Kartenmaterial zu Polen-Litauens um 1600

Sich verändernde Grenzen und das Phänomen einer multinationalen Republik

Der polnische Staat existiert seit über 1.000 Jahren. Innerhalb dieses Zeitraums veränderten sich seine Grenzen viele Male. In den ersten vier Jahrhunderten, ab Mitte des 10. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, wurde das Gebiet vor allem vom polnischen Volk besiedelt. Die ethnische Diversifizierung des polnischen Staates nahm im 13./14. Jahrhundert ihren Anfang. Die erste Welle der städtischen und ländlichen Besiedlung betraf vornehmlich Siedler aus den deutschen Gebieten, die ihren Weg in die polnischen Gebiete im Rahmen der Kolonialisierung nach deutschem Recht fanden. Der nächste Schritt, dessen Folge die weitere ethnische Diversifizierung war, bestand in der Eroberung des rotruthenischen Gebiets (von 1340) durch Kasimir den Großen, den letzten aus der Dynastie der Piasten stammenden König Polens. Eine weitere Zäsur war die im Jahr 1385 in Krewo geschlossene Union zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen – die erste einer Reihe von Personalunionen, die einen losen Bund zwischen zwei staatlichen Organismen unter Herrschern der Jagiellonen-Dynastie schufen.

Die im Jahr 1569 geschlossene Realunion von Lublin, welche die Grundlage für den föderalen Staat Polen-Litauen – von Historikern auch als „Republik beider Nationen“ bezeichnet – bildete, stellte einen Wendepunkt in der Geschichte Polens dar. Sie sollte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestehen bleiben. Nach 1569 entwickelte sich die Rzeczpospolita zu einem der sowohl ethnisch als auch religiös vielfältigsten, bevölkerungsreicheren und auch (territorial) größten Staaten Europas. In der polnischen Geschichtsschreibung wird davon ausgegangen, dass die polnischsprachige Bevölkerung nach 1569 50 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Weniger als 100 Jahre später, in den 30er-Jahren des 17. Jahrhunderts, sank der Anteil der polnischsprachigen Bevölkerung aufgrund des Anschlusses der Gebiete des Moskauer Staates (Gebiete Tschernihiw und Smolensk) auf 40 Prozent, um nach der ersten Teilung im Jahr 1772 wieder auf 60 Prozent zu steigen.

19.JPG (295 KB)

Die polnischen Bevölkerungsgruppen bewohnten vor allem das innerhalb der vor Mitte des 14. Jahrhunderts geltenden Grenzen liegende Gebiet des Königreichs Polen sowie – zusammen mit anderen ethnischen Gruppen– die zum Mittelalter und im Jahre 1569 der Polnischen Krone angeschlossenen Gebiete wie auch das Territorium des Großfürstentums Litauen. Neben den Polen bildeten die Ruthenen die größte Bevölkerungsgruppe auf dem Gebiet der ehemaligen Rzeczpospolita. Diese besiedelten einen Teil des Gebiets des Großfürstentums Litauen (heutiges Weißrussland) sowie der Woiwodschaften Ruthenien, Wolhynien, Podolien, Bracław und Kiew (heutige Ukraine). In den Gebieten, welche die Wiege des mittelalterlichen litauischen Staates (Samogitien und Aukštaitien) bildeten, traten geschlossene Gruppen der litauischen Bevölkerung auf. Letten und Esten bewohnten Livland, das erst in den 60er-Jahren des 16. Jahrhunderts an den polnisch-litauischen Staat angeschlossen wurde. Neben diesen Volksgruppen, die bereits seit langem die Gebiete der Rzeczpospolita bewohnten, fanden auch kleinere Gruppen bereits im Mittelalter bzw. in der frühen Neuzeit ihren Weg hierher. Hierbei handelte es sich um Deutsche, die vor allem die Städte von Preußen Königlichen Anteils, aber auch zahlreiche andere Städte besiedelten (wie z. B. Krakau, Warschau und Lemberg), und auch Schotten. Darüber hinaus lebten hauptsächlich in den östlichen Gebieten auch: Ormanen, Tataren, Karäer und die aus dem Donauraum strömenden Walachen. Im Zeitverlauf betrachtet stellten neben Polen und Ruthenen Juden die größte Ethnie dar, die in größeren Gruppen nach Polen zogen, um der Verfolgung im Westen Europas zu entgehen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung bereits 10 % an der Gesamtbevölkerung, wobei der Großteil kleinere und größere Ballungsräume auf dem gesamten Gebiet der Rzeczpospolita bevölkerte. Darüber hinaus lebten in verschiedenen Regionen des Landes kleinere Gruppen von Italienern, Franzosen und Ungarn, die nichtsdestotrotz bedeutend für die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung und die Kriegskunst des Landes waren. Die wichtigste Gruppe im Hinblick auf nomadische Bewegungen waren die Sinti und Roma.

20.JPG (273 KB)

Nach der Epoche der Teilungen Polens (1795–1918) zeichnete sich die Zweite Polnische Republik (II. Rzeczpospolita) weiterhin durch einen bedeutenden Anteil (über 30 %) von Minderheiten aus. Erst durch den Zweiten Weltkrieg und die daraus resultierenden Grenzverschiebungen und Umsiedlungen entstand im Jahr 1945 ein polnischer Staat mit einem Grenzverlauf, der an denjenigen vor dem 14. Jahrhundert erinnert und mit einer relativ homogenen ethnischen Zusammensetzung (einer der homogensten im modernen Europa) aufwartet, in der 96 Prozent der Bevölkerung ihre Zugehörigkeit zur polnischen Nationalität erklären.