Traditionen der Union von Horodło im nationalen Leben während der Unfreiheit

Die dramatischen Ereignisse seit dem Fall der polnisch-litauischen Adelsrepublik bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts standen im Zeichen von Kriegen und Aufständen und waren nicht günstig für den Aufbau einer historischen Grundlage bei den Soldaten und Aufständischen, die mit der Waffe in der Hand für die Wiedergeburt des alten Polens kämpften. Alle wussten, dass sie für ein Polen in den alten Grenzen kämpften. An ein solches Polen hatte Tadeusz Kościuszko (1746-1817) gedacht, wie der Text einer Broschüre von Józef Pawlikowski (1767-1828) aus dem Jahr 1800 belegt, die auf Anregung und unter der Aufsicht des Oberbefehlshabers zustande gekommen war und den Titel trug:

Können die Polen die Unabhängigkeit gewinnen? Darin konnte man lesen: Wir sollten Polen immer in unseren ersten Grenzen betrachten, kein tugendhafter Landsmann darf je aufhören zu denken, dass diese Teilung ein Werk des Unrechts ist, sondern er muss immer damit rechnen, dass diese gefräßigen Wölfe (wie Mirabeau die Könige genannt hat, die Polen geteilt haben) die gefangene Beute nicht (mehr) lange in ihrem Maul halten werden können.[1]

Adam Mickiewicz (1798-1855) hatte keine Zweifel in dieser Frage, als er in der Litauischen Pilgerschaft von 1832 ausrief: Um Unabhängigkeit, Ganzheit und Freiheit unseres Vaterlands / Bitten wir dich, Herr.[2] Den Aufbau eines solchen Polens forderten 1836 die Mitglieder der Polnischen Demokratischen Gesellschaft in ihrem Manifest:

Ein unabhängiges und ein demokratisches Polen, das ist das Ziel unserer Gesellschaft. Nicht ein Bruchteil, nicht ein Stück der großen Nation, sondern das gesamte Polen, wie es von den Grenzen vor den Teilungen umschlossen war, ist in der Lage, seine selbstständige Existenz aufrechtzuerhalten, seiner Sendung gerecht zu werden.[3]

Doch schon zur gleichen Zeit, in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, begann die Vorstellung von der Wiedererrichtung Polens in den alten Grenzen an Anziehungskraft zu verlieren. Die unter der Feder von Taras Schewtschenko (1814-1861) wiederbelebte Geschichte der Ukraine ließ den Stolz der Ruthenen aufleben. Es begann der unvermeidliche Prozess des nationalen Erwachens der Ukrainer, dessen schlussendliche Konsequenz die Parole war: Eine selbstständige Ukraine![4] Nur wenig anders stellte sich die litauische Frage dar. Hier erfolgte das nationale Erwachen etwas später, obwohl sich schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei einem Teil des polonisierten Adels Bestrebungen zur Betonung ihrer nationalen Eigenheit zeigten. Man begann mit Bemühungen um die Schaffung einer Grammatik oder von Wörterbüchern der litauischen Sprache. Es genügt hier an Bischof Józef Giedrojć (1754-1838) zu erinnern, der sich aktiv für die Verbreitung der litauischen Sprache einsetzte, oder an die späteren Bemühungen von Mikołaj Akielewicz (1829-1887). Allerdings nahm Litauen dennoch in besonderer Weise am Novemberaufstand teil. Erst nach dessen Zusammenbruch, besonders aber in den letzten zwanzig Jahren des 19. Jahrhunderts, tauchten deutliche separatistische Tendenzen auf.[5]

In dieser Lage, als am Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts in den Kreisen der polnischen Patrioten die Idee der Wiedererrichtung Polens – und in diesem Fall eines Polens in den alten Grenzen – neu auflebte, beschloss man, sich auf historische Leitlinien zu berufen. In der Zeit der „moralischen Revolution“, die in den polnischen Gebieten 1860 begann und bis zum Ausbruch des Januaraufstands dauerte, offenbarte sich eine deutliche Wendung zur Vergangenheit bis hin zur Zeit von König Władysław Jagiełło (1352/1362-1434). In diesem Zusammenhang tauchte auch die Frage auf, wie man 1861 die Jubiläen des Abschlusses zweier früherer Unionen begehen sollte: der in Krewo und der in Horodło. Über die Geschichte dieser Feierlichkeiten ist schon mehrfach geschrieben worden. Eine Quellenausgabe zu diesen Feiern hat noch im 19. Jahrhundert Walery Przyborowski (1845-1913) vorbereitet.[6] Auch in jüngster Zeit sind darüber Arbeiten erschienen.[7] Um aber fundiert über die Rolle der Tradition von Horodło im polnischen nationalen Leben der Zeit sprechen zu können, muss man zu den Ereignissen zu Beginn der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückkehren.

Vor allem ist an die Umstände zu erinnern, unter denen die uns hier interessierenden Feierlichkeiten in Horodło im Herbst 1861 organisiert wurden. Eines ist sicher: Die Zusammenkunft von Horodło stand in enger Verbindung mit früheren Ereignissen in Kongresspolen, d. h. mit einer Reihe von großen Feiern in Warschau, aber auch in vielen anderen polnischen Städten. Wir erinnern hier an sie in größtmöglicher Kürze.

Die Historiker des 19. Jahrhunderts betonen, dass die polnische „moralische Revolution“ mit der politischen Situation auf dem europäischen Kontinent in Verbindung stand, vor allem aber mit Russland und den an Russland angeschlossenen polnischen Gebieten. Der Tod des unbeliebten Zaren Nikolaus I. (1796-1855) (am 2. März 1855) und fast ein Jahr später, am 1. Februar 1856, des Statthalters Nikolai Paskiewitsch, des blutigen Henkers der polnischen Bevölkerung, und schließlich die Machtübernahme im russischen Kaiserreich durch Alexander II. (1818-1881), der – wie man glaubte – die Lage der Polen grundsätzlich ändern könnte[8], all dies schuf eine neue politische Situation sowohl in Kongresspolen als auch in den fünf östlichen Gouvernements, die dem Kaiserreich angeschlossen worden waren. Hoffnung verband man auch mit der Entscheidung des neuen Zaren über eine Amnestie für polnische Vertriebene von 1831, 1846 und 1848, darunter für Vertriebene nach Sibirien. Im Gedächtnis der Polen (aber auch der Russen) war die Niederlage der Russen im Krimkrieg noch lebendig, ebenso wie der erfolgreiche Unabhängigkeitskrieg Italiens gegen Österreich. Aus Paris kamen immer klarere Signale, dass Frankreich bereit sei, Bewegungen zur Befreiung der Nation zu unterstützen. In dieser Situation lebte Ende der fünfziger Jahre in den polnischen Gebieten die Hoffnung zur Wiederherstellung der polnischen Souveränität wieder auf.

Das Jahr 1860 kann als eine Art „Generalprobe“ für die Ereignisse gelten, die in den zwei folgenden Jahren stattfinden sollten. Die Anhänger von Aktionen, die in absehbarer Zukunft zur Wiederbelebung eines polnischen Staats führen konnten, sammelten sich in einer geheimen nationalen Organisation und begannen 1860 mit der Verbesserung von Strategien, mit denen man eine möglichst breite Masse der polnischen Gesellschaft aus der Lethargie „aufwecken“ und den Landsleuten die Notwendigkeit bewusst machen konnte, sich für Polen einzusetzen. Allerdings hatten sie, im Gegensatz zu ihren Vorgängern von 1830 oder 1848, beschlossen, Säbel und Karabiner zugunsten friedlicher Mittel aufzugeben, nämlich religiös-nationaler Kundgebungen. Gewalt sollte nun der Idee friedlichen Vorgehens weichen. In erster Linie ging es darum, innerhalb der Bevölkerung die Idee gemeinsamen Handelns aller gesellschaftlichen Schichten und Gruppen zu wecken, des Adels ebenso wie von Kaufleuten und Handwerkern, und auch verschiedener Konfessionen: Katholiken, Protestanten oder Juden. Um dieses große Ziel zu erreichen, nutzte man im Jahr 1860 die sich bietenden Gelegenheiten. So organisierte man am 9. Juni 1860 in Warschau das Begräbnis von Katarzyna Sowińska (1776-1860), der achtzigjährigen Witwe von General Józef Sowiński (1777-1831), der im September 1831 heldenhaft die Schanzen von Wola verteidigt hatte. Eine solche Gelegenheit boten auch die Feiern in Warschau und anderen Städten Kongresspolens am 2. Februar 1860, dem 30. Jahrestag der Schlacht bei Grochów, bei der es die ersten Toten gab, die mit ihrer Größe, ihre Ruhe, ihrem majestätischen Ernst selbst auf die kältesten Gemüter einen mächtigen, unauslöschlichen Eindruck machten. Augenzeugen des Begräbnisses äußern sich, wenn sie darüber schreiben oder sprechen, immer mit Enthusiasmus, mit einem gewissen wehmütigen Gefühl von zugleich süßer, schmerzhafter und großartiger Erinnerung, mit der sich nichts vergleichen lässt, die keine Beschreibung wiedergeben kann, die man gesehen haben muss, um von ihr eine Vorstellung zu haben.[9]

Die Februarereignisse in Warschau wurden zu einer wahren Eruption von Aktionen mit nationalem Charakter. Zu einer Alltäglichkeit wurde nun das in den Kirchen oder vor ihnen organisierte Absingen von patriotischen Liedern. In Warschau und in vielen anderen Städten entstanden sogenannte „Delegationen“, gewählte Körperschaften, die die Herrschaft über die Gemüter in ihre Hände nahmen. So zum Beispiel in Lublin, Radom, Kielce, Kalisz, Koło oder Schytomyr. Stark aufgeheizt wurde die Atmosphäre durch die tragischen Ereignisse vom 8. April 1861 in Warschau, wo über hundert Personen durchrussischen Kugel und Säbel starben und mehrere Hundert verletzt wurden. Ein Historiker hat über das Massaker an der Bevölkerung Warschaus am 8. April 1861 geschrieben:

Die Ströme von Blut, die an diesem schrecklichen Tag vergossen wurden, überfluteten nicht nur nicht die glühenden Feuer des Vulkans, sondern sie schürten und stärkten sie natürlich in gewisser Weise.[10]

Die Richtigkeit dieser Feststellung sollten die Ereignisse von August und Oktober 1861 bestätigen, d. h. die Feiern der historischen Jahrestage des Abschlusses der polnisch-litauischen Unionen von Krewo und Horodło mehrere Jahrhunderte zuvor.

Das Zustandekommen der Feiern der historischen Jahrestage wurde bisher mit der Person von Apollo Korzeniowski (1820-1869) in Zusammenhang gebracht, einem Dramaturgen und Dichter, einer der führenden Persönlichkeiten der Partei der „Roten“ in Warschau. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es tatsächlich so war, auch wenn es schwierig ist, unmittelbare Beweise zu finden, die diese These bestätigen würden.[11] Nach unserer Überzeugung ist als „Vater“ jener Ereignisse um die Feier der Jahrestage der polnisch-litauischen Unionen eher Karol Szajnocha (1818-1868) anzusehen, ein hervorragender Historiker und Schriftsteller und eine der bedeutendsten Persönlichkeiten aus dem damaligen Lemberg, der schon 1848 versucht hatte, die Bemühungen der polnischen und ukrainischen Patrioten zum Aufbau eines freien Polens zu vereinen.[12] In den Jahren 1855/1856 hatte er in Lemberg eine dreibändige „Historische Erzählung“ unter dem Titel Jadwiga und Jagiełło herausgebracht, in denen er die Geschichte der Union Polens mit Litauen beschrieb, die 1374 begonnen hatte und 1413 wesentlich ergänzt wurde, deren endgültige Krönung aber die Union von Lublin 1569 war. Sein Werk hatte der Historiker mit dem Jahr 1413 abgeschlossen, dem Jahr der Union von Horodło. Dem vorletzten Kapitel seiner „Historischen Erzählung“ gab er den Titel Horodło. Darin führte er den Lesern vor Augen, dass der große Sieg bei Tannenberg der polnischen und der litauischen Nation das Bewusstsein vom segensreichen Charakter des Bündnisses zwischen Polen und Litauen gegen das teutonische Kreuzrittertum[13] eingeprägt habe. Die unmittelbare Folge dessen sei die Idee von der vollkommensten Angleichung der Stände und Sitten Polens mit den Sitten und der Gesellschaft der Litauer gewesen, also des polnischen Adels mit dem litauischen Bojarentum.[14] Der ausgezeichnete Historiker schrieb:

Die versammelten Herrn von Polen und Litauen berieten in den Sälen des Schlosses von Horodło, wo man noch 150 Jahre später an den Wänden ehrwürdige Malereien sehen konnte, die König Władysław Jagiełło, Großfürst Witold sowie die im Kreis sitzenden Bischöfe, Wojewoden, Kastellane, Richter und den Rest der Herren aus der Krone und aus Litauen darstellten.[15]

Nach unserer Überzeugung hat dieses schöne Werk von Szajnocha, das 1861 in erweiterter Form neu aufgelegt wurde, die Patrioten, vor allem die aus den östlichen Gebieten der alten Adelsrepublik, zu Bemühungen inspiriert, die die „Erneuerung“ der polnisch-litauischen Union zum Ziel hatten. Unter dem Einfluss der Lektüre dieses Werks beschlossen sie,

Russland und der Welt zu zeigen, dass das vor dreihundert Jahren zwischen den beiden Nationen geschlossene Bündnis noch vollen Bestand habe. In dieser Hinsicht traf die Idee einer Demonstration solcher Art nirgendwo, in keinem Bereich und in keiner Partei auf Widerstand. Alle, die Roten so gut wie die Weißen, empfanden das Bedürfnis, ihre unlösbare Einheit mit Litauen öffentlich und laut zu betonen.[16]

Die erste Etappe der Feierlichkeiten zu den Jahrestagen der polnisch-litauischen Unionen fand am 12. August 1861 statt. Damals wurde beschlossen, den Jahrestag des Abschlusses der Personalunion (1385) zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen zu begehen. Zur Feier dieses Jahrestages rief ein weit verbreitetes Manifest auf, das unter anderem folgende Worte enthielt:

Brüder und Landsleute, lasst uns diesen großartigen Tag der brüderlichen Verlobung unserer Vorfahren begehen, versammeln wir uns in den Kirchen und richten alle gemeinsam innige Gebete an Gott, dass er unser Land, das in Fetzen gerissen ist, in ein Ganzes zusammenfügen und uns im Geist einigen möge. Am 12. August […] 1861 bekennen wir alle öffentlich zusammen mit den Priestern, dass wir Brüder einer Familie sind, eines einzigen weißen Adlers und Panzerreiters! Die Feier dieser Einheit zweier Nationen soll feierlich und ruhig sein, und sie soll das gesamte Gebiet des alten Polens umspannen.[17]

Die Aktion sollte das gesamte Territorium des früheren Polens umfassen, aber man beschloss, die zentralen Feierlichkeiten auf der Brücke über die Memel durchzuführen, die Kaunas mit dem Städtchen Aleksota (heute ein Stadtteil von Kaunas) verband.[18] Die Wahl dieses Orts war nicht zufällig. Kaunas lag auf russischem Gebiet, die Siedlung Aleksota dagegen in den Grenzen Kongresspolens. Es ging also um eine symbolische Beschwörung der Vereinigung nicht nur zweier Gebiete, sondern auch zweier Länder! Es ist hier nicht der Ort, um den Verlauf dieser Feier im Einzelnen zu beschreiben. Es genügt die Feststellung, dass es gelang, sie trotz Behinderungen vonseiten der russischen Armee zu organisieren, und dass an ihr mehrere Tausend Menschen teilnahmen. Mehr noch, ähnliche Feierlichkeiten wurden in anderen Städten organisiert, in Warschau und Wilna, in Grodno und Petrikau, in Lodz und in Plock, in Mława und in Kielce (hier wurde auf dem Karczówka-Hügel neben der St.-Karl-Borromäus-Kirche, die damals von den Franziskaner-Observanten betreut wurde, ein Gedenkhügel aufgeschüttet), in Biała Podlaska und in Druskininkai, aber auch in Lublin, wo trotz Verbots Gottesdienste in den Kirchen stattfanden, woraufhin sich die Bevölkerung in einem großen Zug zum Denkmal für die polnisch-litauische Union begab, das 1826 auf Initiative von Stanisław Staszic (1755-1826) errichtet worden war. Diese Kundgebung nahm schließlich einen sehr erhebenden Charakter an, sie wurde zu einer der wichtigsten im Hinblick auf ihre innere Bedeutung und für Russland zu einer der schmerzlichsten. In ihren Ausmaßen übertraf sie alles, was bisher unternommen worden war; man unternahm nämlich alle Anstrengungen, um sie gleichzeitig auf dem ganzen Gebiet des alten Polens stattfinden zu lassen.[19]

Am 12. August 1861 wurde vor allem der Jahrestag des Abschlusses der polnisch-litauischen Union gefeiert. Dies war – wie es in der Odezwa hieß – ein Feiertag zweier Nationen. Zwei Monate später, am 10. Oktober, fanden in Horodło Feiern statt, bei denen besonders stark betont wurde, dass es sich um einen Feiertag dreier Nationen handle: die polnische, die litauische und die ukrainische. Man bezog sich nicht so sehr auf die historische Überlieferung (auch wenn im Zusammenhang mit der Union von Horodło von der Verbindung des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen durch neue Bande die Rede war), als vielmehr auch auf die geografische Lage von Horodło und beschloss nun eine Feier zu organisieren, bei der vor allem die Ruthenien-Frage herausgehoben und vorgestellt werden sollte. Dem geschah auch so.

In den letzten Tagen des Septembers 1861 erschien in Tausenden Exemplaren eine Proklamation, die dazu aufrief, am 10. Oktober nach Horodło zu kommen, um dort die Union von Horodło von 1413 zu feiern. In dieser Proklamation fanden sich die bezeichnenden Worte:

Bei einem in der Geschichte der Nationen unerhörten Ereignis traten hier [im Akt der Union von Horodło] gegenseitige Sympathien und die Idee der Freiheit an die Stelle von Sieg und Eroberung. Ein solches Geschehen zu übergehen, ohne ihm die angemessene Bedeutung für die Gegenwart zu geben, eine uns so teure Erinnerung nicht mit einer allgemeinen nationalen Feier zu weihen, würde bedeuten, Europa der Nationen, das eigene Gewissen und zugleich seine Vergangenheit und Zukunft zu leugnen. Wir rufen also die drei verbundenen Nationen auf, unsere Proklamation mit dem gleichen Herzen aufzunehmen, mit dem ihre Vorfahren die Einladung zur Zusammenkunft von Horodło aufgenommen haben, und wir wünschen, dass unsere Stimme in jedem, der das Vaterland und die Freiheit liebt, wohlwollende Anerkennung finde.[20]

Diese Kundgebung sollte mit ihrer Größe alle bisherigen in den Schatten stellen, vielleicht nicht so sehr im Hinblick auf die Zahl ihrer Teilnehmer als im Hinblick auf ihre Repräsentativität: Ihre Organisatoren unternahmen Anstrengungen, damit an der Feier alle Teile des Landes teilnehmen, damit aus allen seinen Teilen, aus allen seinen Bezirken und Wojewodschaften Deputierte kämen. Jemand schlug vor, dass wie einst beim Kościuszko-Hügel in Krakau jeder eine Handvoll Erde mitbringen und dass zum Andenken an die Feier aus dieser Erde ein Hügel aufgeschüttet werden solle. Außerdem kursierten eine Reihe von weiteren Projekten, man sprach offen über sie, und die Augen aller waren auf das kleine Städtchen am Bug gerichtet, in dem diese große gesamtpolnische Kundgebung stattfinden sollte.[21]

Angesichts des gesammelten Materials kann man annehmen, dass die Hauptorganisatoren der Versammlung von Horodło Stefan Laurysiewicz und Kazimierz Gregorowicz (1833-1899) waren. Ersterer war ein griechisch-katholischer Priester, der bei der Versammlung eine Predigt hielt, in der er an das gemeinsame Handeln aller Söhne der alten Republik appelliert haben soll:

Möge Polen niemals ihre Schwester Ruthenien vergessen und Ruthenien niemals ihre Schwester Polen. Viele Fehler sind in der Vergangenheit auf beiden Seiten gemacht worden. Polen hat zu sehr seine Übermacht geltend gemacht, und Ruthenien hat einen Verbündeten in Moskau gesucht. Lasst uns die schlimme Vergangenheit mit dem Mantel des Vergessens umhüllen und eine neue Epoche beginnen, die die Erlangung der beiderseitigen Unabhängigkeit zum Ziel hat.[22]

Letzterer war ein Anwalt aus Lublin, der auf dem Höhepunkt der Feier einen Akt der Erneuerung der Union von Horodło verlas. Im Sommer 1861 hatten diese beiden Aktivisten mit einigen anderen Delegierten der Nationalbewegung Warschau besucht und sich dort mit Führern der Nationalbewegung getroffen, d. h. mit Apollo Korzeniowski, Karol Majewski (1833-1897) und den Brüdern Leon (1843-1863) und Aleksander Frankowski. Alles deutet darauf hin, dass sie beide die Aufgabe übernommen hatten die Feiern zu organisieren.

Der Verlauf der Versammlung von Horodło ist ziemlich gut beschrieben worden.[23] Wir erinnern hier nur an die wichtigsten Fakten. Natürlich erfuhren die russischen Behörden von der geplanten Kundgebung in Horodło, denn die Organisatoren hatten ihre Pläne nicht verborgen. Die Behörden sahen in ihr eine neue Gefahr und gaben sofort entsprechende Anweisungen heraus, die die Schäden in Grenzen halten sollten. Auf Anweisung des damaligen Statthalters des Zaren in Kongresspolen, des Generals Karol Lambert (1815-1865), begab sich der militärische Befehlshaber des Bezirks, der in Lublin residierende General Alexander Petrowitsch Chruschtschow (1856-1919), nach Horodło und besetzte am Vorabend der Versammlung die Umgebung des Städtchens mit 1.500 Mann Infanterie, 1.000 Mann Kavallerie und einer Artillerieeinheit in der Absicht, die Feierlichkeiten zu vereiteln. Das Programm der Veranstaltung sah vor, dass am 10. Oktober zwei Prozessionen nach Horodło kommen sollten: eine aus Kongresspolen und die zweite von jenseits des Bug, also aus den Fortgenommenen Gebieten. Um diese Pläne zu durchkreuzen, besetzten die russischen Truppen im Verlauf von mehreren Tagen vor der Veranstaltung alle Flussübergänge in der Nähe und schnitten so eventuelle Ankömmlinge von der anderen Bugseite von Horodło ab, das am linken Flussufer lag. Die Anreisenden aus Kongresspolen hatten ihren Sammelpunkt in dem Ort Stepankowice, eine Meile von Horodło entfernt. Die Quellen geben verschiedenen Zahlen an: 8.000, dann 15.000 und sogar 30.000 Teilnehmer.

Bekannt ist, dass ungefähr 200 katholische Priester sowie eine gewisse Zahl griechisch-katholischer Geistlicher nach Stepankowice kamen. Dem Plan zufolge sollte Bischof Walenty Baranowski (1805-1879) aus Lublin die Prozession nach Horodło führen. Er erschien auch zur angegebenen Zeit am Sammelplatz. Doch am Abend des 9. Oktober erhielt er Besuch von einem Abgesandten General Chruschtschows, und infolgedessen eilte er in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober zurück nach Lublin. Die Verwirrung durch den Rückzug von Bischof Baranowski nahm ein Ende, als am frühen Morgen des 10. Oktober der Guardian der Kapuziner von Lubartów, Fidelis Paszkowski, in der örtlichen griechisch-katholischen Kirche eine heilige Messe feierte und eine patriotische Predigt hielt. Um den Teilnehmern der Kundgebung Mut zu machen, veranlasste er eine allgemeine Beichte, wie sie in besonderen Fällen erlaubt war, und erteilte allen die Absolution.

Wenig später setzte sich die Prozession in Bewegung. Angeführt wurde sie von einem das Kreuz tragenden Bauern aus dem Fideikommiss der Zamoyskis, dessen Namen jedoch in keiner Quelle verzeichnet ist. Hinter ihm gingen Mitglieder zahlreicher Bruderschaften mit Fahnen und Heiligenbildern, danach Priester in Chorröcken und hinter ihnen Frauen. Erst nach den Frauen folgte eine vieltausendköpfige Menge von Männern. Abgeschlossen wurde die Prozession von einem Tross von Wagen und Kutschen. Die Leitung der Prozession hatte der Pfarrer Bojarski (1730-1774/1792) aus Krasnystaw übernommen. Auf halbem Weg von Stepankowice nach Horodło erschien ein Abgesandter von General Chruschtschow mit der Aufforderung umzukehren und den Zug aufzulösen. Bojarski sprach mit ihm und soll am Ende gesagt haben: Wir gehen auf der Spitze der Bajonette![24] Um jede Provokation zu vermeiden, befahl Bojarski allen Teilnehmern der Prozession, ihre Stöcke, Säbel und Wanderstäbe abzulegen (es fand eine allgemeine Revision statt – ein Nachbar kontrollierte den anderen). Mit dem Lied Wer sich in den Schutz seines Herrn begibt bewegte sich die Prozession aus dem Wald in Richtung Horodło. Hier versperrten ihr Abteilungen von Soldaten und schussbereite Kanonen den Weg. Wenig später erschien General Chruschtschow mit Gefolge und der Verlautbarung, er habe Befehl erhalten, die Prozession nicht in die Stadt zu lassen. Im Verlauf eines Gesprächs mit Bojarski räumte der General jedoch ein, dass es kein Verbot gebe, in der nächsten Umgebung der Stadt eine Messe abzuhalten. Er erklärte sich auch damit einverstanden, dass aus Horodło die erforderlichen Gegenstände für eine heilige Messe geholt wurden. An einem in Eile vorbereiteten Feldaltar zelebrierte ein greiser Kapuziner aus Lubartów, Pater Anicet, die Messe. Kurz vor ihrem Beginn zogen die Ankömmlinge die 54 Fahnen der früheren Wojewodschaften und Gebiete hervor, die sie bis dahin versteckt gehalten hatten (sie waren von Frauen geschmuggelt worden), und umgaben damit den Altar. Nach der heiligen Messe hielt der Priester Stefan Laurysiewicz die oben schon erwähnte flammende Predigt, und anschließend verlas Kazimierz Gregorowicz den Akt der Erneuerung der Union von Horodło, in dem es unter anderem hieß:

Wir unten unterschriebene Abgesandte und Vertreter aller Gebiete, Wojewodschaften und Städte des alten Polens aus der Zeit vor den Teilungen, die wir heute auf dem Feld vor der Stadt Horodło versammelt sind, tun mit dem vorliegenden Akt, der mit unseren eigenhändigen Unterschriften beglaubigt ist, kund: dass wir die Union, die Polen und Litauen verbindet, erneuern und dass wir eine Union von Polen und Litauen mit Ruthenien auf den Grundsätzen völliger Gleichberechtigung aller Nationen und Bekenntnisse abschließen, indem wir uns zu gemeinsamer Arbeit verbinden mit dem Ziel, unser Vaterland aus seinem heutigen Fall emporzuheben bis zu völliger Unabhängigkeit. Unsere Rechte in dieser Hinsicht unterliegen keiner Verjährung, und als solche legen wir sie den konstitutionellen Regierungen und dem Gewissen der freien Völker zur Anerkennung vor.[25]

Im Laufe einiger Stunden wurden etwa 8.000 Unterschriften unter diese Proklamation gesammelt. Eine der Urkunden wurde nach Litauen geschmuggelt, die zweite nahm Gregorowicz mit nach Lublin; nach dem Aufstand schmuggelte er sie nach Galizien, um sie dann dem Nationalen Polnischen Museum in Rapperswil zu übergeben. Zur gleichen Zeit, als auf den Feldern von Horodło die heilige Messe stattfand, versammelten sich auf der anderen Seite des Bugs etwa 2.000 Adlige aus Wolhynien, Podolien und der Ukraine um die orthodoxe Kirche in Uściług. Da ihnen die Teilnahme an der Feier in Horodło unmöglich gemacht worden war, hörten sie in der örtlichen Kirche die heilige Messe und schrieben danach einen „Protest“ gegen die Gewalt der russischen Truppen. Am Abend gingen die Teilnehmer der Versammlung auseinander. Die russischen Behörden verzichteten auf Repressalien gegen die Organisatoren und Teilnehmer der Versammlung. Einzig der Pfarrer Bojarski aus Krasnystaw wurde drei Tage später von Kosakengefasst, die ihn mit einer Kibitke nach Sibirien verschleppten. Er starb in der Verbannung im fernen Ufa.

Die patriotische Kundgebung auf den Feldern bei Horodło, die von wichtigen Zentren des öffentlichen Lebens seit Langem vorbereitet worden war, wurde auch bemerkt und zur Kenntnis genommen. Die Versammlung von Horodło fand ihren größten Widerhall in Lublin, durch welche Stadt der Hauptweg von Warschau und anderen Städten in Kongresspolen nach Horodło führte. Hier wurden auf Initiative von Kazimierz Gregorowicz die von der Kundgebung zurückkehrenden Teilnehmer in den Saal des örtlichen Kasinos zu einem glänzenden Festmahl geladen, zu dem neben dem Weihbischof Baranowski auch ein jüdischer Rabbiner erschien. Der Saal hallte wider von Reden, die voller patriotischer Wallungen waren.[26] Am 13. Oktober wurde in der Lubliner Dominikanerkirche eine Dankesmesse für die Teilnehmer der Versammlung abgehalten. Der Dziennnik Poznański informierte seine Leser über die Versammlung, vor allem aber die in Krakau erscheinende Czas. Doch infolge neuer Ereignisse (Kriegszustand in Kongresspolen, Ausbruch des Aufstands, Kämpfe des Aufstands) wurde diese Angelegenheit schnell an den Rand des öffentlichen Lebens gedrängt. Aber sie wurde nicht vergessen.

Man gedachte ihrer 1883 im fernen Paris, im Milieu der dort versammelten polnischen politischen Emigration. Es lohnt sich, daran zu erinnern, denn die jährlichen Horodło-Feiern, die in Paris organisiert wurden, zeigen das große Gewicht, das man in der Zeit der Unfreiheit der Sache der Union von Horodło beilegte. Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass sich ein schönes Erinnerungsstück an die damaligen Feiern erhalten hat: ein Gedicht aus der Feder einer anerkannten Dichterin, Seweryna Duchińska (1816-1905). Ein Zitat daraus hat mir als Titel meines Vortrags gedient.

Vieles deutet darauf hin, dass der unmittelbare Impuls zur Organisation von Gedenkfeiern für die Versammlung von Horodło die Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag des Siegs von Johann III. Sobieski (1629-1696) bei Wien waren. Höchstwahrscheinlich waren die Führer des öffentlichen Lebens in der Emigration zu der Ansicht gekommen, nach der Erinnerung an den großartigen polnischen militärischen Sieg über die Türken müsse man – und sei es indirekt, durch eine Feier anlässlich des gerade anfallenden 22. Jahrestags der Versammlung von Horodło – an das historische Ereignis erinnern, das der freiwillige Abschluss einer Union Polens und Litauens vor Jahrhunderten dargestellt hatte. Bezeichnend ist, dass der Organisator dieser Feiern, also der Rat der Polnischen Lesegesellschaft in Paris, der Ansicht war, es ginge in diesem Fall vor allem um die Verbindung des Schicksals Rutheniens mit dem Schicksal Polens. Deshalb schrieben sie schon in der Proklamation, die die Feier ankündigte und am 1. Oktober 1883 auf den Seiten des Kurjer Paryzki erschien:

Die wirkungsvoll umgesetzte Botschaft dieses Akts [der Union von Polen, Litauen und Ruthenien] kündigt ohne Zweifel eine bessere Zukunft an, da nicht nur die polnische und litauische Bevölkerung, sondern auch ganz Ruthenien sich an die ihm zustehenden Rechte erinnert.[27]

Tatsächlich bekräftigte am 10. Oktober 1883 in der Pariser Salle de la Redoute an der Rue Jean-Jacques Rousseau 35 ein großer Kreis polnischer Flüchtlinge die Bedeutung der polnisch-litauisch-ruthenischen Verständigung für die Zukunft der polnischen Sache.

Der Gedanke, zum 22. Jahrestag der Versammlung eine nationale Feier zu organisieren, war vom Rat der Polnischen Lesegesellschaft in Paris ausgegangen, an dessen Spitze im Jahr 1883 der bekannte Organisator der Versammlung von 1861, Kazimierz Gregorowicz, stand. Er war auch der Hauptredner bei dieser Versammlung. Aus dem ausführlichen Bericht, der im Kurjer Paryzki erschien, geht hervor, dass der Redner den Kernteil seiner Rede der Einbeziehung der Ruthenen beim Aufbau Polens in den alten Grenzen widmete. Er versicherte den zahlreich versammelten Teilnehmern des Treffens, dass niemand die Einheit von Polen, Litauern und Ruthenen zerstören, keine Gewalt und Intrige sie lockern kann, dass in der Union, die einst das Königreich Polen mit dem Großfürstentum Litauen verbunden habe, eine große und so überwältigende Idee stecke, dass sie eines Tages Europa in ein föderatives System verwandeln werde. Schließlich erklärte er, warum in den geschlossenen Unionen Ruthenien nicht zur Geltung gekommen sei: Ruthenien und Litauen galten als eins, denn sie bildeten zur Zeit von Jagiełło und Jadwiga einen Staat. Das Wichtigste am Auftritt Gregorowiczs war jedoch die Bewertung der Versammlung von Horodło von 1861. Er sagte, diese Versammlung sei nicht nur eine zu dieser Zeit übliche Kundgebung gewesen, wie einige glauben, sondern ein Faktum von großer historischer Bedeutung, denn auf ihr wurde die Union von Lublin in der Weise bestätigt, dass die Vertreter der Polen, Litauer und Ruthenen ewige Einheit zwischen den drei Nationen gelobten, auf der Grundlage „Freie mit Freien, Gleiche mit Gleichen“, und dass sie diesen Akt der erneuerten und erweiterten Union mit ihren Unterschriften bestätigten.

Der Redner betonte mit Nachdruck, dass der Wille der Teilnehmer der Versammlung von Horodło von der Nationalen Regierung des Aufstands respektiert worden sei,

die unter allen Regierungen die präziseste Vorstellung von den Grundsätzen und der Richtung der nationalen Politik hatte und die auf der Grundlage des Akts von Horodło vom 10. Oktober 1861 einen Engel als das Wappen Rutheniens in das Staatswappen der Polnischen Republik aufgenommen hat und die im Geist der Gleichberechtigung in Litauen und in Ruthenien zwei Abteilungen der Nationalen Regierung einrichtete, die als oberste Behörde von Litauen und Ruthenien amtierten.[28]

Bei der Feier in Paris traten auch Künstler auf. Einer der Teilnehmer verlas das nachfolgend angeführte Gedicht von Seweryna Duchińska. Am wichtigsten war jedoch, dass die Versammelten den Beschluss fassten, dass sie den Jahrestag der Versammlung von Horodło künftig zusammen mit den Jahrestagen des Ausbruchs der beiden nationalen Aufstände, des Novemberaufstands und des Januaraufstands, als nationalen Feiertag begehen würden:

Wo die Jahrestage des Aufstands vom 29. November 1830 und vom 22. Januar 1863 Feiertage für das Recht Polens auf Unabhängigkeit und Freiheit sind, werden die Jahrestage der Versammlung von Horodło vom 10. Oktober 1861 ein Feiertag der Einheit und Ganzheit von Polen, Litauen und Ruthenien sein.[29]

Das war eine ungewöhnliche und ehrenvolle Aufwertung der Versammlung von Horodło. Sie war kein kurzfristiges Hirngespinst gewesen, denn sie wurde in den politischen Kalender der polnischen Emigration in Paris eingetragen. Die Horodło-Feierlichkeiten standen mithin bei der polnischen Emigration in Paris auch im Kalender für das Jahr 1884. Wobei man hinzufügen sollte, dass dieser Festakt diesmal von fünf Vereinigungen der polnischen Emigration organisiert wurden, mit der Polnischen Lesegesellschaft an der Spitze. Der Feier selbst ging eine heilige Messe voraus, die in der polnischen Kirche Mariä Himmelfahrt gefeiert wurde. Hauptredner war auch diesmal Gregorowicz, der einen Vortrag mit dem Titel Aus welchen Gründen das Wappen des polnischen Staats geändert wurde hielt.[30]

Aus Mangel an Material ließ sich nicht feststellen, ob die Horodło-Feierlichkeiten in den folgenden Jahren stattfanden. Man sollte jedoch bedenken, dass im Jahr 1886 in Paris das sogenannte Jagiellonen-Jubiläum stattfand, also Feiern zum 500. Jahrestag der Eheschließung von Jagiełło (1352/1362-1434) und Jadwiga (1373/1374-1399) und der Taufe Litauens, in deren Verlauf erneut an die freiwillige Union des Königreichs Polen mit dem Großfürstentum Litauen erinnert wurde, deren kostbare Frucht unter anderem die Taufe Litauens gewesen war. Die Feiern wurden im repräsentativen Lokal der französischen Geografischen Gesellschaft (am Boulevard Saint-Germain) abgehalten, und die Organisatoren waren diesmal außer der Polnischen Lesegesellschaft die Historisch-Literarische Gesellschaft und der Verein der ehemaligen Schüler der polnischen Schule in Batignolles. Hauptredner waren der in Paris allgemein geschätzte Dr. Ksawery Gałęzowski (1832-1907) sowie der Historiker und Schriftsteller Kazimierz Waliszewski (1849-1935). Die Feierlichkeiten fanden am 27. Februar 1886 statt, es bot sich also keine Gelegenheit an die Versammlung von Horodło zu erinnern.

Selbst wenn man annimmt, dass in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Paris das Begehen weiterer Jahrestage der Versammlung von Horodło aufgegeben wurde, so verkleinert das doch nicht die Bedeutung dieser Initiative, von der die Erforscher unserer Vergangenheit schweigen und deren Ziel es war, unter den polnischen Emigranten in Paris den Glauben an die Möglichkeit eines Wiederaufbaus der Republik der drei Nationen aufrechtzuerhalten, eines Staats, in dem Polen, Litauer und Ruthenen künftig wie Freie mit Freien, Gleiche mit Gleichen leben sollten.

Die hier beschworene Idee der Einheit der drei unter sich gleichen Nationen, der Polen, Litauer und Ruthenen, wie sie im Akt der Erneuerung der Union von Horodło so stark betont und durch die Entscheidung der Nationalen Regierung über die Änderung des nationalen Wappens in ein dreigeteiltes (mit Adler, Panzerreiter und Erzengel Michael) bestärkt wurde, erlebte ihre Feuerprobe noch zur Zeit des Januaraufstands. Zugegeben, sie fiel negativ aus. Dabei ging es in diesem Fall nicht um eine größere oder geringere Beteiligung der Bevölkerung Litauens und der Ukraine am Aufstand, sondern um die mangelnde Bereitschaft vonseiten der polnischen Führer, die 1861 angenommenen Beschlüsse zu realisieren. Diese Tatsache wird gut in den Erinnerungen des Priesters Adam Słotwiński (1834–1894) wieder gegeben, eines der Teilnehmer der Versammlung von Horodło und zugleich einer Persönlichkeit, die im polnischen nationalen Leben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Darin geht es um den Verlauf eines Treffens von Delegationen der Polen und Ruthenen im Juli 1863 zur Frage der Zukunft.

Dieses Treffen wurde von dem Priester Stefan Laurysiewicz arrangiert, einem der Hauptorganisatoren der Versammlung von Horodło und glühendem Verfechter der Idee, die im Akt der Erneuerung der Union von Horodło enthalten war. Das Treffen fand übrigens in seiner Wohnung in Krakau statt (Laurysiewicz war damals Pfarrer der unierten Pfarrei in Krakau). An dem Treffen nahmen einerseits Bürger aus dem Königreich Polen, eingeladen von Herrn Władysław Majewski, Kommissar der Nationalen Regierung, teil, andererseits eine Delegation von Ruthenen aus Ostgalizien, die von dem ehrenwerten Bürger [Julian] Lawrowski (1821–1873) geführt wurde. Hier ist Słotwińskis Bericht von diesem Treffen heranzuziehen. Er schrieb: Nach der gegenseitigen Vorstellung fand ein Meinungsaustausch zwischen Ruthenen und Lachen [Polen] statt. Die Forderungen der Ruthenen waren verfrüht und nicht zielführend.[31] Zwar nannte der Autor diese „Forderungen“ nicht im Einzelnen, aber man kann sie aus dem folgenden Text rekonstruieren. Słotwiński zitierte nämlich seine Rede, die er damals gehalten haben soll (wobei nicht klar ist, inwieweit sie authentisch oder nach Jahren rekonstruiert war). Und so lesen wir in den Erinnerungen des bekannten Piaristen:

Auch wenn ich der Jüngste der Anwesenden war, ergriff ich das Wort. „Wie kommen Sie dazu, meine Herren,“ sagte ich, „von der Nationalen Regierung für sich das ruthenische Land, die Sprache, Schulen und Gemeinderechte zu fordern? Das ist alles zu früh. Die Nationale Regierung verfügt heute nicht über einen Fußbreit Landes, das frei und von den Moskauern gereinigt ist. Was kann euch der geben, der selbst nichts hat? Nationale Rechte gewinnt man nicht so leicht! Die Geschichte sagt uns, dass das durch Gut und Blut und durch die Opferbereitschaft ganzer Generationen geschieht und nicht durch Gespräche am grünen Tisch. Bildet ruthenische Regimenter unter der Fahne des heiligen Michael, verteidigt Podlachen, Brest-Litowsk, Schytomyr und euren Fluss Bug etc., euren Ritus und eure Religion, die die Moskauer vernichten und an ihrer Stelle das Schisma einführen wollen, werft zusammen mit den Lachen den Moskauer hinaus, unseren gemeinsamen Feind, und wenn wir allein zurückbleiben, wird der Bruder dem Bruder keinen Schaden tun. Wenn die ruthenische Sprache besser sein wird als die polnische, die Dichtung in eurer Sprache erhebender, dann werden wir uns alle in ihr ausbilden. Euren Ritus und euren häuslichen Herd werden die Lachen nicht anrühren, sondern sich zu einer gemeinsamen Ehe verbinden und ein Glied einer gemeinsamen Kette bilden.“

Die Lektüre dieses Abschnitts aus Słotwińskis Rede lässt keine Illusionen aufkommen: Auch wenn er an der Versammlung in Horodło teilgenommen und den Akt der Erneuerung der Union von Horodło unterschrieben hatte, verstand er immer noch nicht, worin die Gleichheit der drei Nationen der ehemaligen Adelsrepublik bestehen sollte. Aus seinem Bericht geht hervor, dass die nach Krakau gekommenen Ruthenen gleiche Rechte mit den Polen (Lachen) gefordert hatten: die ruthenischen Gebiete, die Sprache, die Schulen und Gemeinderechte für sich. Słotwiński sagte: Alle diese Forderungen sind verfrüht. Mehr noch, nicht nur er verstand die Dinge so, denn wir lesen, dass der Kommissar der Nationalen Regierung mit meiner Rede sehr zufrieden war und die Sitzung schloss.[32]

So wird deutlich, dass die im Akt der Erneuerung der Union von Horodło enthaltene Ideen von jedem auf seine Weise verstanden wurden. Daher war zur Zeit des Januaraufstands an eine Realisierung dieser Ideen nicht zu denken. Mehr noch, gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschärften sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen. Als 1891 in der Krakauer Piaristenkirche Feierlichkeiten organisiert wurden, die an den Abschluss der polnisch-litauischen Union erinnern sollten, bezog sich der Priester Tadeusz Chromecki (1836-1901), ein Teilnehmer der Versammlung von Horodło von 1861, auf dieses Ereignis, sprach dabei aber nur noch von der Union zweier Nationen, der polnischen und der litauischen, und erwähnte die ukrainische mit keinem Wort.[33] An eine Verwirklichung dieses besonderen „Programms von Horodło“ war auch später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kaum zu denken. Denn jetzt wollten auch die Litauer kein gemeinsames Vaterland mit den Polen mehr; sie dachten an ein unabhängiges Litauen.

Einen bezeichnenden Kommentar zu den hier besprochenen Fragen gab im Jahr 1901 einer der scharfsinnigsten Geister dieser Zeit, Stanisław Wyspiański (1869-1907). Im zweiten Akt seines Meisterwerks Die Hochzeit ließ er einige „geisterhafte“ Gestalten auftreten. Angeführt werden sie von Stańczyk, am Ende kommt das Großväterchen mit der Lyra, Wernyhora. Dem von einem nationalen Aufstand träumenden Gastgeber hat der ukrainische Leierspieler die angekündigten Rutenbündel [mit denen er den Heerbann einberufen soll, Anm. d. Übers.] sowie die Parole eines Bundes mitgebracht. Zum Beweis dafür, dass er sich als Vertreter der ukrainischen Nation fühlt, mit der die Lachen einen Bund schließen sollten, prophezeit Wernyhora, dass er im Moment des Ausbruchs eines nationalen Aufstands an der Spitze von Kriegsheeren mit dem Erzengel an vorderster Front kommen werde. Auch die Gäste, die im Hochzeitssaal versammelt sind, welcher in diesem Moment ganz Polen repräsentiert, warten auf seine Ankunft. Aber er kommt nicht. Denn im Jahr 1901 wollten die Bewohner des alten Rutheniens keinen „Bund“ mit den Lachen mehr, sie träumten nämlich von einer selbstständigen Ukraine. Denn in dieser Zeit bemühten sich auch die Litauer um ein unabhängiges Litauen. Die romantische Idee eines gemeinsamen Handelns von Polen, Litauern und Ruthenen mit dem Ziel des Wiederaufbaus Polens „in den alten Grenzen“, die Idee des Akts der Erneuerung der Union von Horodło, lebte weder damals, im Jahr 1901, wieder auf, noch im Jahr 1918, als in Lemberg blutige Kämpfe zwischen Polen und Ukrainern ausbrachen, noch im Herbst 1920, als General Lucjan Żeligowski mit polnischen Truppen Wilna einnahm. Die Idee war zweifellos schön, denn sie rief die romantischen Träume unserer Vorfahren vom Wiederaufbau des alten Polens in Erinnerung. Aber sie hatte keine Chance auf Verwirklichung, denn niemand war bereit, sie mit Leben zu erfüllen.[34]

                                    Seweryna Duchińska



                                 Gedicht zur Feier des 22. Jahrestages

                           der Versammlung von Horodło am 10. Oktober 1861





                                Auf dir ruht, Polen, unter allen Völkern Segen!

                                Kaum dass dein Fuß der Zeiten Schwelle übertrat,

                                Streckst du den Bruderstämmen deine Hand entgegen

                                Und führst den Weg zur Zukunft sie auf hellem Pfad.



                                Drei Völker bringen emsig an stabile Streben,

                                Den Grundstein senken tief sie in die Erde ein.

                                Darauf wird sich ein Bau voll Ruhm und Macht erheben,

                                Und auf die Mauern strahlt der Morgenröte Schein.



                                Und lange war im Herz der Funke nicht verglommen,

                                Und lang versank das Morgenrot im Schatten nicht.

                                Drei Völker sehn das Frühlicht von Horodło kommen,

                                Das ihnen einen sonnenhellen Tag verspricht.



                                Denn in Horodło dort, gegen des Ostens Horden

                                Lebendig wuchs ein Wall, für Ewigkeit gedacht,

                                Dort sind drei Völkerschaften zur Nation geworden,

                                So dauerhaft wie Erz und groß durch Willens Macht.



                                Weh denen, wehe, die an ihrer Spitze schreiten,

                                Für Mühsal droht die Peitsche, für ihr Opfer Pein!

                                Wird, Polen, dich die Hölle in den Abgrund leiten?

                                Fährt doch der Donner in dies teure Erz hinein?



                                Es schlagen Blitze ein, ein Blutmeer ist geflossen,

                                In höllischen Verrat ist die Nation verstrickt,

                                Sie greift aus Feindes Hand den Dolch für den Genossen,

                                Nur Rabenschwärme sieht, wer auf zur Sonne blickt.



                                Zerschlagen Polen ist und stöhnt in schweren Ketten,

                                Ein Untier mit drei Köpfen schlug ihm Klauen ein.

                                Wird die Nation aus diesem Abgrund sich noch retten?

                                Wo stärkt sie ihren Geist? Was wird ihr Kraftquell sein?



                                Der hehre Bau zerfiel, gelockert sind die Streben,

                                Aus oberen Geschossen fällt der Schutt heraus,

                                Jedoch die Pfeiler sich noch unberührt erheben,

                                Auf ihnen baust du, Polen, wieder auf dein Haus.



                                Dein Weckruf tönt bereits mit anderer Gebärde,

                                Dein Sinn erspürt wohl, was die Zukunft bringen muss.

                                Beim Adler Lachiens und bei Kęstutis’ Pferde,

                                Blitzt auf den Fahnen nun der Erzengel der Rus.



                               Mit Glauben und mit Liebe hebst du diese Zeichen,

                               Unbeugsam bleibst du nach Jahrhunderten Bemühn,

                               Den Kindern rufst du: „Lasst Horodło uns erreichen!

                               Lasst uns zum Bug zu neuem Schwur der Völker ziehn!“



                                Aus deinen Händen nahm die Fahne auf ein Bauer,

                                Die Masse folgt, ein Schwarm von Bienen, seiner Spur,

                                Der Priester hob das Kreuz: „Des Vaterlandes Dauer

                                In dieses Zeichens Macht! Mein Volk, vertraue nur!



                                Im Namen dieses Gottes lösch ich eure Sünden,

                                Der in die Herzen senkt der hohen Liebe Drang!

                                Von eurem Blut wird dieser Weg vielleicht einst künden!

                                Seid ihr dazu bereit?“ Und nun ertönt der Sang:



                                „Gott, du hast Polen durch so langer Jahre Zeiten

                                Umhüllt mit großer Macht und Ruhmes hellem Schein.

                                Wolle uns, Herr, mit deiner Sorge Schild begleiten,

                                Senk den verzagten Herzen deine Gnade ein!“



                                Die Menge schreitet vor, und ihre Tränen fließen,

                                Und mit dem Tau erhob zum Himmel sich der Chor,

                                Aus Nebeln sich Horodłos Türme sehen ließen,

                                Hinter des Herbstes Wolken kam die Sonne vor.     



                                Sie eilen schnell voran, sind fast schon an der Stätte,

                                Schon glänzt das gold’ne Kreuz über der Kirchentür,

                                Da blitzen plötzlich in der Sonne Bajonette:

                                „Kein Schritt mehr weiter! Wehe euch! Verschwindet hier!“



                                Doch kann der Schrei aus Moskau keinen Pilger schrecken,

                                Nur lauter noch zum Himmel tönt des Liedes Schall,

                                Der Priester liest die Messe zwischen Busch und Hecken,

                                Mit leisem Plätschern klingt des Flusses Widerhall.



                                Die Köpfe neigen sich wie auf dem Feld die Ähren:

                                „Oh Gott! Vergönne uns der Einigkeit Genuss,

                                Das Vaterland und Freiheit woll’ uns neu gewähren!

                                Gib deinen Segen Polen, Litaun und der Rus!“



                                Tausende Stimmen sind es, die zur Höhe klimmen:

                                „Ein Herz, ein Wille sei von nun an unser Glück!“

                                Und Antwort hört man dort vom Bug mit tausend Stimmen:

                                „Oh Herr! Die Bruderherzen führ zum Bund zurück!“



                                Verlesen wird der Akt: Ein Felsen fiel hernieder,

                                Der auf der Völker Brust lag wie ein Leichenstein.

                                „Wir sind nun alle gleich und alle freie Brüder,

                                Lasst uns das Bündnis jetzt für künft’ge Zeit erneun!“



                                So hört den Chor man von den beiden Ufern hallen

                                Als Antwort plätschern blaue Wellen in der Flut:

                                Geschütze stehn bereit, wird gleich ein Donner knallen?

                                Wird gleich der Bajonette Klinge rot von Blut?



                                Das Lied ist nicht verstummt, doch schweigen die Kanonen,                     

                                Das Bajonett hält still, kein Bach von Blut erscheint,

                                Gebannt von dunkler Kraft erscheinen die Schwadronen,

                                Und wie versteinert steht am Fluss der starke Feind.



                                Die Jahre gingen, doch der Geist will nicht erkalten,

                                Im Feuer neuer Proben wuchsen Herzen weit,

                                Horodłos großen Tag lasst uns in Ehren halten,

                                Der einst bekräftigt hat der Völker alten Eid.[35]





                                            Prosaübersetzung:



                                Polen! Gesegnet bist du unter den Völkern!

                                Kaum hattest du die Schwelle deiner Geschichte überschritten,

                                Streckst du die Arme nach den Bruderstämmen aus,

                                Du führst sie in die Zukunft auf der Bahn heller Wege.



                                Mit Arbeit tragen drei Völker starke Balken zusammen,

                                Einen Grundstein graben sie in die Tiefe der Erde,

                                Und darauf entstand ein ruhmreicher und großer Bau,

                                Das herrliche Morgenrot erleuchtete das Gebäude.



                                Und lange erkaltete der Funke nicht in den Herzen,

                                Und lange fiel das Morgenrot nicht in den Schatten,

                                Drei Völker rühmen die helle Morgendämmerung von Horodło,

                                Die ihnen einen sonnigen Tag verheißt.



                                Denn dort in Horodło, gegen die Flut von Osten,

                                Erwuchs eine lebendige Schanze, die Jahrhunderte dauern sollte,

                                Dort schloss sich aus drei Völkern, wie aus ewigem Erz,

                                Durch die Macht des Willens eine große Nation zusammen.



                                Wehe ihnen, wehe! Die an der Spitze schreiten,

                                Für die Mühen der Auspeitschung, für das Opfer des Kreuzes!

                                Polen! Führt dich die Hölle in den Abgrund?

                                Zermürben Blitze das unschätzbare Erz?



                                Es schlagen Blitze ein, es fließt ein Meer von Blut,

                                Die Nation ist verstrickt in ein Netz von höllischem Verrat,

                                Sie zieht aus der Hand des Feindes die brudermörderischen Messer,

                                Die Flügel von Rabenschwärmen haben die Sonne verdunkelt.





                                Das zerschlagene Polen schreit in schweren Fesseln,

                                Ein dreiköpfiges Ungeheuer hat die Klauen in seine Brust geschlagen,

                                Wird die Nation sich aus diesem bodenlosen Abgrund erheben?

                                Wo soll man den Geist stärken? Woher Kräfte nehmen?



                                Der hochberühmte Bau ist gefallen, die Balken haben sich gelockert,

                                Aus hohen Aufbauten fiel Schutt auf Schutt,

                                Aber die Eckpfeiler sind unberührt geblieben,

                                Auf ihnen wirst du, Polen, das Haus wieder aufbauen!



                                In deinem Weckruf tönt eine neue Note;

                                Dein prophetischer Sinn hat wohl die Zukunft gespürt,

                                Beim lachischen Adler, beim Pferd des Kęstutis

                                Blitzte der Erzengel Rutheniens auf den Standarten!



                                Mit Glaube, mit Liebe erhebst du diese Wappen,

                                Ungebeugt durch eine Reihe von Versuchen über die Jahrhunderte,

                                Du rufst den Kindern zu: „Gehen wir nach Horodło!“

                                Erneuern wir am Bug den alten Schwur der Völker.



                                Aus deinen Händen nahm der Bauer im Kittel die Standarte,

                                Die Menge läuft hinter ihm, ein regelrechter Bienenschwarm,

                                Der Priester erhob das Kreuz: „In der Macht dieses Gegenstandes

                                Die Zukunft des Vaterlands! Hab Vertrauen, mein Volk!



                                Ich entsühne euch im Namen dieses Gottes,

                                Der in die Herzen den Samen für die Liebe geworfen hat!

                                Vielleicht fließt dieser Weg von eurem Blut!

                                Seid ihr bereit?“ Hier antwortet der Gesang:



                                „Gott, der du Polen durch so viele Jahrhunderte

                                Umgeben hast mit dem Glanz des Ruhms und der Macht,

                                Beschirme uns mit dem Schild deiner Sorge,

                                Stärke die geschwächten Herzen in Strömen der Gnade!“



                                Und die Massen gingen, es brannten ihnen die Augen,

                                Mit dem Tau strömte zu den Himmeln der Chor,

                                Aus dem Nebel von Horodło ragten die Glockentürme heraus,

                                Die Sonne schüttelte die Herbstwolken ab.



                                Sie eilen schnell – das Ziel ist schon nahe,

                                Das goldene Kreuz glänzte an den Toren der orthodoxen Kirche,

                                Da blitzen Bajonette in der Sonne:

                                „Keinen Schritt weiter! Weg von hier! Wehe euch!“



                                Dieser Schrei von Moskau schreckt die Pilger nicht.

                                Das Lied eilt immer lauter in die blaue Ferne,

                                Und auf dem Feld liest der Kaplan Gottes die Messe,

                                Und der Fluss wiederholt mit leisem Plätschern der Wellen.



                                Die Köpfe neigen sich, wie Ähren auf dem Feld;

                                „Oh Gott! Bring die Herzen zur Einheit,

                                Gib uns das Vaterland, die Freiheit zurück, Herr!

                                Segne Polen und Litauen und Ruthenien!“



                                Tausende Stimmen erheben sich auf dem Hügel:

                                „Es ist Zeit für uns, Brust mit Brust, Wille mit Willen zusammenzuschmieden!“

                                Und tausend Stimmen antworten von der anderen Seite des Bugs:

                                „Herr! Bring die brüderlichen Herzen wieder zur Einheit!“



                                Der Akt wurde verlesen: Es fiel ein riesiger Stein,

                                Der die Brust der Völker gedrückt hatte wie ein Grabstein,

                                Gleiche mit Gleichen und Freie mit Freien,

                                Erneuern wir den Bund für die Nachwelt!“



                                So widerhallt der Chor von beiden Ufern,

                                Und der Fluss wiederholt mit dem Plätschern blauer Wellen:

                                Die Geschütze sind bereit, wird gleich ein Blitz einschlagen?

                                Wird gleich der Stahl der Bajonette sich röten?



                                Das Lied verstummt nicht, und die Kanonen brüllen nicht,

                                Die Bajonette beben nicht, es floss kein Bach von Blut,

                                Gebannt durch die geheimnisvolle Kraft des Geistes

                                Steht der versteinerte Feind am Fluss.



                                Und die Jahre eilten, aber die Brust erkaltete nicht,

                                Die Herzen wuchsen im Feuer neuer Prüfungen,

                                Ach! Segnen wir den großen Tag von Horodło,

                                Der den ewigen Schwur der Völker bestätigte!

Aus dem Polnischen von Martin Faber

Franciszek Ziejka: Przy lackim orle, przy koniu Kiejstuta, Archanioł Rusi na proporcach błysł! Tradycje unii horodelskiej w życiu narodowym czasów niewoli, in: Unia w Horodle na tle stosunków polsko-litewskich. Od Krewa do zaręczenia wzajemnego Obojga Narodów, Warszawa 2015, S. 297-312

Ausgewählte Literatur

Emanuel Aleksandrovičius: Pod władzą carów. Litwa w XIX wieku, Kraków 2003.

o.A.: Kronika, in: Nowa Reforma, 153 (1891), S. 3.

o.A.: Obchód XXIIej Rocznicy Zjadzu Horodelskiego w Paryżu, in: Kurier Paryski 52 (1883), S. 2.

Bronisław Baczko (Hg.): Towarzystwo Demokratyczne Polskie. Dokumenty i pisma, Warszawa 1954, S. 93 (Ksia̜żka i Wiedza).

Daniel Beauvois: Polacy na Ukrainie 1831-1863, Paris 1987.

Daniel Beauvois: Les confins de l’ancienne Pologne. Ukraine, Lituanie et Biélarussie XVIe – XXe siècles, Lille 1988.

Daniel Beauvois: Walka o ziemię. Szlachta polska na Ukrainie prawobrzeżnej pomiędzy caratem a ludem ukraińskim 1863-1914, Sejny 1996.

Daniel Beauvois: Trójkąt ukraiński. Szlachta, carat i lud na Wołyniu, Podolu i Kijowszczyźnie 1793-1914, Lublin 2005.

Stefan Buszczyński: Mało znany poeta, stanowisko jego przed ostatnim powstaniem, wygnanie i śmierć. Ustęp z dziejów spółczesnych Południowej Polski, Kraków 1870.

Seweryna Duchińska: Wiersz na uroczystość XXIIej rocznicy Horodelskiego Zjazdu w dniu 10 października 1861r., in: Kurier Paryski 52 (1883), S. 3f.

Danuta Gibas-Krzak: Ukraina między Rosją a Polską, Toruń 2006.

Agaton Giller: Historia powstania narodowego polskiego w 1861-1864, Bd. II., Paris 1868.

Przemysław Graboś: Manifestacja w Horodle 10 X 1861 roku, Lublin 2011.

Kazimierz Gregorowicz: Zarys główniejszych wypadków w województwie lubelskim w r. 1861, hg. und eingel. von Wiesław Śladkowski, Lublin 1984.

Kazimierz Gregorowicz: Z jakich powodów zmieniony został herb Państwa Polskiego, Paris 1884 (Vortrag bei der Feier des 23. Jahrestags der Versammlung von Horodło am 10. Oktober 1884 in Paris).

Emanuel Halicz (Hg): Czy Polacy wybić się mogą na niepodległość. Warszawa 1957.

Stanisław Łaniec: Ziemie białoruskie w latach reformy agrarnej, manifestacji patriotycznych i konspiracji narodowej (1860-1862), Toruń 1998.

Adam Mickiewicz: Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego, hg. von Stanisław Pigoń, Kraków 1922.

Zbigniew Najder, Joanna Skolik (Hg.): Polskie zaplecze Josepha Conrada Korzeniowskiego. Dokumenty rodzinne, listy, wspomnienia, Bd. I-II, Lublin 2006.

Rada Towarzystwa Czytelni Polskiej w Paryżu: Obchód Unii Polski, Litwy i Rusi. Dnia 10 Października Obchód się mający. in: Kurjer Paryzki. Dwutygodnik Polityczny – Literacki – Społeczny. Organ patriotyczny Polski, 50 (1883), S. 4.

Michał Rolle: Zapomniany poeta, in: ders.: In illo tempore. Szkice historyczno-literackie, Brody-Lwów 1914, S. 27-53.

Adam Słotwiński: Wspomnienia z niedawnej przeszłości, Teil I: 1860-1871, Kraków 1892.

Zbigniew Święch: Jak powstała Rzeczpospolita Trzech Narodów. Zapomniane wydarzenie w historii Polski, Litwy i Ukrainy, in: ders., Trzy tajne dokumenty: Polacy tworzyli i budowali wspólnoty europejskie XIX wieku!; kiedy powstała Rzeczpospolita Trzech Narodów?; Kto był duchowym ojcem Jugosławii?; Polska „Konstytucja Europy” z roku 1831 kamieniem węgielnym Unii Europejskiej?, Kraków 2003, S. 15-26.

Karol Szajnocha: Jadwiga i Jagiełło 1375-1413. Opowiadanie historyczne, Bd. III., Lwów 1856.

Roman Taborski: Apollo Korzeniowski, ostatni dramatopisarz romantyczny, Wrocław 1957.

Franciszek Ziejka: Przymierze, in: „Wesele“ w kręgu mitów polskich, Kraków 1997, S. 348-379.

Franciszek Ziejka: Czy pójdziemy do Horodła?, in: Arka 34 (1991), Nachdruck u. d. T. Horodelska tradycja, in: F. Ziejka, Nasza rodzina w Europie, Kraków 1995, S. 169-185.

Grzegorz Zych: Apollo Nałęcz-Korzeniowski as critic and translator, in: Yearbook of Conrad Studies (Poland), Bd. V, 2010, S. 7-28.

Grzegorz Zych: Apollo Nałęcz-Korzeniowski as a playwright, in: Yearbook of Conrad Studies (Poland), Bd. V, 2010, S. 29-85.

Z.L.S. [Walery Przyborowski]: Historya dwóch lat 1861-1862. Teil 1: Rok 1861, Bd. I: Część wstępna, 1856-1860. Kraków 1892.

Z.L.S. [Walery Przyborowski]: Historya dwóch lat 1861-1862. Teil 1: Rok 1861, Bd. II: Styczeń – Maj, Kraków 1893.

Z.L.S. [Walery Przyborowski]: Historya dwóch lat 1861-1862. Teil 1: Rok 1861, Bd. III: Czerwiec – Grudzień, Kraków 1897.

[1] Emanuel Halicz (Hg.): Czy Polacy wybić się mogą na niepodległość?, Warszawa 1957, S. 87.

[2] Adam Mickiewicz: Księgi narodu polskiego i pielgrzymstwa polskiego, hg. von Stanisław Pigoń, Kraków 1922, S. 139.

[3] Bronisław Baczko: Towarzystwo Demokratyczne Polskie. Dokumenty i pisma, Warszawa 1954 (Ksia̜żka i Wiedza), S. 93.

[4] Zu diesem Thema habe ich mich ausführlicher geäußert im Buch Wesele w kręgu mitów polskich, Kraków 1997 (im Kapitel Przymierze, S. 348-379). Vgl. auch: Daniel Beauvois: Polacy na Ukrainie 1831-1863, Paris 1987; ders.: Les confins de l’ancienne Pologne. Ukraine, Lituanie et Biélarussie XVIe – XXe siècles, Lille 1988; ders.: Walka o ziemię. Szlachta polska na Ukrainie prawobrzeżnej pomiędzy caratem a ludem ukraińskim 1863-1914, Sejny 1996; ders.: Trójkąt ukraiński. Szlachta, carat i lud na Wołyniu, Podolu i Kijowszczyźnie 1793-1914, Lublin 2005; Danuta Gibas-Krzak: Ukraina między Rosją a Polską, Toruń 2006.

[5] Vgl.: Egidijus Aleksandrovičius: Pod władzą carów. Litwa w XIX wieku, Kraków 2003.

[6] Z. L. S. [Walery Przyborowski]: Historya dwóch lat 1861-1862. Teil 1: Rok 1861, Bd. III: Czerwiec – Grudzień, Kraków 1894, S. 328 passim.

[7] Vgl.: Franciszek Ziejka: Czy pójdziemy do Horodła?, in: Arka 34 (1991), Nachdruck u. d. T. Horodelska tradycja, in: Franciszek Ziejka: Nasza rodzina w Europie, Kraków 1995, S. 169-185; Zbigniew Święch: Jak powstała Rzeczpospolita Trzech Narodów. Zapomniane wydarzenie w historii Polski, Litwy i Ukrainy, in: ders., Trzy tajne dokumenty: Polacy tworzyli i budowali wspólnoty europejskie XIX wieku!; kiedy powstała Rzeczpospolita Trzech Narodów?; Kto był duchowym ojcem Jugosławii?; Polska „Konstytucja Europy” z roku 1831 kamieniem węgielnym Unii Europejskiej?, Kraków 2003, 15-26.; Stanisław Łaniec: Ziemie białoruskie w latach reformy agrarnej, manifestacji patriotycznych i konspiracji narodowej (1860-1862), Toruń 1998; Przemysław Graboś: Manifestacja w Horodle 10 X 1861 roku, Lublin 2011, S. 79.

[8] Es sei daran erinnert, dass der Sohn Nikolaus’ I., Alexander II., Polnisch sprach; in seiner Jugend soll er mit Begeisterung die Werke Mickiewiczs gelesen haben, außerdem verliebte er sich einmal in ein Fräulein Kalinowska (vgl.: Z. L. S. [W. Przyborowski], Bd. I, S. 29 passim).

[9] Z. L. S. [W. Przyborowski], Bd. II., Kraków 1893, S. 109.

[10] Ebd., S. 386.

[11] Vgl.: Stefan Buszczyński: Mało znany poeta, stanowisko jego przed ostatnim powstaniem, wygnanie i śmierć. Ustęp z dziejów spółczesnych Południowej Polski, Kraków 1870; Michał Rolle: Zapomniany poeta, in: ders.: In illo tempore. Szkice historyczno-literackie, Brody-Lwów 1914, S. 27-53; Roman Taborski: Apollo Korzeniowski, ostatni dramatopisarz romantyczny, Wrocław 1957; Zdisław Najder / Joanna Skolik (Hg.): Polskie zaplecze Josepha Conrada Korzeniowskiego. Dokumenty rodzinne, listy, wspomnienia, Lublin 2006, Bd. I-II; Grzegorz Zych: Apollo Nałęcz-Korzeniowski as critic and translator, in: Yearbook of Conrad Studies (Poland), Bd. V, 2010, S. 7-85; Grzegorz Zych: Apollo Nałęcz-Korzeniowski as a playwright, in: Yearbook of Conrad Studies (Poland), Bd. V, 2010, S. 29-85.

[12] Er war der Initiator der Verabschiedung des Manifests für die Ruthenen durch den Stadtrat von Lemberg, in dem die Führer des Völkerfrühlings die Forderung nach gleichen Rechten gegenüber dem Nationalrat der polnischen und der ruthenischen Bevölkerung erhoben.

[13] Karol Szajnocha: Jadwiga i Jagiełło 1375-1413. Opowiadanie historyczne, Bd. III, Lwów 1856, S. 393.

[14] Ebd.

[15] Ebd., S. 401.

[16] Z. L. S. [W. Przyborowski], Bd II., Kraków 1893, S. 148.

[17] Zit. nach: Z. L. S. [W. Przyborowski], ebd., S. 149.

[18] Diese Brücke hat Napoleon Orda in einem seiner Bilder verewigt.

[19] Ebd., S. 148.

[20] Zit. nach: Agaton Giller: Historia powstania narodowego polskiego w 1861-1864, Bd. II, Paris 1868, S. 87.

[21] Z. L. S. [W. Przyborowski], Bd. II., Kraków 1893, S. 327f.

[22] Kazimierz Gregorowicz: Zarys główniejszych wypadków w województwie lubelskim w r. 1861, hg. und eingel. von Wiesław Śladkowski, Lublin 1984, S. 97 f.

[23] Vgl.: Franciszek Ziejka: Czy pójdziemy do Horodła?, in: Arka 34(199)1, Nachdruck u. d. T. Horodelska tradycja, in: Franciszek Ziejka: Nasza rodzina w Europie, Kraków 1995, S. 169-185; Zbigniew Święch: Jak powstała Rzeczpospolita Trzech Narodów. Zapomniane wydarzenie w historii Polski, Litwy i Ukrainy, in: ders.: Trzy tajne dokumenty, Kraków 2003; Przemysław Graboś: Manifestacja w Horodle 10 X 1861 roku, Lublin 2011, S. 79. Bei der Beschreibung des Verlaufs der Versammlung von Horodło beziehe ich mich hier auf meinen oben angeführten Artikel Horodelska tradycja.

[24] K. Gregorowicz, Zarys główniejszych wypadków w województwie lubelskim, S. 40.

[25] Ebd., S. 44.

[26] Z. L. S. [W. Przyborowski], Bd. III., Kraków 1894, S. 348.

[27] Rada Towarzystwa Czytelni Polskiej w Paryżu: Obchód Unii Polski, Litwy i Rusi. Dnia 10 Października Obchód się mający. in: Kurjer Paryzki. Dwutygodnik Polityczny – Literacki – Społeczny. Organ patriotyczny Polski, 50 (1883), S. 4.

[28] Obchód XXIIej Rocznicy Zjadzu Horodelskiego w Paryżu, in: Kurier Paryski 52 (1883), S. 2.

[29] Ebd.

[30] Vgl.: [K. Gregorowicz], Z jakich powodów zmieniony został herb Państwa Polskiego, Paris 1884 (Vortrag bei der Feier des 23. Jahrestags der Versammlung von Horodło am 10. Oktober 1884 in Paris).

[31] Adam Słotwiński: Wspomnienia z niedawnej przeszłości, Teil I: 1860-1871, Kraków 1892, S. 117.

[32] Ebd.

[33] Vgl.: o.A.: Kronika, in: Nowa Reforma, 153 (1891), S. 3.

[34] Es hat den Anschein, als würde man heute, nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und nach den grundlegenden Wandlungen in der Mentalität der Bewohner unseres Kontinents, beginnen, diese Idee unter dem Schlagwort der „europäischen Union“ umzusetzen. Jener Union, deren Keim andere Unionen waren, die vor Jahren zwischen unseren Ahnen abgeschlossen wurden: in Krewo, in Horodło oder in Lublin.

[35] Seweryna Duchińska: Wiersz na uroczystość XXIIej rocznicy Horodelskiego Zjazdu w dniu 10 października 1861r., in: Kurier Paryski 52 (1883), S. 3f.