Mit dem Auge des Narratologen: Die Union von Horodło in der Erinnerung der Nachfolgestaaten

Wir leben im 21. Jahrhundert, denken aber immer noch mit dem 19. Jahrhundert. Das ist so, weil die großen Erzählungen, die das Gefühlsleben der modernen Nationen mitprägen, in diesem 19. Jahrhundert entstanden sind, einem langen und stürmischen Jahrhundert, das allerdings nicht so voll von Tragödien war wie das folgende – und die nicht selten kanonische Form angenommen haben. Dies war insbesondere in Ostmitteleuropa der Fall. Den ostmitteleuropäischen Nationen, die ihre Identität vor äußeren Einflüssen verteidigten, fiel es schwer, einmal festgelegte Vorstellungen über die eigene Vergangenheit tiefgreifend zu revidieren.

Die Historiografie des Gedächtnisses beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Vorstellungen über die Vergangenheit und ermöglicht es, auf Distanz zu diesen im 19. Jahrhundert ausgebildeten Erzählungen zu gehen. Natürlich muss man berücksichtigen, dass quellenbasierte Erkenntnisse das grundlegende Wissen über eine jeweilige Epoche zur Verfügung stellen, doch dieses Wissen muss man von der Erinnerung an die Vergangenheit unterscheiden, die sich in späterer Zeit ausgebildet hat. Man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass der Reichtum an detaillierten Feststellungen, die auf einem sehr weit entwickelten Wissen basieren, die Erkenntnis erschweren können. Außerdem sollte man sich darüber Gedanken machen, dass das Werk eines Historikers – selbst wenn die Integrität seiner historischen Methode keinem Zweifel unterliegt – in eine Strömung der kollektiven Erinnerung eingebettet ist und mit weiterreichenden gesellschaftlichen Vorstellungen über die Vergangenheit zusammenhängt. Wenn man das kulturelle Gedächtnis der Rzeczpospolita der beiden Nationen analysiert, so muss man berücksichtigen, dass es auf ihrem Gebiet heute viele Nationalstaaten mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen gibt. Die Geschichte der alten Rzeczpospolita kann somit Material für die Narrative vieler Nationalgeschichten liefern. Gleichzeitig befasst man sich, wenn man die Geschichte der Rzeczpospolita (der polnisch-litauischen Adelsrepublik) aus dem Blickwinkel dieser Geschichtskulturen erzählt, zwangsläufig auch mit der Geschichte anderer Staaten, die im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet des frühneuzeitlichen polnisch-litauischen Staates entstanden sind. Auf natürliche Weise beeinflussen sich diese verschiedenen nationalen Erzählungen, die in einer komplexen Wechselbeziehung zueinander stehen, gegenseitig.

Die polnische Erzählung – der Beginn des „goldenen Zeitalters“

In der polnischen Erinnerungskultur wird die Union von Horodło (1413) nach der Union von Krewo (1385) als großer Akt angesehen, der den Weg zur Union von Lublin (1569) und zur Entstehung der Rzeczpospolita der beiden Nationen eröffnet. Zusammen mit der Schlacht von Tannenberg markiert die Union von Horodło den Beginn der Großmachtsstellung des Jagiellonenstaates. Im allgemeinen Geschichtsbewusstsein der Polen wird jedoch weder erkannt, dass der in Horodło erzielte Ausgleich anschließend von der litauischen Seite infrage gestellt wurde, noch, dass die heutigen Litauer, Ukrainer oder Weißrussen die Union von Horodło ganz anders sehen können als die Polen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb Feliks Antoniewicz ein beliebtes Jugendbüchlein mit dem Titel Geschichte Polens im Abriss mit Geografie und Karte des alten Polens sowie einer Beschreibung des Reichstags, der Wahl, Krönung und Beerdigung der Könige und der Armee, geschrieben für die beginnende Jugend zur Erinnerung an den tausendsten Jahrestag der Thronbesteigung in Polen durch die Familie der Piasten um das Jahr 860. Antoniewicz führte über die Union von 1413 Folgendes aus:

Nachdem er [Władysław Jagiełło] die Kreuzritter gedemütigt hatte, dachte er an eine engere Verbindung von Litauen mit Polen. Zu diesem Zweck rief er im Jahr 1413 einen Reichstag beider Nationen nach Horodło ein, auf dem sich der litauische Adel mit dem polnischen verbrüderte, indem ihm die polnischen Wappen und verschiedene Privilegien verliehen wurden; den Königen verblieb das Recht, die litauischen Großfürsten zu ernennen, und für die Reichstage legte er mal Lublin und dann wieder Parczów fest. Groß und verbreitet war daher die Freude unter den litauischen Herren; nur Witold war traurig, da er nicht aufhörte, daran zu denken, wie er König von Litauen werden könnte.[1]

Ganz abgesehen von der Naivität dieser Formulierungen, Verdrehungen und Vereinfachungen kann man sagen, dass mindestens seitdem der durchschnittliche Pole die Union von Horodło genau so sieht – als großzügigen Akt der polnischen Seite. In der sich im 19. Jahrhundert entwickelnden Erzählung der polnischen Erinnerungskultur wurde das gesamte Territorium der frühneuzeitlichen Rzeczpospolita für einen vor allem polnischen Staat gehalten. Dies ist etwa an den Dutzenden von historischen Atlanten zu erkennen, die im 20. Jahrhundert erschienen. Auch zahlreiche Untersuchungen und lexikalische Hilfen aus dem 19. Jahrhundert, die über die alten polnischen Länder unterrichten, beschreiben das gesamte Gebiet der alten Rzeczpospolita. Die Überzeugung der Polen von der Blüte und Großmachtstellung der im Grunde multinationalen Rzeczpospolita des 16. und 17. Jahrhunderts schlug sich unter anderen in der Vorstellung von der Größe des polnisch-litauischen Staatsgebiets nieder – einem der größten Territorien des damaligen Europa.

Wenn man nach den Quellen für diesen Erfolg suchte, so wurde dieser traditionell in den Verbindungen Polens zu Litauen gefunden, wobei polnische Historiker, die den polnischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts folgten, den wichtigsten Grund für diesen historischen Erfolgsprozess der Rzeczpospolita in der Polonisierung sahen. Die Klarheit dieser Vorstellung wird ein wenig durch den seit 1569 verwendeten Staatsnamen maskiert – Rzeczpospolita Obojga Narodów, Republik beider Nationen, worunter man Polen und Litauer verstand, obwohl der ruthenische Bevölkerungsteil viel zahlreicher und ein kulturell viel wichtigerer Bestandteil dieses Staates war als der litauische.

Dank allgemein bekannter Zitate aus der Literatur, etwa aus der Anrufung in Adam Mickiewiczs (1798-1855) Pan Tadeusz mit den Worten „Litauen! Mein Vaterland!“, sind sich Polen, die deren Sinn verstehen, über den föderativen Charakter der alten Rzeczpospolita im Klaren. Manch einer ist auch stolz über ihr multikulturelles Antlitz. In diesem Zusammenhang wird neben der Reihe polnisch-litauischer Unionen, zu denen auch die Union von Horodło gehört, zuweilen daran erinnert, dass der Entstehungsprozess eines multikulturellen Staates bereits vor dem jagiellonischen Zeitalter begonnen hatte, nämlich unter der Herrschaft Kasimirs des Großen (1310-1370), als Kronpolen um die Gebiete Rotreußens erweitert wurde. Gleichzeitig muss selbstkritisch gesagt werden, dass das Wissen der Polen über die litauische Kultur heute gegen null geht, während Weißrussen und Ukrainer in der allgemeinen Vorstellung keine gleichberechtigten Erben der Rzeczpospolita-Tradition sind. Über deren Kultur und eigenständige Leistungen weiß man übrigens auch nur wenig. Die Ukraine wird, was die ältere Zeit betrifft, vor allem mit den Kosaken in Verbindung gebracht, während Weißrussland in den Augen der Polen überhaupt keine ältere Geschichte besitzt. Beide Staaten und Nationen beginnen aus polnischer Sicht ihre Existenz erst im 20. Jahrhundert, als sie nach dem Ersten Weltkrieg um ihre Unabhängigkeit kämpften oder in den 1990er Jahren diese Unabhängigkeit tatsächlich erlangten. Ein Teil der polnischen Öffentlichkeit nimmt sie noch nicht einmal als völlig selbstständige Staaten wahr.

Offensichtlich waren es erst das sogenannte ULB-Konzept (von Ukraine-Litauen-Belarus) im Umfeld der Pariser Exilzeitschrift Kultura sowie die Existenz von Sowjetrepubliken mit diesem Namen, dank derer sich die Polen der Existenz ihrer östlichen Nachbarn als eigenständiger Akteure bewusst wurden. Doch bis zum heutigen Tag sind die Polen sich nicht darüber im Klaren, dass diese Eigenständigkeit an eine Erzählung von der Vergangenheit gebunden ist, die sich von der polnischen völlig unterscheidet. Die gemeinsame Vergangenheit innerhalb der alten Rzeczpospolita bedeutet keinesfalls eine gemeinsame Erinnerung an diese Vergangenheit. Weiterhin dominieren im polnischen Blick auf die fernere Geschichte die im 19. Jahrhundert entstandenen Vorstellungen. Aus dieser Perspektive spielt die Union von Horodło zusammen mit der im kollektiven Gedächtnis der Polen noch stärker verankerten Union von Lublin eine Schlüsselrolle.

Die ukrainische Erzählung – die Marginalisierung des ruthenischen Bevölkerungsteils

Anders verhält es sich mit der ukrainischen Erzählung. Schon in der klassischen Sicht des Vaters der modernen ukrainischen Historiografie, Mychajlo Hruševs’kyj (1866-1934), der auf der Welle des Tauwetters nach 1905 in Russland eine Illustrierte Geschichte der Ukraine (1913) veröffentlichte, die Kurzfassung seiner viele Bände umfassenden Geschichte des Landes, kommt die Union von Horodło vor allem deshalb vor, weil sie den ruthenischen Bevölkerungsteil im Großfürstentum Litauen marginalisiert habe.[2] Diese Interpretation hielt sich in der ukrainischen Geschichtsschreibung; so kehrt auch die im unabhängigen ukrainischen Staat nach 1991 entstandene Historiografie zur Perspektive Hruševs’kyjs zurück.[3] Die 1413 in Horodło geschlossene Union erfährt nicht viel Aufmerksamkeit und wird vor allem als litauisch-polnisches Bündnis dargestellt. So erkennt etwa Oleksandr Bojko in seiner zu Beginn des neuen Jahrhunderts erschienenen Synthese zur Geschichte der Ukraine in der Union von Horodło vor allem eine Expansion des Katholizismus und den Beginn zu einer weiteren Untertänigkeit des ruthenischen Bevölkerungsteils im Großfürstentum Litauen.[4] Ähnlich sieht es Yuriy Alesieiev in seiner für Ausländer geschriebenen History of Ukraine.[5]

Diese Urteile sind keinesfalls polemisch gegen das polnische Narrativ gerichtet. Die moderne historische Vorstellung der Ukrainer nach der Befreiung des Landes von der sowjetischen Dominanz unterliegt einer höchst rasanten und stürmischen Entwicklung. Zahlreiche umfassende Arbeiten zur Geschichte der Ukraine sind in diversen akademischen Einrichtungen erschienen.[6] Selbst eine flüchtige Analyse dieser Synthesen, aber auch von Schulbüchern, gibt Anlass zu der Schlussfolgerung, dass die neue ukrainische Erzählung über die Vergangenheit in starkem Gegensatz zum sowjetischen Narrativ entstanden ist.[7] So gesehen ist der wichtigste historische Widersacher der Ukraine Russland und nicht Polen. Es hat deshalb den Anschein, dass die neue ukrainische Historiografie zwar von Hruševs’kyjs Standpunkt ausgeht, diese Perspektive sich jedoch erweitert und ganz offensichtlich fortentwickelt hat.[8] Was die ältere Geschichte angeht, so ist es vor allem die Historikerin Natalia Jakovenko, die eine weitreichende Revision vieler in der ukrainischen Geschichtsschreibung verwurzelter Behauptungen anstrebt.[9]

Die skizzierte Sicht der ukrainischen Historiografie auf die Union von Horodło scheint angesichts des ukrainischen Metanarrativs ganz und gar verständlich zu sein. Ihr Hauptthema ist es, eine historische Kontinuität von der ältesten Geschichte, also der Kiewer Rus, über die Kosakenstaaten und die Geschichte des Hetmanats (mit Chmel’nyc’kyj (1595-1657), aber noch mehr mit Petro Dorošenko (1627-1698), Mazepa (1639-1709) und Orlik (1672-1742)) bis hin zur nationalen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und zu den nationsbildenden Prozessen in ihrer modernen Gestalt zu postulieren. Mit Blick auf die sowjetische Historiografie hat dies erhebliche Veränderungen zur Folge. Die Kosaken werden nicht mehr als Volksbewegung dargestellt, anders als in der sowjetischen Geschichtsschreibung, aber auch anders als im Geiste der „Bauernmanie“ des 19. Jahrhunderts, die etwa bei Hruševs’kyj zu spüren ist. Zugleich wächst die Bedeutung der „politischen“ im Vergleich zur „folkloristisch-ethnischen“ Narration. Deshalb wird den Hetmanen Dorošenko und Mazepa eine immer größere Bedeutung beigemessen, wobei hervorgehoben wird, dass die Hetmane die Unabhängigkeit von Russland anstrebten. Zudem wird die Rolle des ruthenischen Adels betont, auch der Kosakenaristokratie, wobei die polnischen Einflüsse als zumindest teilweise positiv betrachtet werden.

Dennoch teilen sich die Geschichte Polens und die der Ukraine mit dem Chmel’nyc’kyj-Aufstand von 1648 (wobei die Bezeichnungen „polnisch“ und „ukrainisch“ hier im Verständnis der heutigen Erzählungen angewandt werden). Dieser Zeitraum der „Trennung“ ist nach Auffassung von Jaroslav Hrycak in der ukrainischen Erinnerungskultur immer noch als Faktor von Distanz und Abneigung gegenwärtig, und zwar viel stärker als in der Zeit um 1920, als Sowjetrussland zum historischen Hauptgegner der Ukraine wurde.

Das ruthenische Element in der so verstandenen Geschichte der Ukraine erscheint somit als eines, das von der Rzeczpospolita größtenteils abgelehnt und nicht verstanden wurde. Worauf die Polen stolz sind – Multikulturalität und Toleranz –, wird von der ukrainischen Seite als fehlende Gleichberechtigung wahrgenommen. Kaum verwunderlich, dass die Union von Horodło in dieser Erzählung keinen vorderen Platz einnehmen kann. Die Privilegierung des Katholizismus in den Bestimmungen von Horodło 1413 und in den folgenden fast anderthalb Jahrhunderten im Großfürstentum Litauen wird als gegen die Ruthenen gerichtet wahrgenommen.

Die weißrussische/ belarussische Erzählung – die Marginalisierung der Orthodoxie

Das 15. Jahrhundert gilt als das „goldene Zeitalter“ Weißrusslands oder der heutigen Belarus. An dessen Beginn steht jedoch nicht die Union von Horodło, die vor allem mit der beginnenden Expansion des Katholizismus assoziiert wird und somit mit der Verdrängung des orthodoxen Glaubens, dem die ruthenische Bevölkerung angehörte. Dabei setzt das moderne belarussische Narrativ – im Gegensatz zu dem der Ukrainer – die Geschichte Weißrusslands mit derjenigen des Großfürstentums Litauen gleich. Auch wird die Kontinuität der weißrussischen / belarussischen Geschichte als primordiale ganz anders konstruiert. Bei meiner Darstellung lasse ich die russische Version ebenso außer Acht wie die sowjetisch-weißrussische, wo die Kontinuität durch die Gemeinschaft der Geschichte der Rus hergestellt wird – die Weißrussland, Kleinrussland (Ukraine) und Großrussland (das eigentliche Russland) miteinander teilen.

Bei der Analyse des Problems sollte der weißrussischen primordialen Erzählung somit in größter Vereinfachung Beachtung geschenkt werden. Der Erste, der behauptete, Weißrussland habe eine eigene Geschichte, war Osip Turčynovič, der aus der Familie eines orthodoxen Geistlichen stammte. In seiner auf Russisch erschienenen Übersicht über die Geschichte Weißrusslands von den ältesten Zeiten hob er hervor, dass „sich die Fürsten von Polazk seit jeher gewissermaßen von Russland abgesondert haben und unabhängige Herrscher sein wollten“[10]. Deshalb sei der Beginn der Geschichte Weißrusslands mit dem Fürstentum Polazk im 10. Jahrhundert gleichzusetzen. Genau hier sucht die weißrussische Historiografie den Beginn eines „Ur-Weißrusslands“. Eine ähnliche Rolle als Wiege der weißrussischen Staatlichkeit soll das Fürstentum Turow gespielt haben, das im 12. und 13. Jahrhundert seine größte Blüte erlebte.

Beide Fürstentümer, deren Territorien sich heute auf weißrussischem Staatsgebiet befinden, lagen im 14. Jahrhundert in den Grenzen des Großfürstentums Litauen.[11] Dieses wiederum gilt in der weißrussischen Auffassung weniger als litauisch denn als weißrussisch. Man verweist zu diesem Zweck auf die Kanzleisprache des Großfürstentums, das Altkirchenslawische, das als Altweißrussisch angesehen wird. So wird in dem Bemühen, der Geschichte Weißrusslands Kontinuität zu verleihen, das Großfürstentum Litauen zum zweiten Kapitel dieser primordialen Geschichte Weißrusslands gemacht.

Die Blüte Weißrusslands wird nicht als Frucht der Union von Horodło interpretiert, sondern als Folge der Stärke von Kultur und Lebenskraft der Rus, also auch der Orthodoxie, innerhalb des damaligen Großfürstentums. In diesem Zusammenhang ist Horodło eine Episode, die insofern bedeutsam ist, als sie das Großfürstentum Litauen, d. h. Weißrussland, in zwei Teile teilte – einen eher litauischen, katholischen, der durch die Union privilegiert wurde, sowie den orthodoxen Großteil. Genau dies wird in den Arbeiten von Historikern wie Henadz’ Sahanovič hervorgehoben.[12] Die Epoche zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert wird hingegen als Zeit der „Dämmerung“ bezeichnet. Eine fast symbolische Zäsur ist hierbei der Wechsel der Amtssprache im Großfürstentum zum Polnischen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts hält die Polonisierung – die „Verpolung“ – an, und im 19. Jahrhundert kommt noch die Russifizierung hinzu. Das zaristische Russland verweigert den Weißrussen eine eigene Nation und sieht in ihnen Angehörige der westlichen Rus, einen Teil der größeren russischen Nation (so wie auch die Ukrainer zu Kleinrussen gemacht werden). Dem widersetzte sich die weißrussische nationale Wiedergeburt des 19. Jahrhunderts.

Die religiöse Frage war hier von größter Bedeutung. Wer nämlich im 19. und 20. Jahrhundert Katholik war, wurde meist zu einem modernen Polen, wer hingegen orthodox war (oder ein vom zaristischen Russland bekämpfter unierter Christ), wurde zum Weißrussen. Aus dieser Perspektive musste die Union von Horodło als Instrument der Katholisierung erscheinen, somit auch der Polonisierung, wodurch die weißrussische Nationalbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts sie nicht positiv besetzen konnte. Deren Entwicklung war im Vergleich zu anderen Nationen der Region – zu den Ukrainern oder den baltischen Nationen – deutlich verspätet. Bei den weißrussischen Nationsbildungsprozessen des 19. Jahrhunderts hatten die Historiker keinen solchen Anteil wie bei den Ukrainern, die schließlich bedeutende Historiker wie etwa Mychajlo Hruševs’kyj besaßen. Die erste zu Zwecken der Nationalbewegung geschriebene Geschichte Weißrusslands ist gerade mal eine Broschüre, die von keinem professionellen Historiker, sondern 1910 von dem politisch und sozial engagierten Dichter Vaclaŭ Lastoŭski (1883-1938) geschrieben wurde. Ergänzt sei, dass Lastoŭski die Geschichte Weißrusslands nicht von jener des Großfürstentums unterschied, sondern beide Geschichten vielmehr gleichsetzte, wobei er zudem versuchte, die Weißrussen zu einem künstlich slawisierten Zweig der Balten zu machen.[13]

Der Erste Weltkrieg, der bekanntlich für alle Nationen Ostmitteleuropas die Bedingungen schuf, um für die nationale Unabhängigkeit einzutreten, endete nicht mit einem Erfolg Weißrusslands. Und obwohl die Selbstständigkeit 1991 ebenso erlangt wurde wie eine gewisse Unabhängigkeit von Moskau, ermöglicht die politische Lage in Weißrussland nicht wirklich eine freie Entwicklung der Historiografie, obschon hier seit Ende der 1990er Jahre eine lebhafte Debatte über historische Themen anhält. Die weißrussischen Kultureliten stehen in diesem für Weißrussland schwierigen geschichtlichen Augenblick vor einer großen Herausforderung. Es wäre angesichts der Nichtabgeschlossenheit des weißrussischen Nationsbildungsprozesses ein natürlicher Instinkt, dessen Beendigung zu erklären. Diesen Standpunkt vertrat Zjanon Pas’nják, der damalige Anführer der weißrussischen Nationalbewegung. Er verlangte vor allem die Wiederherstellung einer weißrussischen „sprachlich-nationalen“ Identität.[14] Die Kreise um Pas’nják betrachteten das historische Pogoń-Wappen als litauisches Staatswappen und sahen die Nationalflagge in den Farben Weiß-Rot-Weiß.

Dies stieß von Anfang an auf den Widerstand derjenigen Historiker, die bei der alten sowjetischen Version blieben und sie nur geringfügig an die neuen Bedingungen anpassten. Einen guten Einblick in die gegenwärtigen Debatten in der weißrussischen Geschichtsschreibung bietet das in postsowjetischem Geist gehaltene Buch von P. T. Petrikov.[15] Nach Meinung der postsowjetisch denkenden weißrussischen Historiker habe es nur eine Nation der Rus gegeben, deren Staat die Kiewer Rus gewesen sei. Ihr Westteil sei unter litauische „Besetzung“ geraten und später polonisiert worden. Erst die Teilungen Polens hätten eine Rückkehr zu den Wurzeln der Rus und die Entstehung einer weißrussischen Nation gewissermaßen im Bündnis mit Russland ermöglicht. Wer die Geschichte Weißrusslands so sieht, stellt sich gegen die Behauptung, dass dieses „Bündnis“ zur Russifizierung des Landes geführt habe. Nebenbei werden die stalinistischen Verbrechen an der kulturellen Elite der Weißrussen völlig außer Acht gelassen oder allenfalls kurz erwähnt. Ebenfalls wird behauptet, man könne keine staatlich-nationale Erzählung begründen, da es keinerlei staatliche Tradition gebe. Lediglich der ethnische Primordialismus, der im gemeinsamen Staat verwurzelt sei, nämlich in der alten Kiewer Rus, ermögliche es, eine Geschichte Weißrusslands zu schreiben. Diese Erzählung der weißrussischen Vergangenheit steht der älteren „westrussischen“ Variante im Zarenreich sehr nahe, auf die sich im Übrigen auch die russische Historiografie nach 1991 bezieht.

Die weißrussischen Nationalisten (von denen es nicht viele gibt) versuchen, dieser sowjetischen Version entgegenzutreten. Dabei bemühen sie sich, die weißrussische Identität sowohl der polnischen als auch der russischen entgegenzustellen, vergessen aber, dass sich die weißrussische Identität in einer kulturell ungemein heterogenen Umgebung herausgebildet hat, in hohem Maße auch innerhalb der Sowjetrepublik. Der Zeitraum von 1991 bis 1994, als die nationalistischen Ansichten den größten Einfluss hatten, war zu kurz, um das kollektive Gedächtnis stärker zu prägen.

Die darauffolgende Identitäts- und Geschichtspolitik der Leute um Lukašenka ist völlig amorph und lässt jede Konsequenz vermissen, obschon ihre postsowjetischen Bestandteile am sichtbarsten sind.[16] Dennoch scheint das intellektuelle Leben Weißrusslands höchst interessant zu sein. Fragen zur nationalen Identität nehmen hier eine wesentliche Rolle ein, wobei jedoch nicht die historische Erzählung ins Zentrum der Debatten gestellt wird, selbst wenn viele Feststellungen in einer gewissen Weise genau diese Erzählungen betreffen. Die Geburt der Nationalbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts wird von dem führenden weißrussischen Intellektuellen Ihar Babkou so gesehen:

In Weißrussland war dies die Zeit des Erlöschens von „Litauen“ als kulturellem Mythos und kultureller Identität. Litauen war auf der Karte Osteuropas ein Unikum. Unsicher und instabil, zugleich aber viel komplexer. […] Die Geschichte Litauens war eine Geschichte der Diversität. In den Zeiten des Neuen Europas, in den Zeiten aggressiver Unifizierungen nach „nationalen Merkmalen“ war dieses Modell nicht lebensfähig. Litauen wurde künstlich auseinanderdividiert und zerfiel schließlich zu „Fragmenten“.[17]

Für die Entstehung einer weißrussischen Identität als der Identität einer politischen und zivilgesellschaftlichen Gemeinschaft des weißrussischen Staates können andere Elemente eine Bedeutung erlangen als die traditionellen Quellen der Historisierung und direkten Politisierung. Die von den weißrussischen Intellektuellen herausgearbeiteten Formeln scheinen innovativ, interessant und anregend zu sein. Es genügt, Das Entstehen Weißrusslands von Pjotr Rudkoŭski in die Hand zu nehmen. Heute kann die Geschichte Weißrusslands als eines unabhängigen Staates vor allem unter Rückgriff auf die alten Zeiten eine Beschreibung der Geschichten seines Staatsgebietes sein. Die aktuellen Nationsbildungsprozesse in Belaruswurden nämlich durch seine heutigen Grenzen und nicht durch seine Geschichte bestimmt. Maßgebliche weißrussische Stimmen scheinen die These aufzustellen, dass die Schaffung eines Narrativs der „langen“ Geschichte Weißrusslands nach dem Vorbild der Vorreiter der Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert nicht wiederholt werden könne, ja insgesamt unnötig sei.

Ich habe hier proportional mehr Platz darauf verwendet, die Lage der modernen weißrussischen Erinnerungskultur zu beschreiben, und bin somit der konkreten Frage aus dem Weg gegangen, wie nämlich die Union von Horodło interpretiert wird. Dies geschah, um auf den breiteren Kontext des Metanarrativs hinzuweisen. Es ist nämlich dafür entscheidend, dass Horodło im heutigen kollektiven Gedächtnis der Weißrussen nicht als Wendepunkt angesehen wird, obschon ihm professionelle weißrussische Historiker eine solche Bedeutung kaum absprechen würden.

Das litauische Narrativ – Bedrohung durch Polonisierung

Die litauische Interpretation der Union von Horodło steht der polnischen in vielerlei Hinsicht nahe.[18] Durch die Union konnten die Litauer nicht nur eine europäische Großmacht mit begründen, sondern auch ihre eigene Stellung im Großfürstentum aufrechterhalten, das sich zwar „litauisch“ nannte, in dem aber die slawischsprachigen und orthodoxen Bevölkerungsteile – wie bereits gesagt – eindeutig im Übergewicht waren. Dabei legten die Litauer durch die Übernahme des Katholizismus seit 1386 als Ergebnis des Bündnisses mit Polen die Grundlage für ihre spätere Identität.

Hervorzuheben ist, dass in litauischen Augen die Union von Horodło eine eher litauische denn polnische Initiative war. So wie die der Union vorausgegangene Schlacht von Tannenberg wird sie in Litauen vor allem als litauischer Sieg gesehen und dort sogar viel häufiger erinnert. Während in Polen insbesondere der Sieg über den Deutschen Orden hervorgehoben wird, der gemeinhin mit den Deutschen gleichgesetzt wird, so gilt er in Litauen vor allem als litauischer Triumph. Wer in Litauen gewesen ist, der weiß, wie ikonisch und allgegenwärtig die Darstellung des polnischen Malers Matejko (1838-1893) mit Vytautas (um 1354/55-1430) im Zentrum des Gemäldes ist, die man in Dutzenden von Reproduktionen und Kopien antreffen kann.[19]

Im Gegensatz zu Ukrainern und Weißrussen ist Horodło für die Litauer ein positives Ereignis, obschon es – wie geschildert – eher als Werk litauischer denn polnischer politischer Klugheit gesehen wird. Die Meinung Juratė Kiaupenės gibt den neuesten Forschungsstand wieder:

Die Verträge […] der Versammlungen der Bojaren Polens und Litauens in Horodło am Bug vom 2. Oktober 1413 sind vermutlich die komplexesten und umstrittensten Dokumente des mittelalterlichen Litauens. Sie sind uneindeutig und werden zuweilen ganz unterschiedlich eingeschätzt. […] In Wirklichkeit existierte das Großfürstentum Litauen als eigenständiger Staat. […] Witold modernisierte den Staat, weitete die Privilegien der litauischen Bojaren aus und implementierte die polnische politische und soziale Verfassung in das innere Leben des Großfürstentums Litauen. Doch die Annäherung der litauischen Bojaren mit dem höher entwickelten Staats- und Gesellschaftsleben Polens, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts in hohem Maße von der polnischen Aristokratie stimuliert wurde, besaß auch negative Folgen. Der Widerstand gegen Einflüsse des Nachbarstaates ließ nach, und die Vorboten der Zukunft formierten sich – im 16. Jahrhundert verringerte sich der Widerstand der litauischen Bojaren gegen eine Annäherung an den polnischen Adel und seinen politischen Einfluss, was letztlich zum Abschluss der Union von Lublin führte.[20]

Neben den grundlegenden Unterschieden lassen sich Gemeinsamkeiten der litauischen und der polnischen Interpretation von Horodło u.a. darin erkennen, dass die Weißrussen in dieser Geschichte so gut wie nicht vorkommen. Und das, obwohl das Großfürstentum Litauen eine Verbindung des letzten heidnischen Staates in Europa mit der zivilisatorisch höher entwickelten Rus war, deren Kultur zumindest teilweise in Byzanz wurzelte. Die Länder der Rus (Weißrussland) gehen in der litauischen Erzählung fast völlig unter. Man zeigt gerne, wie groß das Großfürstentum war („von Meer zu Meer“), aber nicht, wie gravierend seine inneren Unterschiede waren und wie sehr es tatsächlich litauisch war.

Das Bündnis mit Polen und Horodło ermöglichten es dem litauischen Bevölkerungsteil, seine Vorherrschaft im Großfürstentum zu besiegeln. Jeder Erfolg hat aber auch seinen Preis. Dieser bestand in der Gefahr der Polonisierung, durch welche den politischen Eliten Litauens in hohem Maße die politische Kontinuität genommen wurde. Darum bezog sich im 19. Jahrhundert die litauische Nationalbewegung zwar auf das große historische Narrativ, griff aber viel lieber zu den volkstümlichen und bäuerlichen Wurzeln, da hier die litauische Sprache und ein unstrittiges litauisches Identitätsgefühl erhalten geblieben waren.

Das moderne Litauen ist eine kleine Nation mit dem Bewusstsein einer bedeutsamen Geschichte. Dieses Bewusstsein verleiht ihm die Karte des Großfürstentums aus dem 15. Jahrhundert, und die Union von Horodło ermöglichte es dem Großfürstentum, seine Unabhängigkeit bis in die Mitte des darauffolgenden Jahrhunderts zu wahren. Dass dieser Erfolg seinen Preis hatte, bleibt oft im Hintergrund.

Die russische Erzählung – Großrussen, Westrussen und Kleinrussen

Nur am Rande kann hier die russische und sowjetrussische Erzählung erwähnt werden. Die Politik des zaristischen Russlands bezweckte die vollständige Russifizierung der innerhalb seiner Grenzen lebenden Slawen. Deshalb wurden die Ukrainer Kleinrussen genannt, während die Weißrussen als „Westrussen“ angesehen wurden, also als ebensolche Russen wie die Russen selbst, die „Großrussen“. Die Teilungen Polens galten als Ende der „Sammlung des russischen Landes“. In der Sowjetzeit schritt die Russifizierung zwar voran, wurde jedoch nie zur offiziellen Leitlinie der sowjetischen Politik. Es muss hervorgehoben werden, dass sie in den 1920er Jahren zur Popularisierung der weißrussischen und ukrainischen Sprache beitrug und manche Errungenschaften dieser Zeit bis heute nachwirken. Die sowjetische Politik gegenüber Weißrussland und der Ukraine hatte jedoch auch eine Kehrseite. Die alte Ideologie von den West- und Kleinrussen war in abgeschwächter Form weiter vorhanden, denn die ukrainische und die weißrussische Nation wurden fast ausschließlich auf folkloristische Gemeinschaften reduziert.

Nach 1991 und dem Zerfall der Sowjetunion kehrte ein Teil der russischen Historiografie zu den älteren Konzepten zurück.[21] Natürlich konnte diese russische, zaristisch-sowjetische Version der Geschichte keinesfalls die Bedeutung der Unionen von Horodło oder Lublin akzeptieren; sie wurden allenfalls als Geschehnisse eindeutig negativer Art dargestellt.
Dies findet seinen Ausdruck u. a. in einer Äußerung von Präsident Vladimir Putin für russische und amerikanische Medien, die er während des G20-Gipfels im September 2013 in Sankt Petersburg machte:

Ohne Hinsicht darauf, was geschehen wird; ohne Hinsicht darauf, wohin die Ukraine gehen wird – wir werden uns irgendwann und irgendwo treffen. Warum? Weil wir eine Nation sind […]. Wir haben ein gemeinsames – Kiewer – Taufbecken, gemeinsame historische Wurzeln, ein gemeinsames Schicksal und einen gemeinsamen Glauben. Wir haben einander nahestehende Kulturen, Sprachen, Traditionen und Mentalitäten […] ein Teil der Ukraine befand sich in den Händen verschiedener Staaten, die im Westen ihres Territoriums lagen, und alle diese Jahre hindurch war die ukrainische Nation zu Entbehrungen verurteilt, sie litt, war in einer sklavischen, erniedrigenden Lage.[22]

Die Hauptströmung der gegenwärtigen ukrainischen Geschichtsschreibung steht in tiefem Gegensatz zu dieser imperialen oder neoimperialen russischen Erzählung. Die von Hruševs’kyj konstruierte ukrainische Erzählung bestritt ganz fundamental die russischen Vorstellungen, nach denen die Kiewer Rus am Anfang der russischen Geschichte stehe. Nach dem Klassiker der ukrainischen Historiografie bedeutet die Sicht auf Kiew als Beginn des russischen Staates ebenso viel, als würde man das normannische England als Beginn des amerikanischen Staates ansehen.[23]

Unabhängig davon, wie verschieden die ukrainischen und weißrussischen Erzählungen vom russischen Narrativ sind, hat es den Anschein, als dürfe man bei den polnisch-weißrussischen und polnisch-ukrainischen Diskussionen den russischen Kontext nicht vernachlässigen – und das sowohl dann, wenn sich die Diskussion auf der Grundlage der sogenannten Geschichte ersten Grades vollzieht, als auch dann, wenn es um die Erinnerungsgeschichte geht, also um die Geschichte zweiten Grades.

Dialog der Narrative, Textualisierung, Kolonisierung

Die Beziehung der skizzierten fünf Narrative muss gesondert behandelt werden. Der Wissenschaftler hat mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, um diese komplizierte Situation zu begreifen. Klaus Zernacks Forderung, eine „Beziehungsgeschichte“ zu betreiben, scheint im Falle Polens, Litauens, der Ukraine, Weißrusslands sowie Russlands fast offensichtlich zu sein. Gegenseitige und gegensätzliche Einflüsse sind hier eine Selbstverständlichkeit, und ein umfassenderes Verständnis der Vergangenheit eines jeden dieser Länder ohne Berücksichtigung der Nachbargeschichten ist kaum möglich.

In der Literatur wird oft auf die Theorie der Kolonisierung hingewiesen, die so verstanden wird, dass dem anderen der eigene Diskurs aufgezwungen wird, dass man ihm die Möglichkeit nimmt, eine eigene Erzählung über sich selbst zu entwickeln, und er die Erzählung der dominierenden Seite übernehmen muss. Offensichtlich hat ein derartiges Verhältnis in hohem Maße in den russisch-ukrainischen und russisch-weißrussischen Beziehungen vom 19. Jahrhundert bis zum Ende der 1980er Jahre bestanden. Die Idee einer angeblich direkten Verwandtschaft der drei Nationen der Rus – der Großrussen, Kleinrussen und Westrussen – hat dazu beigetragen, den Ukrainern und Weißrussen ihr eigenes Narrativ zu nehmen und die Narrative von Ukrainern und Weißrussen ausschließlich zu einem Teil des größeren russischen (großrussischen) Narrativs werden zu lassen. Dies wurde dann von den Ukrainern, stärker noch von den Weißrussen übernommen.

Nicht zuzutreffen scheint die koloniale Theorie aber auf das polnisch-ukrainische und polnisch-weißrussische Verhältnis. Die Polen sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch nicht einmal mehr kulturell so sehr dominierend, dass sie den entstehenden Nationalbewegungen von Ukrainern und Weißrussen den Ton vorgeben könnten.[24] Ganz im Gegenteil, diese Bewegungen entstehen im Widerspruch zum polnischen Narrativ, und die polnische Seite verliert die Möglichkeit, diesen Prozess zu beeinflussen.

Ein anderes Bild der Beziehungen zwischen dem polnischen sowie dem ukrainischen und weißrussischen Narrativ erhält man allerdings, wenn man den von Edward Said geprägten Begriff „Textualisierung“ gebraucht, der dem amerikanisch-libanesischen Wissenschaftler dazu dient, die Beziehungen zwischen Okzident und Orient zu beschreiben. Er wird verwendet, wenn eine Gruppe sich in der Beschreibung einer anderen Gruppe (ihrer Vergangenheit) ausschließlich der eigenen Vorstellungen (Texte) über sie bedient, ohne der Erzählung der anderen, beschriebenen Seite Gehör zu schenken. Die Textualisierung ist oft Ergebnis von Dominanz (Kolonialismus), doch ist dies nicht die einzige Situation, in der wir mit einer so verstandenen Textualisierung zu tun haben.[25] Auf interessante Weise beschreibt die polnische Textualisierung dessen, was weißrussisch ist, der bereits zitierte Pjotr Rudkoŭski:

Zwischen polnischer und weißrussischer Identität besteht eine gewisse Asymmetrie – sowohl in den Zeiten der Rzeczpospolita als auch während der Befreiungsbewegung im 19. Jahrhundert dominierte das polnische Element das weißrussische ganz erheblich, und der Einfluss der polnischen Kultur auf die weißrussische war (und ist) größer als der Einfluss der weißrussischen Kultur auf die polnische. Die Polen können eine historische Erzählung konstruieren, in der Weißrussland noch nicht einmal erwähnt wird, während dies den Weißrussen schwerfällt, ja es gibt die Möglichkeit gar nicht, die eigene Geschichte zu erzählen, ohne Polen zu erwähnen. Die historischen Narrative verschärfen nicht selten das Identitätsproblem: In einigen polnischen Texten erscheint Weißrussland als extrem uneigenständiges Gebilde, als so etwas wie ein Embryo im Leib der Mutter Polen, das kulturell (und sogar materiell) von ihr abhängig ist. Die Weißrussen versuchen hingegen, sich zum Beispiel durch die Privatisierung der größten polnischen Helden „zu revanchieren“ – Tadeusz Kościuszko, Adam Mickiewicz und andere. Die einen wie die anderen werden nicht selten zu Opfern der eigenen Komplexe: Die Weißrussen des Komplexes der Unterlegenheit, die Polen des Komplexes der Überlegenheit.[26]

Wenn er die Geschichte der alten Rzeczpospolita erzählt, tut ein Pole dies im Hinblick auf die Geschichte Weißrusslands bereits auf eine ganz bestimmte Weise. Es kommt ihm so vor, als müsse er den Weißrussen nicht anhören, um seine Geschichte zu kennen, und die Behauptung, dass Kościuszko ein Weißrusse sei, findet er lächerlich. Offensichtlich textualisiert die polnische Seite auch die Geschichten der Ukraine und Litauens.

Man könnte noch die kritische Bemerkung riskieren, dass das polnische kollektive Gedächtnis insofern westlich ist, als es alles ignoriert, was östlich von ihm liegt; so wie die Franzosen die Deutschen ignorieren, die Deutschen die Polen, und die Polen sich vorstellen, es habe beim Entstehen des polnischen Staates östlich davon praktisch nur von Barbaren bevölkerte Ödnis gegeben.

Versuch einer Schlussfolgerung

Die Herangehensweise, wie sie die Erinnerungsgeschichte vorschlägt, kann dabei hilfreich sein, viele Antagonismen zwischen Polen, Ukrainern, Weißrussen und Litauern zur Sicht auf die Vergangenheit zu verstehen. Diese Antagonismen sind oft nicht ein Ergebnis unterschiedlicher Ansichten über den Verlauf vergangener Ereignisse, sondern über ihre Beurteilung und ihren Stellenwert im kollektiven Geschichtsbewusstsein. Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist die Union von Horodło 1413, die so unterschiedlich eingeordnet wird.

Der Weg dazu, diese Antagonismen zwischen den Nationen zu überwinden, kann nicht nur über die Erforschung der Vergangenheit selbst führen, sondern auch die Erinnerung muss erforscht werden. Ein Fortschritt auf diesem Gebiet hängt von der Analyse von Schulbüchern und akademischen Lehrbüchern für Geschichte, des sich verändernden Kanons an gelesener Literatur zur Vergangenheit usw. ab. Eine Bedingung dafür, dass diese Analysen Erfolg haben, sollte es sein, sorgfältig zwischen der Historiografie der Vergangenheit (wie es gewesen war) und der Historiografie der Erinnerung (wie die Vergangenheit erinnert wird) zu unterscheiden.

Es scheint, als sei es ohne entsprechendes Wissen über die Narrative der Dialogpartner schwer, zu einer Verständigung zu gelangen. Selbst wenn in Einzeluntersuchungen ein gemeinsamer Fortschritt erzielt wird und Auseinandersetzungen über historische Geschehnisse überwunden werden, so werden doch die Kontroversen über unterschiedliche Interpretationen nicht enden, die mitentscheidend sind für große Unterschiede zwischen den Erinnerungskulturen.

Deshalb muss man sich auch sehr sorgsam der Erzählung über die alte Rzeczpospolita nähern, die eine Wiege vieler Nationalkulturen ist – mit jeweils unterschiedlichen Auffassungen bzw. Narrativen ihrer Vergangenheit. Die allzu übereilte Behauptung, dass die Vergangenheit der Rzeczpospolita alle Nationen eine, die auf ihrem Gebiet entstanden sind, kann das gegenseitige Verständnis oft eher erschweren als erleichtern.

Aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew

Kazimierz Wóycicki: Okiem narratologa: Unia horodelska w kulturze pamięci państw sukcesorów dawnej Rzeczpospolitej, Od Horodła do Horodła. Unia horodelska: dzieje i pamięć (1413-2013): wystawa Muzeum Zamojskiego w Zamościu i Muzeum Historii Polski, Muzeum Zamojskie w Zamościu, 29 IX – 31 IX 2013, Zamość – Warszawa 2013, S. 131-145.

Ausgewählte Literatur

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Yuriy Alesieiev: History of Ukraine, 2. Auflage Kyiv 2012.

Ihar Babkou: Królestwo Białorusi. Interpretacje ru(i)n, Wrocław 2008.

Nelly Bekus: Struggle over Identity. The Official and Alternative „Belarusianness”, Budapest 2010.

Oleksandr D. Bojko: Istorija Ukraïny. Posibnyk, 2. Auflage, Kyïv 2002.

Sjamën Bukčin: Belorusskaja tragedija 1986 – 1999. Strana i narod v zerkale publicistiki, Warszawa 2000.

Belaruskaja litaratura. Bilety ŭ pytannjach i adkazach. 11 klac, 2. Auflage, Minsk 2002.

Bohdan Cywiński: Szace kultur. Szkice z dziejów Europy Wschodniej, Warszawa 2013.

Mychajlo Hruševs’kyj: Iljustrirovana istorija Ukraïny, Donec’k 2006.

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Jūratė Kiaupenė: Wielkie Księstwo Litewskie w czasach Jagiełły i Witolda, in: ders., Zigmantas Kiaupa, Albinas Kuncewičius (Hg.): Historia Litwy od czasów najdawniejszych do 1795 roku, Warszawa 2008, S. 125-155.

Vaclaŭ Lastoŭcki: Vybranyja tvory, Minsk 1997.

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Jan Zaprudnik: Belarus: At the Crossroads in History, Boulder 1993 (Westview series on the post-Soviet republics).

Leszek Zasztowt: Europa Środkowo-Wschodnia a Rosja XIX-XX wieku. W kręgu edukacji i polityki, Warszawa 2007 (Bibliotheca Europae Orientalis, Bd. 27).

Leszek Zasztowt: Kresy 1832-1864. Szkolnictwo na ziemiach litewskich i ruskich dawnej Rzeczypospolitej, Warszawa 1997.

Klaus Zernack: Polen und Rußland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994.

[1] Feliks Antoniewicz: Historja Polska w zarysie z jeografią i mapą dawnej Polski tudzież i opisem sejmu, elekcji, koronacji i pogrzebu królów i wojska napisana dla początkującej młodzieży na pamiątkę tysiącletniej rocznicy wstąpienia Familii Piastów na tron Polski koło roku 860, Gniezno 1861, S. 41.

[3] Vgl. Mykola Lazarovyč, Natalija Lazarovyč: Istorija Ukraїny. Vidpovidi na pytannja ekzamenacijnxch biletib. Navčal’nyj posibnyk, Kyïv 2010; o.V.: Novyj dovidnyk. Istorija Ukraїny, 6. Aufl., Kyïv o.J..

[4] Vgl. Oleksandr D. Bojko: Istorija Ukraïny, Kyïv 2002, S. 98.

[5] Vgl. Yuriy Alesieiev: History of Ukraine, 2. Aufl., Kyiv 2012.

[6] Vgl. Bohdan Lanovyk / Mykola Lazarovyč (Hg.): Istorija Ukraїny. Navčal’nyj posibnyk, Kyïv 2006.

[7] Selbstverständlich erfordert die gegenwärtige ukrainische Histografie eine eigene, breitere Inhaltsanalyse sowohl der akademischen Handbücher und als auch der Schullehrbücher.

[8] Das betrifft die Ukrainische Revolution von 1917 bis 1922 (der Begriff „Ukrainische Revolution“ steht in Opposition zur sowjetischen und russischen Historiografie, die nicht bereit ist, die Ereignisse in der Ukraine separat zu behandeln), die sowjetischen Repressionen (vor allem den Holodomor), die Geschichte der UPA (in dieser Angelegenheit fehlt ein gemeinsamer Nenner in der ukrainischen Historiografie) sowie die Geschichte der Dissidenten zwischen 1960 und dem Ende der 1980er Jahre.

[9] Vgl. Natalia Jakowenko: Historia Ukrainy do 1795 roku, Warszawa 2011.

[10] Osip Turčynovič: Obozrěnie Istorii Bělorussii sʺ drevněišichʺ vremenʺ, Sankt Petersburg 1857.

[11] Die modernen Staatsgrenzen haben einen mittelbaren, jedoch offensichtlichen Einfluss auf die Herausbildung von Narrativen und Vergangenheitsvorstellungen. Wir lassen hierdurch nämlich die Geschichte von Nationen sowie der von ihnen in der Gegenwart besessenen Territorien entstehen.

[12] Vgl. Hienadź Sahanowicz: Historia Białorusi. Bd. 1: Od czasów najdawniejszych do końca XVIII wieku, Lublin 2001, S.106 f, kann man als ernsthaften Versuch solch einer eigenen Auffassung behandeln, obwohl man sich bewusst machen muss, dass jene „dritte Richtung” eine breite Diskusion in weißrussischen Historikerkreisen erfordern würde, um sich in vollem Umfang gestalten zu können.

[13] Vgl. Iryna Michiejeva: „Kryvjia” i „Zadruga” as Cultural and Political Horizons of National Rebirth of Belorus and Poland: Experience of Comparative Analisis, in: Belarusian Political Science Review, 1 (2011), S. 111-127.

[14] Vgl. Valjancin Akudovič: Kod otsutstvija, Kaunas 2008.

[15] Vgl. Pëtr T. Petrikov: Očerki novejšej istoriografii Belarusi (1990-e – načal šč 2000-ch godov), Minsk 2007.

[16] Vgl. Ryszard Radzik: Formowanie się nowoczesnej białoruskości w XX stuleciu, in: Dorota Michaluk: Białoruś w XX wieku. W kręgu kultury i polityki, Toruń 2007, S. 161-174, Das Buch eine interessante Analyse verschiedener Strömungen der offiziellen Staatsideologie der Regierungen Lukašenkas.

[17] Ihar Babkou: Królestwo Białorusi. Interpretacje ru(i)n, Wrocław 2008, S. 54.

[18] Belegt wird dies auch durch die relativ übereinstimmenden Ansichten zu vielen grundlegenden Angelegenheiten, die von polnischen und litauischen Historikern geteilt werden. Unter ihnen sind auf litauischer Seite so großartige Wissenschaftler wie Edidijus Aleksandravicius, Alfredas Bumblaukas, Zigmantas Kiaupa, Alvydas Nikžentaitis, Rimantas Miknys, Rimvydas Petraukas oder Darius Staliunas nennen. Die guten wissenschaftlichen Kontakte der Historiker kontrastieren leider mit den nicht allzu guten politischen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Viel größere Unterschiede gibt es, wie mir scheint, zwischen den polnischen und litauischen Politikwissenschaftlern.

[19] So gibt es u. a. in Wilna ein Restaurant, in dem eine Rekonstruktion der Schlacht von Tannenberg nonstop auf einem Bildschirm läuft.

[20] Jūratė Kiaupenė: Wielkie Księstwo Litewskie w czasach Jagiełły i Witolda, in: Zigmantas Kiaupa, Jūratė Kiaupienė, Albinas Kuncewičius (Hg.): Historia Litwy od czasów najdawniejszych do 1795 roku, Warszawa 2008, S. 125-155, hier S. 149-150.

[21] Vgl. Oleg Nemenskij: Poljaki i russkie: narody raznych vremën c raznych prostransmv, in: Voprosy nacionalizma. Žurnal naučnoj i obščestvenno-političeskoj mysli 3 (2010), S. 24-37.

[22] o. V.: Putin: Rosja i Ukraina kiedyś znów będą razem, in: http://wiadomosci.gazeta.pl/wiadomosci/1,114871,14548136,Putin_Rosja_i_Ukraina_kiedys_znow_beda_razem.html (29.05.2017).

[23] Natürlich ist alles viel komplizierter. Man müsste fragen, ob der Streit um den „russischen“ bzw. „ukrainischen“ Charakter der Kiewer Rus abgesehen von seinem ideologischen Kontext irgendeinen Sinn hat. So wie das Reich Karls des Großen – über dessen „Nationalität“ man in Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts heftig stritt (Charlemagne oder Karl der Große?) – Bezugspunkt für zwei Nationen ist, für Franzosen wie für Deutsche, so könnte auch die Kiewer Rus mehr als nur einen Staat begründen.

[24] Die Frage, ob die stattfindende Polonisierung des Gebiets der alten Rzeczpospolita als Kolonialisierung zu bezeichnen ist, ist eine ganz eigene Frage, die man nicht mit Fragen verbinden kann, die sich aus einer Kolonisierungstheorie ergeben, wenn man sie so versteht, dass jemandem das eigene Narrativ aufgezwungen wird. In besonders interessanter Art weisen darauf die Arbeiten Zasztowts hin: Leszek Zasztowt: Europa Środkowo-Wschodnia a Rosja XIX-XX wieku. W kręgu edukacji i polityki, Warszawa 2007 (Bibliotheca Europae Orientalis, Bd. 27); ders.: Kresy 1832-1864. Szkolnictwo na ziemiach litewskich i ruskich dawnej Rzeczypospolitej, Warszawa 1997.

[25] Vgl. Edward W. Said: Orientalismus, Frankfurt am Main 1981.

[26] Pjotr Rudkoŭski: Powstawanie Białorusi, Wrocław 2009, S. 179.