzeczpospolita. Zum Symbol der politisch-ideologischen Absichten der Aufstandsführung wurde, in Übereinstimmung mit dem Geist des Akts von Horodło von 1861, das Wappen des polnischen Staats auf dem Siegel der Nationalen Regierung. Es bestand – zum ersten und zum letzten Mal in der Geschichte Polens – aus drei Feldern mit den Wappen der drei Teile der Rzeczpospolita vor den Teilungen: Polens (Adler), Litauens (Pogoń) und Rutheniens (Erzengel Michael). Sein Entstehen ist direkt auf das Jubiläum von Horodło zurückzuführen. Auf einem Treffen der ruthenischen Delegation mit Aktivisten der Nationalbewegung in Warschau soll bei den Diskussionen über den Ablauf der Feierlichkeiten von Horodło sowie über die polnisch-ruthenischen Beziehungen die Entscheidung gefallen sein, „dem Wappen Polens und Litauens von nun an stets das Wappen Rutheniens hinzuzufügen, den Erzengel Michael“[3].

Den Beschluss über die Annahme des neuen Wappens fasste die künftige Aufstandsführung noch vor dem Ausbruch des Aufstands (18. Januar 1863), doch aufgrund des technisch fehlerhaft hergestellten Siegels wurde weiterhin das bisherige Siegel mit Adler und Pogoń verwendet. Der Siegelabdruck mit den Wappen Litauens, Polens und Rutheniens ist jedoch auf einigen Dokumenten erhalten geblieben. Schließlich wurde mit Dekret vom 10. Mai 1863 ein Siegel eingeführt, der aus den Wappen der drei Teile der Rzeczpospolita bestehen sollte:

aus denen das eine und unteilbare Polen besteht: Adler, Pogoń und Erzengel Michael auf einem Wappenschild mit der Jagiellonenkrone, mit einer Aufschrift ringsum: National Regierung oben und unten Freiheit – Gleichheit – Unabhängigkeit.[4]

Diese Symbolik knüpfte an das staatliche und territoriale Erbe der Jagiellonen an und zeigte, wie weit die Kämpfe um die Unabhängigkeit sowie um die Grenzen des künftigen Staats reichen würden. Die Aufschrift bedeutete, dass Litauer und Ruthenen als gleichberechtigte Nationen anerkannt wurden, wobei als Grundsatz der Koexistenz der Nationen Freiheit und Gleichheit galten.

Die beiden Jubiläumsfeierlichkeiten des Jahres 1861 fanden unter der Parole der Einheit und Brüderlichkeit der zur einstigen Rzeczpospolita gehörenden Gebiete sowie der hier lebenden Nationen statt. Damit wurde deutlich gemacht, wie aktuell die historischen Bündnisse waren, die weder vom Untergang des Staats noch von den Teilungen und auch nicht von deren Folgen und den neuen Grenzen hätten zunichtegemacht werden können. Die Bedeutung der Zusammenkunft von Horodło darf jedoch nicht überbewertet werden, was die allgemeinen Kenntnisse über die Union von Horodło betrifft. Die verbreiteten Informationen waren sehr beschränkt (Datum, Name des Herrschers, Union) und hatten hauptsächlich den Zweck, die Freiwilligkeit des Bundes und der Entstehung einer Nation aufzuzeigen. In den Erinnerungen der Teilnehmer, ja selbst in den unmittelbar danach erschienenen Presseberichten (im Krakauer Czas) galt die Kundgebung von Horodło vor allem als Manifestation von Einheit und Vitalität der Union Polens und Litauens. Das offensichtliche Bemühen um visuelle Propaganda – Illustrationen des Aufeinandertreffens der Märsche auf einer von den Behörden zerstörten Brücke über den Niemen, der Messe bei Horodło, der häufig auftauchenden nationalen Symboliken in Form von Wappen mit Adler und Pogoń – hatte durchaus den Effekt, dass die Bekanntheit der Union wuchs. Das symbolische und pittoreske Szenario der Kundgebung – die Vereinigung (Union) von Litauern und Kronpolen am Niemen sowie von Kronpolen und Ruthenen in der Stadt Horodło – konnte auch als „ästhetischer“ Beitrag der Organisatoren gewertet werden, die sich aus Studenten der Schule der Schönen Künste zusammensetzten. Vor allem ist hier aber zu sehen, welche Sorgfalt man darauf verwendete, die Gefühle und Vorstellungskraft auch ungebildeter Menschen anzusprechen, die schließlich die Mehrheit der Teilnehmer stellte. Die Feierlichkeit wurde so geplant, dass sie symbolisch die Union/Verbindung illustrierte und die Fantasie ansprach. So trafen sich an der Grenze Kronpolens mit Litauen, an einer über den Niemen führenden Brücke, die Kaunas und Aleksota verband, zwei von entgegengesetzten Seiten kommende Prozessionen, die dadurch eine symbolische „Vereinigung Litauens und Polens“ vollzogen. Zu einem ähnlichen Aufeinandertreffen in Horodło kam es, wie erwähnt, nicht, da die Armee den Zutritt zur Stadt verwehrte. Doch auch das Leben selbst verlieh der Versammlung von Horodło eine eigene Dramaturgie – die Präsenz bewaffneter Soldaten sowie zwei Kundgebungen auf beiden Seiten des Bugs.

Dass die Kundgebungen an den Jahrestagen der polnisch-litauischen Unionen so außergewöhnlich waren, ergab sich aus dem politischen Kontext, nämlich dem bevorstehenden Aufstand, später dann aus dem Aufstand selbst, dessen Ziel es war, die Rzeczpospolita in ihrer Gestalt von vor den Teilungen wiederherzustellen. Die Tradition des gemeinsamen polnisch-litauischen Staats war immer noch sehr stark, was sich bei jedem Versuch zeigte, die Unabhängigkeit wiederzuerlangen oder zumindest die nationalen Rechte auszuweiten (1812, 1831, 1848, 1863). Die Kundgebung bei Horodło wurde außerdem zu einem Ereignis, das in der Erinnerung ein Eigenleben zu führen begann. Sie überlagerte gewissermaßen die Versammlung auf der Burg im Jahr 1413. Dennoch war sie ein Element derselben Geschichte – eines politischen Projekts, das sich auf die Wiederherstellung des Staats in Anlehnung an die Tradition einer Union dreier Nationen bezog. Im Jahr 1883 sowie erneut 1884 fanden in der Polnischen Bibliothek in Paris Feierlichkeiten zum 22. und 23. Jahrestag der Kundgebung von Horodło 1861 statt, und zwar unter der Parole, die damalige Versammlung zu ehren, welche die Union der drei Nationen erneuert habe.[5] Nach diesen Feierlichkeiten erschienen in der Exilpresse Publikationen, auch in der inländischen Presse gab es Hinweise, außerdem entstanden zwei Gelegenheitsgedichte sowie Vorträge.

Die Umstände, unter denen man versuchte, die Tradition der Kundgebung als einen der wichtigsten nationalen Feiertage aufzubauen, müssen zweifellos weiter erforscht werden. Der gegenwärtige Wissensstand deutet darauf hin, dass die persönliche Initiative Kazimierz Gregorowiczs hierbei die entscheidende Rolle spielte. Er war einer der Initiatoren der Feierlichkeiten von Horodło, während des Januaraufstands diente er als ziviler Vorsteher der Woiwodschaft Lublin, später war er Emigrant und Publizist, dem die Idee zur Ausarbeitung eines Kooperationsmodells mit Ruthenien ein besonderes Anliegen war. Zwar sah die politische Vorstellungskraft der meisten Diskutanten keinen anderen Plan zum Wiederaufbau Polens vor als den, es in den Grenzen von 1772 entstehen zu lassen, doch schon alleine die Tatsache, dass es zu dieser Debatte kam, ist Beleg für das Bewusstsein von den Gefahren, welche die ukrainische Nationalbewegung sowie der russische Panslawismus mit sich brachten. Im Exil wurde das russische politische Denken aufmerksam verfolgt, auch der Zustand der polnisch-ruthenischen Beziehungen in Galizien, und man suchte nach Wegen einer Verständigung mit den Ukrainern. Möglicherweise der Auslöser zur Organisation der Feierlichkeiten von 1883 waren die sich wandelnden Ansichten des Russophilen Pantelejmon Kuliš (1819-1897) sowie eine Erklärung zur Zusammenarbeit mit Polen, die 1882 in dem Werk Krašanka zur Sprache kam.

Sicherlich gehörte Gregorowicz zu den Anhängern und Verfechtern der Idee eines gemeinsamen Kampfes Rutheniens und Polens gegen Russland sowie einer Wiederherstellung der polnisch-litauisch-ruthenischen Union, die auf einem gemeinsamen, föderal organisierten Staat basieren sollte. Unter den Emigranten gab es auch andere Ruthenen, die an eine zweistufige Identität glaubten (gente Ruhteni, natione Poloni), etwa der zum Lager des Hôtel Lambert gehörende Franciszek Duchiński (1816-1893), der eine Theorie von der nichtslawischen Abstammung der Russen entwickelt hatte, und seine Frau, die Dichterin Seweryna Duchińska (1816-1905), die ein Gedicht zum 22. Jahrestag der Kundgebung von Horodło schrieb (Wiersz na uroczystość XXII-ej rocznicy Horodelskiego Zjazdu w dniu 10 Października 1861 r.). Dieses Lager glaubte immer noch an den „gemeinsamen Traum von der Freiheit“, deren Erlangung nur dann möglich sei, wenn sich alle Kräfte gegen den, wie hervorgehoben wurde, gemeinsamen Feind Russland vereinen würden.

Für Gregorowicz kam es bei der Versammlung von Horodło 1861 zu einer Erneuerung der Union „von Freien mit Freien, Gleichen mit Gleichen“ der drei Nationen. Er betrachtete sie als denkwürdige Angelegenheit, da es damals zur „Korrektur eines in der Vergangenheit begangenen Fehlers“ gekommen sei, nämlich des „unglücklicherweise nicht rechtzeitig umgesetzten Vertrags von Hadjatsch“. Aufgabe der Geschichte sei es, so Gregorowicz, Lehren für die Zukunft vorzulegen, Fehler in der Vergangenheit zu erkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Viele davon gingen auf beide Seiten zurück. Doch das Motiv, sich an die polnische Brust zu schlagen, um dadurch zu einer Verständigung zu gelangen – zum Beispiel in Bezug auf die vom Adel verschuldeten Vergehen an den Bauern –, war im politischen Schrifttum Polens alles andere als neu. 1884, zum 23. Jahrestag der Kundgebung, schrieb Maksymilian Hertel (1844-1921) in einem Gelegenheitsgedicht:

Doch heute ist ein Feiertag der Eintracht, – also kein Tag der Verzweiflung;

Schließlich schmerzt heute die Schar der Vertriebenen,

Im Namen Polens beichtet sie vor Ruthenien ihre Sünden;

Und die Schwester erinnert sie an gemeinsamen Lorbeer

Und die gemeinsamen, durch Versuche zur Grablegung verwischten Schulden! …

Schließlich funkeln heute auf den Flaggen der Freien die Wappen,

In den Herzen blitzt – neben dem Vertrag von Hadjatsch – die Union von Horodło.[6]

In den 1880er Jahren klang die „heimatliche“ Phraseologie von den schwesterlichen Gefühlen bereits ein wenig abgestanden; es gab immer weniger Zuneigung zur alten Familie der politischen Nation. Die junge Generation suchte ihren eigenen Weg – 1869, zum 300. Jubiläum der Union von Lublin, lehnten die Ukrainer eine Beteiligung an gemeinsamen Feierlichkeiten ab. Die Niederlage des Aufstands verdeutlichte, wie dramatisch und stark der Konflikt mit Ruthenen/Ukrainern war, zumal er sehr schwer zu lösen war, da er sich nicht im luftleeren Raum abspielte, sondern im Wettstreit mit Russland und parallel zu den Herausforderungen, die sich dadurch stellten, dass die österreichischen Behörden die Antagonismen schürten und teils selbst für sie verantwortlich waren. Die Vorstellung von einem liberalen polnisch-ukrainischen Bündnis hatte, wie sich herausstellen sollte, 1863 ihre Attraktivität verloren. In den Diskussionen der Emigranten über das künftige Schicksal Polens wurde damals die Idee einer Föderation freier Nationen als Zukunft Europas populär. Gregorowicz ergänzte dies um die Traditionen der polnischen Unionen, die ein Vorbild für Europa sein sollten. Es sei also Polens Sendung, das Banner der freien Unionen zu tragen, wie dies Gregorowicz 1884 formulierte:

Im weiteren Verlauf der politischen Ereignisse muss es unbedingt zu einer Annäherung der zu einem gemeinsamen Stamm gehörenden europäischen Völker kommen, um eine neue Art von Allgemeinheit herbeizuführen, die nicht mehr eine Folge der Kraft des Schwertes, sondern einer freiwilligen Bereitschaft durch alle sein wird. […] Dieses so erhabene Werk ist Polen zugefallen, das schon im Jahre 1413, als alles aufgeteilt wurde, der Welt den bislang unbekannten Grundsatz „die Freien mit den Freien, die Gleichen mit den Gleichen“ verkündete, der später in den oben angeführten königlichen Dekreten, in der Union von Lublin und schließlich im Vertrag von Hadjatsch wiederholt wurde.[7]

Der Kurier Polski w Paryżu schrieb ganz deutlich, dass der Grundsatz freiwilliger Beziehungen zwischen den Nationen „das höchste und großartigste historische Erzeugnis des Lebens von Polen, Litauern und Ruthenen ist“[8] [meine Hervorhebung, J. S.-K.].

Das Jahr 1913 – der 500. Jahrestag der Union von Horodło

Der 500. Jahrestag der Union von Horodło wurde, wie es sich für ein großes Ereignis gehörte, von der polnischen Presse mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, vor allem im russischen Teilungsgebiet – im Königreich Polen sowie in den weggenommenen Gebieten. Das Fehlen von Jubiläumsfeiern in Galizien, wo derlei Kundgebungen eine besondere Eigenart des nationalen Lebens waren, mag wundern. Sicherlich wird dies durch ein Zusammenfallen mehrerer Umstände erklärt: Durch den aktuellen Zustand der Beziehungen zwischen den Nationen (wie konnte man die Union dreier Nationen feiern, wenn sich mindestens zwei ganz von ihr abgrenzten), durch die Ermüdung der Öffentlichkeit (das Jubiläum von Horodło und, weiter gefasst, der „Union“ folgte auf den Marathon der Grunwald-Feiern zwischen 1902 und 1910), durch die Vorbereitungen zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Januaraufstands sowie zum 100. Todestag von Fürst Józef Poniatowski (1763-1813) sowie schließlich durch die völlig neue internationale Situation und ihre für Polen erwarteten Folgen.

Die Tradition von Horodło war in den 52 Jahren, die seit der Kundgebung von 1861 vergangen waren, nicht ganz verschüttet worden, obschon die einstige Gemeinschaft langsam zerfallen war. Das Thema einer polnisch-litauischen Union hatte die Gelehrten seit den 1870er Jahren lebhaft interessiert, als mit der Entwicklung institutionalisierter Forschungen an den Universitäten Krakau und Lemberg sehr wertvolle Arbeiten entstanden. Neben der bisher überwiegenden romantischen Apologie der polnisch-litauischen Unionen mehrten sich nun Meinungen, die zwar die Rolle der Unionen für Mitteleuropa würdigten, in ihnen aber sogar die Ursachen für den Niedergang Polens sahen (Józef Szujski, 1835-1883; Michał Bobrzyński, 1849-1935).

Informationen über die Union von Horodło wurden auch in volkstümlichen Versionen verbreitet, vor allem in der Presse. Der Akt der Union von Horodło, der Bezug nahm auf die Adoption des Adels war, wie die Warschauer Presse 1913 schrieb, „der Allgemeinheit ein wenig bekannt, da unsere Schriftsteller bei Gelegenheit gerne daran erinnerten“.[9] Bekannt waren auch Lithografien des Aktes selbst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts berief man sich oft auf „neueste Forschungen“. Im Übrigen bezogen sich die meisten zum Jubiläum erscheinenden Artikel entweder auf die Arbeit der Historiker oder wiederholten, ihnen folgend, eingefahrene Floskeln. Das betrifft besonders den damals nicht mehr lebenden Karol Szajnocha (1818-1868) sowie Oskar Balzer (1858-1933), der im Jubiläumsjahr ein Referat über die Union von Horodło hielt. Die Gelehrten selbst nutzten öffentliche Auftritte (Referate in der Jagiellonenuniversität, in wissenschaftlichen Gesellschaften, Zeitungsartikel, Broschüren) dazu, um den aktuellen Wissensstand über die Union darzulegen, ohne sich dabei auf die aktuelle Lage zu beziehen – und wenn, dann nur höchst zurückhaltend. Manchmal gingen wissenschaftliche Initiativen, wie im Fall des Sammelbandes Litwa i Polska w stosunku dziejowym Litauen und Polen in ihrer historischen Beziehung, der letztlich dem Gedenken an die Union von Horodło gewidmet wurde, auf die Hoffnung zurück, dass korrektes historisches Wissen zur Verbesserung der aktuellen Beziehungen beitragen könne.

Die Zeitungsberichterstattung zeichnete sich in jeder Hinsicht durch eine gewaltige Unterschiedlichkeit aus. Dies betraf den Textumfang, den Grad von Detailbeflissenheit bei der Beschreibung der Union von Horodło 1413, die Bezüge der vermittelten Informationen zum aktuellen Wissensstand, die Auswahl der Informationen, insbesondere hinsichtlich der Entstehung (wessen Verdienst?) und der Bedeutung der Union (der Akzent wurde meist auf die ursächliche Rolle für die Entstehung der Gemeinschaft gelegt, etwa Horodło als „Fundament, aus dem die Gemeinschaft erwuchs“ oder „kein Lublin ohne Horodło“), die Vereinigung der Nationen Kronpolens und des Großfürstentums Litauen (Entstehung einer Nation von cives Poloni, „Polen dem Geiste nach“) oder die zivilisatorischen Veränderungen, die sich daraus ergaben, dass Polen mit seiner Religion auch das kulturelle Erbe und die Institutionen der lateinischen Welt weitergegeben hatte. Entscheidend waren jeweils das Niveau der Zeitung und ihrer Autoren, die Bildung ihrer Leser, vor allem aber die politische Richtung der Zeitung. In der nationaldemokratischen Gazeta Warszawska wurde Horodło als eines der drei wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Polens bezeichnet (neben dem „Werk Chrobrys“ und Grunwald) und als größte Errungenschaft, Gipfel des polnischen politischen Genies Oleśnickis und der kleinpolnischen Herren, die geprägt worden sind von der piastischen politischen Denkenschule, auf der „das ganze jagiellonische Polen basiert“. In einem von der gemäßigten Warschauer Tageszeitung Kurier Polski in Auftrag gegebenen Artikel verteilte Konstancja Skirmuntt (1851–1934), eine Vertreterin der „Krajowcy“ (eine Gruppe von in Wilna lebenden polnischsprachigen Intellektuellen), die Interessen, den Nutzen und die Verdienste zu gleichen Teilen auf beide Seiten.

Das Urteil über „Horodło 1413“ gab polnischen Lesern Anlass zur Genugtuung – es handelte sich um ein großes und kluges Werk, das damit zur „glänzenden Tradition kluger Politik der polnischen älteren Zeiten“ gehöre. Die Größe seiner Urheber leitete sich aus den objektiven Schwierigkeiten „der Verbindung gänzlich unterschiedlicher Staatswesen“ ab, die zudem früher verfeindet gewesen seien, und aus der Bedeutung des Ereignisses, aber auch aus seinen Folgen, die insbesondere zur größten Blüte und Machtentfaltung in der Geschichte des polnischen Staats geführt habe. Die Beurteilung Horodłos als in der Geschichte Europas großes und außergewöhnliches Ereignis lässt sich teilweise der Rhetorik der Jubiläumstexte und ihrer kompensatorischen Funktion in der Teilungszeit zuschreiben. Sie sind in der Regel gekennzeichnet durch eine Hyperbolisierung, jedoch erscheinen sie glaubhaft durch die Berufung auf die wissenschaftliche Autorität Oskar Balzers, der die Union als Ereignis bezeichnete, das „in der Geschichte Osteuropas von erstrangiger Bedeutung“ gewesen sei. Die Analyse der Bestimmungen des Akts von Horodło hatte den Gelehrten zu dem Schluss gelangen lassen, dass in Horodło das in Krewo vorgezeichnete Ziel erreicht worden sei, allerdings mit anderen Mitteln, denn:

[…] die übrigen Bestimmungen haben das Ziel, das gesamte innere Leben Litauens nach polnischem Muster umzugestalten, es zu verbinden, zu einem Ganzen zu verschmelzen, indem die engsten inneren Knoten zwischen den beiden Nationen geknüpft werden. […] In diesem Licht erscheint die Union von Horodło als erstrangig bedeutende, vernünftige und zielgerichtete, weit in die Zukunft blickende politische Handlung. Das in diesem Akt zutage getretene polnische politische Denken hat sich hier zu den hervorragendsten Mitteln aufgeschwungen, die in der Politik so schwierig sind: Man hat die erstrangigen Güter der Anderen vermehrt, ohne auch nur ein bisschen von seinen eigenen Gütern zu vergeuden, und durch diese Vermehrung sicherte man sich noch neue, schwerwiegende Gewinne in der Zukunft. […] Und so ist die Union von Horodło nicht nur ein historisches Ereignis, durch das, was sie direkt angeordnet und umgesetzt hat, sondern zugleich ein epochales Programm, und zwar durch das, was sie als Ziel vorgab.[10]

Mit Leichtigkeit kann man vom unterschiedlichen Wert (und der unterschiedlichen Absicht) der Narrative über die Union von Horodło sprechen, gleichzeitig aber berücksichtigen, dass sie bezeichnenderweise in solchen Kreisen nicht vorhanden sind, die sich von der „adligen Vergangenheit“ abgrenzen. Die Unterschiede verschwinden allerdings in den besonders wirkmächtigen, in den Texten über alle Unionen herausgestellten Werten. Sie sind es, aus denen eine kohärente polnische Unionstradition entsteht – auch zur Union von Horodło –, die ein wesentliches, geradezu unabdingbares historisches Argument im polnischen Diskurs mit den Nationen der alten Rzeczpospolita, mit Westeuropa und Russland, zwischen Ost und West darstellt. Polen hat als Teil der westlichen Zivilisation eine gewaltige Rolle gespielt, um den katholischen Glauben sowie die lateinische Zivilisation nach Osten zu bringen und zu verteidigen – dies ist das Motiv von Mission und Verteidigung, aber auch vom Opfer. Dieses Motiv wurde in denjenigen Botschaften besonders herausgestrichen, die sich an Litauer und Ruthenen richteten.

In der Erinnerung an die Union von Horodło kehren viele Themen und historische Argumente sehr häufig wieder. Was ihr die größte Bedeutung verleihe, lasse sich auf die prinzipiellen Werte reduzieren, die Polen in seiner Geschichte verkörpere: Moral in der Politik, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Die inhaltliche Erhabenheit der Beschlüsse über die Adoption des Adels mit ihren Worten von Liebe und Brüderlichkeit („Wer sich nicht auf die Liebe stützt, erfährt nicht die Gnade der Erlösung“) eignete sich perfekt zur Interpretation und ermöglichte es, diesen ehrbaren Gedanken weiterzuführen. Die Aufnahme der Bojarengeschlechter „in die Familie“, Uneigennützigkeit und Großmut beim Teilen der eigenen Reichtümer, Toleranz – diese Worte wurden durch alle Fälle durchdekliniert. Die Freiwilligkeit des Bundes ist ein festes Motiv in der Erinnerung an Horodło, das im Gegensatz zur Einheit im Laufe der Zeit nichts von seiner Glaubwürdigkeit verlor, selbst nicht durch die Konfrontation mit der Realität, ja, es gewann angesichts der deutschen Expansion und der Germanisierungspolitik sogar an Bedeutung. Den Anfang machten bei dieser Sichtweise Szajnocha (Jadwiga i Jagiełło) und der deutlich von dessen Büchern beeinflusste Julian Klaczko (1825-1906). Dieser sensible und scharfsinnige politische Schriftsteller schrieb nach dem Krieg um Schleswig-Holstein eine damals viel diskutierte Studie über die Teilungspolitik Preußens (Études de diplomatie contemporaine: les cabinets de lEurope en 1863-1864, Paris 1866), und anschließend, 1869, veröffentlichte er zum 300. Jahrestag der Union von Lublin seinen Essay Une annexion d’autrefois: lunion de la Pologne et de la Lithuanie (Paris 1869), in dem es um die polnisch-litauischen Unionen ging, wobei er der Union von Horodło besondere Aufmerksamkeit widmete. In diesen beiden Essays verglich Klaczko für den westeuropäischen Leser die Teilungspolitik Preußens mit der Politik Polens. Über Horodło schrieb er u.a.:

Beispiellos ist tatsächlich die ähnliche Verbindung zweier Staaten, die sich lange nicht freundschaftlich gesinnt waren, von ewigen Kämpfen verbittert, Länder mit unterschiedlichen Rassen, Sitten, Sprachen und Religionen, die sich aber schließlich im Namen des Evangeliums, von Freiheit und einer Liebe einten, die „selbst Staaten errichtet“. Erstmals in der Welt entsteht ein mächtiges Reich ohne Blutvergießen. Wie wichtig und beeindruckend sind die Beschlüsse dieser Hauptversammlung in Horodło, wo alle historischen Rechte, die Nationalität und die Unabhängigkeit der Länder Gedimins anerkannt wurden, und für so viele zuerkannte Wohltaten wurden keine Opfer bei der Autonomie verlangt, man hat sich versprochen, eine conventio generalis einzuberufen, wann auch immer Wohl und Nutzen des Staats danach verlangen werden. Die Völker Jadwigas standen bei Zivilisation, Macht, Reichtum und Bewaffnung höher als die Untertanen Jagiełłos, doch sie haben sich keinerlei höhere Stellung oder Führungsrechte gegenüber diesem politischen Leben angemaßt, mit welchem die neuen Brüder beschenkt wurden.[11]

Die polnische Übersetzung von Une annexion d`autrefois erschien unter dem Titel Aneksya w dawnej Polsce (Unia Polski z Litwą) [Eine Annexion im alten Polen (Die Union Polens mit Litauen)] im Jahr 1901, als in der Gegenüberstellung der westlichen und östlichen Teilungspolitik sowie der polnischen Politik hinsichtlich des Großfürstentums Litauen im polnischen historischen Diskurs die bekannten Worte von Kanzler Bismarck (1815-1898) über eine Politik „mit Blut und Eisen“ verwendet wurden.

Die Schriften rund um Grunwald und die Unionen ließen ähnliche Gedanken entstehen. 1913 wurde in Anlehnung an die Akte von Horodło 500 Jahre zuvor von den gegenseitigen Verpflichtungen geschrieben und die Frage gestellt, ob die Union die Probe der Zeit bestehen würde; man fragte sich, was die Zukunft bringen werde. Das hieß, dass man die Tradition von Horodło aus der Perspektive eines bereits weit fortgeschrittenen nationalen Modernisierungs-prozesses betrachtete, der nicht nur Polen sowie Polen mit zweistufiger nationaler Identität betraf, sondern auch die politischen Bestrebungen von Litauern und Ukrainern sowie deren abweichende Narrative über die Unionen. Diese Bestrebungen negierten Sinn und Bedeutung der Unionen, mehr noch deren Aktualität als zukunftsorientierte Projekte angesichts der schrumpfenden polnischen Identität in den Fortgenommenen Gebieten und der anschwellenden Unabhängigkeitstendenzen. Es handelte sich somit um einen schmerzlichen Jahrestag. Ein Teil der Autoren sah in den gegenwärtigen polnisch-litauischen sowie polnisch-ruthenischen Beziehungen lediglich eine vorübergehende Krise. Dies betraf vor allem die Beziehungen zu den Litauern, deren nationale Wiedergeburt noch relativ frisch war und noch nicht alle erreicht hatte. Doch viele waren sich darüber im Klaren, dass sich die Welt vor ihren Augen auf dramatische Weise veränderte. Einheit und Solidarität, die vor dem Januaraufstand noch ohne größere Mühen aufgefrischt werden konnten, waren in den folgenden 50 Jahren, innerhalb einer Generation, völlig zerfallen.

Wenn man heute diese Texte liest, in denen den Litauern Undankbarkeit für die ihnen in der Vergangenheit verliehenen Güter vorgeworfen wird, in denen es heißt, dass sie die Zeiten großen Ruhms vergessen hätten, die ohne die Union nicht möglich gewesen wären, dass sie die unlängst erneuerten Versprechungen gebrochen hätten, so klingt das anachronistisch. Man sollte jedoch daran denken, dass das historische Wissen über die gegenseitigen Beziehungen im Vergleich zu heute ziemlich gering war. Hinsichtlich des ethnischen Separatismus der Litauer sah man kein eigenes Verschulden in der Vergangenheit, anders als im Verhältnis zu den Ruthenen. Insgesamt hatte man sich mit dem litauischen Separatismus ebenso wenig abgefunden wie mit der Abneigung von Polen und polnischer Identität durch die kleinlitauische Bewegung. Die Einheit schien zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine nicht weit zurückliegende Vergangenheit zu sein (vgl. die Beschreibung der Kundgebung von 1861 in Maria Konopnickas (1842-1910) Dichtung Przez głębinę [Durch die Tiefe], 1907), die man durch das gemeinsam vergossene Blut und die Verbannungen bestätigt glaubte (Konopnickas Gedicht Litwa von 1907, das am Jahrestag auf der ersten Seite des Kurier Litewski veröffentlicht wurde). Dies sollte ein Beleg dafür sein, dass die Union den Niedergang des Staats und die schweren Zeiten der Unfreiheit überdauert habe.

Der in Wilna erscheinende, national eingestellte Kurier Litewski suchte in einem Artikel seines Chefredakteurs Józef Hłasko (1856–1934) nützliche Argumente für die Demokratisierung der Tradition des Staats und seiner politischen Nation:

Wenn neue Gesellschaftsschichten die historische Bühne betreten, verkünden diese immer, dass sie nichts mit der Vergangenheit zu tun haben, die von anderen Schichten geprägt worden sei, dass sie alle ihre Denkmäler zerstören werden und ein neues Leben zu bauen beginnen. Diese Rufe erklingen mit leidenschaftlichem Hass, doch das Gefühl für die Verbindung mit der Vergangenheit ist eine Herzensnotwendigkeit, und bald kommt auch die Besinnung. In diesem verdammten historischen Erbe gibt es schließlich wunderbare Schmuckstücke, die man kaum ohne Bedauern ablehnen kann. Sie sind ein Produkt der gesamten Nation, nicht nur derer, die sie einst regiert haben. Den Staat aufgebaut, das gesellschaftliche System geformt, ihre eigene Zivilisation geschaffen, Sprache, Literatur, Wissenschaft und Kunst entwickelt haben nicht nur diejenigen, die ihrem Vaterland mit dem eigenen Blut und Geistesanstrengungen gedient haben, sondern auch jene, die mit ihrer physischen Anstrengung anderen die Arbeit auf höheren Ebenen ermöglichten. Das Volk der Pflüge und Werkstätten hatte ein schweres Los, doch seine blutige Mühe ist nicht fruchtlos geblieben. Es hat das Vaterland mitgeschaffen und ist als solches auch rechtmäßiger Miteigentümer dieser höchsten Güter, die uns die Vergangenheit übergeben hat.[12]

Die nicht emotionslosen Erzählungen über Horodło in der polnischen Presse des russischen Teilungsgebiets (Warschau, Wilna, Kiew) im Jahr 1913 sollten auch Anlass dazu sein, den polnischen Beitrag zu dem Projekt einer Rzeczpospolita zweier (dreier) Nationen anzuerkennen und gerecht zu beurteilen. Skirmunttówna antwortete auf diesen Bedarf in ihrem Jubiläumsartikel unter dem bezeichnenden Titel Habent sua fata … nationes (im Warschauer Kurier Polski), in dem sie der Union gerecht zu werden versuchte. Der Kijowski Dziennik fragte nicht nur danach, ob die Union den Untergang des Staats überdauert habe, sondern auch, ob Polen heute den ehemaligen Nationen der Rzeczpospolita noch etwas geben könne. Und er antwortete so ganz im Geiste von Horodło:

Angesichts der Kämpfe, die seit einer Reihe von Jahren mit wachsender Verbissenheit von den Anführern des zum Leben erwachenden ruthenischen und litauischen Volkes gegen Polen geführt werden, könnte es den Anschein haben, dass die Antwort auf diese Frage negativ sein müsse. Die Anführer der einst brüderlichen Nationen wollen uns nicht, sie nennen die Union einen „Raub“, verfluchen sie als etwas, was für Litauen und Ruthenien verhängnisvoll gewesen sei. Die Union hat sich nicht erhalten, sie gehört einer abgeschlossenen Vergangenheit an, die nicht mehr wiederkehrt. So könnte man meinen …
[…] Heute hat Polen nichts anzubieten: Es kann nicht, wie einst mit dem Akt von Horodło, die jungen, doch begierigen brüderlichen Nationen so reichlich beschenken, ohne dabei von seinem Gut zu vergeuden. Und mit Hass und Hohn hören das junge Litauen und die junge Ukraine die Stimmen der Liebe, die über ihren Zank und Streit mit hartnäckiger Festigkeit aus Polen zu ihnen dringen. Was heute Polen geben kann, hat keinen realen Wert. Aber für die, die über den augenblicklichen Nutzen hinwegschauen, weitere Horizonte erkennen können, wären die derzeit rein moralischen Gaben Polens nicht zu verachten. Polen gibt seine politische Idee, eine nicht nur für sich schöpferische Idee: Dies ist die ewig dauerhafte Idee der Freiheit, des freien Bundes, der gleichrangigen Föderationen.
Polen gibt die Idee der Liebe, was erhebt und adelt. Es will dies teilen, getreu dem Versprechen von Horodło. Polen glaubt, dass die aus Hass und Eifersucht erwachsenen heutigen Ränke unserer alten Brüder keine dauerhaften Dinge schaffen und wie Rauch zerblasen werden – um einer anderen, auf würdevollen Elementen basierenden Arbeit Platz zu machen.[13]

Diese Hoffnungen schienen die massenhafte propagandistische nationale Ikonosphäre zu bestätigen, vor allem am 50. Jahrestag des Januaraufstands, an dem es von Ansichtskarten mit Adler, Pogoń und Erzengel Michael nur so wimmelte. Die Geschichte der polnischen Erinnerung an die Union von Horodło zeigt deren enge Beziehung zum Diskurs über die Rivalität um die Zukunft der litauisch-ruthenischen Gebiete, wie er mit dem russischen politischen Denken sowie den politischen Ideen der Ukraine und Litauens geführt wurde, welche Nationalbewegungen verkörperten, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Gebieten der alten Rzeczpospolita gebildet hatten. Weiter betrachtet, gehörte die Interpretation des grundlegendsten Zwecks der Union als Ausdruck einer historischen Mission Polens sowie seiner nationalen Charakteristika zu den grundlegenden, zentralen historischen Argumenten, mit denen die Notwendigkeit begründet wurde, warum der polnische Staat in Europa und die Freiheitsrechte der Polen wiederhergestellt werden müssten. Zu keinem späteren Zeitpunkt war diese Tradition so wichtig wie jetzt. Sie war dabei zugleich das Symbol einer friedlichen Arbeit, da sie kein Teil einer kriegerischen Erzählung war, denn sie enthielt weder Säbel noch Sensen. Sie koexistierte und konkurrierte mit verschiedenen Erinnerungen, was das Jahr 1913 bestens zeigte, in dem 50 Jahre seit dem Ausbruch des Januaraufstands und 100 Jahre seit dem Tod eines der drei wichtigsten Nationalhelden des 19. Jahrhunderts, des Fürsten Józef Poniatowski, verstrichen waren.

Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew

Jolanta Sikorska-Kulesza: Z tradycji unii horodelskiej w okresie zaborów. Konteksty polityczne, in: Od Horodła do Horodła. Unia horodelska: dzieje i pamięć (1413-2013): wystawa Muzeum Zamojskiego w Zamościu i Muzeum Historii Polski, Muzeum Zamojskie w Zamościu, 29 IX – 31 IX 2013, Zamość – Warszawa 2013, S. 81-102.

Ausgewählte Literatur:

Oskar Balzer: Unia horodelska. Kurier Litewski nr 223 z 29 IX/12 X 1913. (zob. Oskar Balzer: Unia horodelska. Odczyt wygłoszony na publicznem posiedzeniu Akademii Umiejętności dnia 3 maja 1913 r., Kraków 1913).

Katarzyna Błachowska: Wiele historii jednego państwa. Obraz dziejów Wielkiego Księstwa Litewskiego do 1569 roku w ujęciu historyków polskich, rosyjskich, ukraińskich, litewskich i białoruskich w XIX wieku, Warszawa 2009.

J.B.: W pięćsetną rocznicę, “Dziennik Kijowski” z 2 (15) X 1913 r. (nr 259), S. 1-2.

Anna Czerniecka-Haberko: Unie polsko-litewskie w historiografii polskiej, Toruń 2013.

Dokumenty Komitetu Centralnego Narodowego i Rządu Narodowego 1862-1864, Wrocław-Warszawa-Kraków 1968, S. 112.

Adam Galos: Do dziejów tradycji unii z Litwą i Rusią w XIX wieku. Ewolucja obchodów rocznicowych, in: Janusz Degler / Adolf Juzwenko: Idea Europy i Polska w XIX–XX wieku: ksiȩga ofiarowana dr. Adolfowi Juzwence, dyrektorowi Zakładu Narodowego im. Ossolińskich, z okazji 60-lecia urodzin, Wrocław 1999, S. 23-32.

Przemysław Graboś: Manifestacja w Horodle 10 X 1861 roku, Lublin 2011.

Kazimierz Gregorowicz: Mowa podczas obchodu rocznicy powstania styczniowego, wypowiedziana w Paryżu przez Kazimierza Gregorowicza w dniu 22 stycznia, Paryż 1883.

Kazimierz Gregorowicz: Z jakich powodów zmieniony został herb państwa polskiego: odczyt miany podczas obchodu 23-letniej rocznicy horodelskiego zjazdu dnia 10 października 1884 r. w Paryżu, przez Kazimierza Gregorowicza, Paryż 1884.

Kazimierz Gregorowicz: Zarys główniejszych wypadków w województwie lubelskim w r. 1861, hg. v. Wiesław Śladkowski, Lublin 1984.

Maksymilian Hertel: Wiersz wygłoszony w Paryżu d. 10 października 1884 r. na obchodzie 23 rocznicy Unii horodelskiej, zawartej między przedstawicielami Polski i Rusi d. 10 października 1861 roku, Kurier Polski w Paryżu 1884, nr 21.

Józef Hłasko: Wielka rocznica, Kurier Litewski nr 223 z 29IX/12 X 1913.

Julian Klaczko: Aneksya w dawnej Polsce (Unia Polski z Litwą), Kraków 1901.

Ludwik Kolankowski: W pięćsetlecie Horodła, Kraków 1913 (Sonderdruck aus „Świat Słowiański“).

Maria Konopnicka: Przez głębinę, Kraków 1907 (Reprint Lublin 2011).

Jerzy Maternicki: Początki mitu jagiellońskiego w historiografii i publicystyce polskiej XIX wieku. Karol Szajnocha i Julian Klaczko, Przegląd Humanistyczny 1988, nr 11/12, s. 34-48.

Marian Mudryj:Powstanie Styczniowe a środowisko gente Rutheni, natione Poloni w Galicji, in: Powstanie Styczniowe, odniesienia ‒ interpretacje, pamięć, hg. v. Tomasz Kargol, Kraków 2013, S. 67-78.

Polska z Litwa w dziejowym stosunku, hg. v. WładysławAbraham [u.a.], Warszawa [u.a.] 1914.

Prasa tajna z lat 1861‒1864, Teil 1, Wrocław, Warszawa, Kraków 1966.

Franciszka Ramotowska: Herb państwa polskiego okresu Powstania Styczniowego (1861‒1864), in: Miscellanea Historico-Archivistica 5/1994, S. 125-152.

Paweł Sierżęga: Obchody rocznicy unii lubelskiej na terenie Galicji w 1869 roku, in: Galicja i jej dziedzictwo. Działalność wyzwoleńcza, Bd. 15, hg. v. Jadwiga Szymczak-Hoff, Rzeszów 2001, S. 146-199

Jolanta Sikorska-Kulesza: Pięćsetna rocznica unii horodelskiej na łamach „Kuriera Litewskiego” (Przyczynek do studiów nad pamięcią historyczną, in: Tożsamość-Pamięć historyczna – Idee. Przemiany narodowościowe i społeczne na Litwie i Białorusi w XIX i na początku XX wieku, hg. v. Dorota Michaluk, Warszawa 2016, S. 25-41.

Sprawozdanie z rocznicy Zjazdu Horodelskiego 10 X 1884, Dwutygodnik dla kobiet 1884, nr 3.

Wielka rocznica: W 500-tną rocznicę, Gazeta Warszawska nr 269 z 2 X 1913.

Franciszek Ziejka: Nasza rodzina w Europie: studia i szkice, Kraków 1995.

Anhang

Anhang 1: Die Erinnerung an die Union von Horodło – 1924

1918 verwirklichten sich die Träume ganzer Generationen von Polen – Polen erlangte seine Unabhängigkeit wieder. Doch innerhalb der Grenzen des wiederentstandenen Staats befand sich nur ein Teil der Gebiete, die einst zur Rzeczpospolita gehört hatten. Zugleich handelte es sich um einen Staat vieler Nationen und Bekenntnisse. In Horodło selbst lebten 1921 1.300 Polen, 750 Juden und 450 Ukrainer.

1924 schlug ein Student der Katholischen Universität Lublin, Wacław Bielecki, vor, bei Horodło einen von einem Kreuz gekrönten Hügel aufzuschütten. Er sollte sich an der Stelle erheben, wo nach dem Ende der Kundgebung am 10. Oktober 1861 deren Teilnehmer einen Hügel aufgeschüttet hatten, auf dem ein Eichenkreuz errichtet wurde, das jedoch bald darauf von der russischen Armee beseitigt wurde. Vertreter der lokalen Eliten gründeten im Juli 1924 ein Komitee zum Wiederaufbau des Hügels. In Aufrufen wurden alle Einwohner Polens ermuntert, sich am Bau des Hügels sowie an dessen Einweihung zu beteiligen. Es hieß hier: Der 1861 bei Horodło aufgeschüttete Hügel lehrt uns Polen, Litauer und Ruthenen Vaterlandsliebe, Treue und Brüderlichkeit.

Anfang August wurde der Hügel aufgeschüttet. Auf ihm wurde ein sechs Meter hohes, auf einem Baumstumpf stehendes eisernes Kreuz aufgestellt. Aus dem Stumpf trieben zwei Äste mit den Daten 1413 und 1861 hervor. Das Kreuz selbst trug das Datum 1924 und einen Bronzeadler. Die Einweihung des Denkmals am 10. August 1924 hatte einen feierlichen Charakter. Es wurden Depeschen der staatlichen Behörden sowie diverser Verbände verlesen – darunter vom Veteranenverband des Aufstands von 1863. Einer der Teilnehmer erinnerte sich:

Menschenmengen aus Wolhynien, Podlachien, dem Lubliner Land und aus fernen Gegenden Polens strömten schon vom frühen Morgen an. […] Einige Tausend Menschen besetzten das ausgedehnte Feld am Bug nahe dem Hügel, der mit farbigen Wappen aller polnischen Länder und Woiwodschaften verziert war […].

Das Komitee richtete seine Botschaft der Brüderlichkeit und Einheit von Horodło vor allem an Polen und Ukrainer – an Jan und Iwan –, die Nachbarn unterschiedlicher Nationalität und verschiedenen Bekenntnisses, in der Hoffnung, dass der polnische Staat ihr gemeinsames Vaterland sein möge. Es sprach die beiden Nationen an, die sich am stärksten voneinander entfernt hatten, um eine Gemeinschaft zu stiften, die sich auf eine gemeinsame Geschichte und das Leben in demselben Staat stützen sollte.

Fotografie eines Teils des Horodło-Kreuzes, 1924. Muzeum Zamojskie, Zamość.

Fotografien von der feierlichen Errichtung des Hügels in Horodło am 10.8.1924. Aus den Sammlungen der römisch-katholischen Pfarrei in Horodło.

Anhang 2. Die Erinnerung an die Union von Horodło – 1988

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen behinderte die Fortentwicklung der Tradition von Horodło im Sinne einer gemeinsamen Zukunft derjenigen Nationen, die einst in der Rzeczpospolita der beiden (drei) Nationen gelebt hatten. 1945 wurden die Grenzen Polens nach Westen verschoben und die Nationalitätenstruktur der Bevölkerung veränderte sich.

Dies spiegelte sich, sozusagen auch symbolisch, in der Geschichte der Gegend von Horodło wieder. Die einstige multikulturelle Welt nahm aufgrund dramatischer Ereignisse eine homogene Gestalt an. Die polnisch-ukrainische Distanz, ja schließlich Feindschaft, die den Idealen von Einheit und Brüderlichkeit widersprach, wie sie bei den Kundgebungen von Horodło 1861 und 1924 verkündet worden waren, zeigten sich während der deutschen Besatzung und in den ersten Nachkriegsjahren.

Doch das Horodło-Denkmal von 1924 überstand den Zweiten Weltkrieg als „Erinnerungsort“ und gewissermaßen als Verpflichtung für die nächsten Generationen der lokalen Gemeinschaft. Gepflegt wurde es von den Pfarrern und der Jugend der katholischen Gemeinde in Horodło. 1988, zum 575. Jahrestag der Union von Horodło fand auf Anregung des örtlichen Probstes Henryk Krukowski am Fuße des Hügels von Horodło eine religiöse Feier statt – eine heilige Messe, verbunden mit einer Rosenkranzprozession zu fünf Altären, die auf einer der Straßen von Horodło aufgestellt worden waren. Sie standen für die fünf Jahrhunderte, die seit dem Zusammentreffen von König Władysław Jagiełło und Großfürst Witold, dem polnischen Adel und den litauischen Bojaren in der Burg von Horodło vergangen waren. Die Geschichte, die sich auf wenige Worte in den Schulbüchern beschränkte, lebte für einen Augenblick wieder auf. Am Hügel wurde ein Banner aufgehängt, auf dem zu lesen war: Möge uns die Liebe einen, möge sie uns zu Gleichen machen.

Feierliche Messe am Hügel der Union von Horodło aus Anlass des 575. Jahrestages der Union von Horodło, 1988. Fotografie aus den Sammlungen der römisch-katholischen Pfarrei in Horodło.

Feierliche Messe am Hügel der Union von Horodło aus Anlass des 575. Jahrestages der Union von Horodło, 1988. Fotografie aus den Sammlungen der römisch-katholischen Pfarrei in Horodło.

[1] Vgl. Franciszka Ramotowska: Herb państwa polskiego okresu Powstania Styczniowego (1861‒1864), in: Miscellanea Historico-Archivistica 5 (1994), S. 125-152; Przemysław Graboś: Manifestacja w Horodle 10 X 1861 roku, Lublin 2011.

[2] Kazimierz Gregorowicz: Zarys główniejszych wypadków w województwie lubelskim w r. 1861, hg. v. Wiesław Śladkowski, Lublin 1984, S. 70.

[3] Ebd., S. 87.

[4] Dokumenty Komitetu Centralnego Narodowego i Rządu Narodowego 1862-1864, Wrocław-Warszawa-Kraków 1968, S. 112.

[5] Vgl. Franciszek Ziejka: Nasza rodzina w Europie: studia i szkice, Kraków 1995.

[6] Maksymilian Hertl[Hertel]: Wiersz wygłoszony w Paryżu d. 10 października 1884 r. na obchodzie 23 rocznicy Unii horodelskiej, zawartej między przedstawicielami Polski i Rusi d. 10 października 1861 roku, Kurier Polski w Paryżu nr 21 z 1 XI 1884.

[7] Kazimierz Gregorowicz: Z jakich powodów zmieniony został herb państwa polskiego: odczyt miany podczas obchodu 23-letniej rocznicy horodelskiego zjazdu dnia 10 października 1884 r. w Paryżu, przez Kazimierza Gregorowicza, Paryż 1884, S.19.

[8] Sprawozdanie z rocznicy Zjazdu Horodelskiego 10 X 1884, Dwutygodnik dla kobiet 1884, nr 3.

[9] Wielka rocznica: W 500-tną rocznicę, Gazeta Warszawska nr 269 z 2 X 1913.

[10] Oskar Balzer: Unia horodelska. Odczyt wygłoszony na publicznem posiedzeniu Akademii Umiejętności dnia 3 maja 1913 r., Kraków 1913, S.26-27.

[11]Julian Klaczko: Anneksya w dawnej Polsce (Unia Polski z Litwą), Kraków 1901, S. 81-82.

[12] Józef Hłasko, Wielka rocznica, Kurier Litewski nr 223 z 29 IX/12 X 1913.

[13] J.B.: W pięćsetną rocznicę, “Dziennik Kijowski” z 2 (15) X 1913 r. (nr 259), S. 1-2.